20.04.2016
Kfz-Telematiktarife

Ich weiß, wie gut Du Auto fährst

Wer besonnen Auto fährt, kann bei der Kfz-Versicherung sparen. Das versprechen die neuen Telematiktarife. Für wen lohnt sich das? Und wie funktioniert das überhaupt? Das GDV-Magazin POSITIONEN hat nachgefragt.

Bordcomputer und Assistenzsysteme können eine Menge: Sie geben für den Autofahrer Gas, bremsen, warnen vor Gefahren oder lassen eine LED blinken, wenn etwas mit dem Motor nicht stimmt. Das Auto „kennt“ seinen Fahrer, aber es behält alles für sich. Auf Wunsch fährt jetzt die Versicherung mit: Telematiktarife gewähren Kunden einen Prämiennachlass, wenn die ihr Fahrverhalten aufzeichnen und auswerten lassen. Umsichtige Fahrer werden belohnt, andere – so die Hoffnung – motiviert, sicherheitsbewusster zu fahren. Im Ausland sind solche „Pay how you drive“-Tarife schon länger Usus, in Deutschland startete die Sparkassen DirektVersicherung (S-Direkt) 2014 den ersten Modellversuch. Inzwischen ziehen viele Anbieter nach, darunter Signal Iduna, VHV, Axa und Admiral Direkt. Allianz und HUK-Coburg wollen demnächst einsteigen.

Zielgruppe sind vor allem Fahranfänger. Die Ansage: Es wird billiger, wenn du uns beweist, dass du vernünftig fährst. Nicht nachts durch die Alleen herunterheizen, vorausschauend bremsen und eher zärtlich beschleunigen. Registriert wird das Fahrverhalten per Smartphone oder über eine sogenannte Blackbox, die in den Motorraum integriert wird. Bei anderen Anbietern wie der VHV wird die Blackbox in die 12-Volt-Buchse im Fahrzeuginnenraum gestöpselt.

Manche Systeme messen nur Faktoren wie Geschwindigkeit, Uhrzeit, Beschleunigungs- und Bremsverhalten, manche zeichnen auch Routen auf. Die Daten werden per Mobilfunk an einen unabhängigen oder zum Versicherer gehörenden Dienstleister übertragen, der daraus nach jeder Fahrt eine Note errechnet, den sogenannten Score. Dieser wird an den Kunden sowie seinen Versicherer geschickt. Der Kunde kann die Datenerfassung abschalten – riskiert dann aber, den Bonus zu verlieren.

Alles in einer App: Kunden in Telematiktarifen können auf Wunsch sofort vom Smartphone erfahren, wie und wie weit sie gefahren sind.

Das Interesse wächst

„Telematiktarife scheinen nun auch Einzug in den deutschen Markt zu finden“, sagt Tibor Pataki, Leiter der Abteilung Kraftfahrtversicherung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Die Axa hatte erst einmal die Entwicklung verfolgt, bevor sie im November 2015 einstieg. Und die VHV in Hannover hat jahrelang einen Pilotversuch gefahren, bevor sie im September 2015 ihren Tarif „Telematik Garant“ lancierte. „Diese Erfahrungswerte haben wir für die Tarifierung genutzt“, sagt Vorstand Per-Johan Horgby.

Peter Slawik geht diesen Schritt noch nicht. „Bisher gibt es nur sehr wenige Schadenfälle von Fahrzeugen mit Telematikeinheiten“, sagt der Vorstand von Provinzial Rheinland. „Daher gibt es auch keine gesicherten Modelle, welches Fahrverhalten schadenträchtig ist oder nicht.“ Erst dann könne ein vernünftiger Tarif angeboten werden.

Rund neun Millionen Schadenfälle werden jährlich von den Kraftfahrtversicherern bearbeitet. Sie fließen ein in die Schadenbedarfsstatistiken des GDV – ein Datenfundus, auf dem das Raster basiert, in das Versicherer heute schon ihre Kunden einordnen können. „Interessant wird sein“, sagt GDV-Experte Pataki, „welche Auswirkungen die Telematik auf das bestehende Tarifierungssystem haben wird.“ Und mit welchen Methoden das Fahrverhalten ausgewertet wird.

Wichtig: Transparenz

Die derzeit benutzten Score-Modelle beruhen auf Annahmen, etwa: Wer stark beschleunigt und heftig abbremst, verursacht mehr Unfälle. „Aber stimmen diese Annahmen?“, sagt Provinzial-Rheinland-Vorstand Slawik. Deshalb brauche er Daten. „Die Unfallprognose muss besser sein als bisher, sonst macht ein Telematiktarif doch keinen Sinn.“
Das sieht die R+V ähnlich, sie hält noch keine Lösung für ausgereift: „Die Telematik-Boxen zeichnen das Fahrverhalten kleinteilig auf, aber das System kann diese Daten nicht interpretieren“, resümierte Projektleiter Marc-Oliver Matthias nach einer Praxisstudie mit 1.500 Teilnehmern.

STATEMENT

Per-Johan Horgby, Vorstand VHV

„Mit Telematiktarifen ändert sich das Fahrverhalten, und zwar deutlich.“

Die Allianz ist optimistischer: „Wir bewerten nicht jeden einzelnen Bremsvorgang, sondern schauen uns das gesamte Fahrverhalten an“, sagt Sprecherin Charlotte Gerling. Wer für einen über die Straße laufenden Hund stark bremst, brauche keine Angst zu haben, dass ihm das als aggressives Fahrverhalten ausgelegt wird.
Wo sie eingeführt werden, scheinen „Pay how you drive“-Tarife einen positiven Effekt zu haben, die Unfallquote soll erkennbar gesunken sein. „Wir haben im Pilotversuch gesehen: Das Fahrverhalten ändert sich, und zwar deutlich“, sagt VHV-Vorstand Horgby. Trotzdem reagieren Datenschützer skeptisch. Sie fragen: Sind die Daten ausreichend geschützt? Entstehen Bewegungsprofile? Können Strafermittler nach einem Unfall die Blackbox auswerten?

Transparenz darüber, welche Daten erhoben und verarbeitet werden, die strikte Freiwilligkeit, wenn es darum geht, die Daten an den Versicherer weiterzugeben, und Datensicherheit sind Voraussetzungen dafür, die neuen Tarife anbieten zu können. Auch deshalb steht die Branche mit den Datenschutzbehörden im Austausch.

Erst fahren, dann sparen

Ein Anreiz für den Abschluss eines Telematiktarifs ist der mögliche finanzielle Vorteil. Wer eine solche Versicherung abschließt, kann auf einen deutlich niedrigeren Preis im Vergleich zu herkömmlichen Angeboten hoffen, die Differenz kann durchaus bis zu 40 Prozent betragen. Dieser Vorteil sei allerdings nicht immer gegeben, sagen Verbraucherschützer. Tatsächlich rechnet sich der Telematik-Bonus nicht immer – er muss schließlich erst durch verantwortungsvolles Fahren verdient werden.

Kritiker wie der Verband Deutscher Versicherungsmakler sehen in den Telematiktarifen hingegen einen Angriff auf das Solidarprinzip: Je mehr Fahrern es gelänge, ihre Beiträge zu senken, desto mehr müssten die Versicherer den Umsatzausfall anderswo zurückholen. Die Assekuranz weist die Kritik zurück: „Dass der eine für den anderen mitbezahlen soll, weil das Risiko falsch eingeschätzt wurde, ist bei der Kfz-Versicherung nicht der Fall“, sagt HUK-Coburg-Sprecher Holger Brendel. „Es gibt bereits jetzt schon viele Möglichkeiten, den Tarif an das eigene Risiko anzupassen.“

Frei entscheiden

Abzuwarten bleibt, ob Telematik ein Randphänomen für junge Fahranfänger bleibt. Marktstudien liefern bislang kein eindeutiges Bild. Eine Hürde sind die Kosten: „Bei uns kostet die Telematik-Box sieben Euro pro Monat“, sagt VHV-Vorstand Horgby, „das lohnt sich ab einer Jahresprämie von rund 500 Euro.“ Andere Anbieter verzichten ganz auf teure Hardware und setzen auf das Smartphone. „Wir haben uns ganz bewusst gegen die permanente Aufzeichnung von Daten über eine Blackbox entschieden“, sagt Nadine Kast-Plath von der Axa. „Die Erhebung der Daten über das Smartphone räumt unseren Versicherten die Möglichkeit ein, frei zu entscheiden, ob und wann sie Fahrdaten teilen und wann nicht.“

HUK-Coburg-Sprecher Brendel dagegen sieht keine Alternative zur Blackbox: „Für wirklich verwertbare Daten muss die Technik fest verbaut sein.“ Auch VHV-Vorstand Horgby hält das Smartphone für ungeeignet und setzt stattdessen auf eine würfelförmige Blackbox, die nicht fest mit dem Auto verbunden ist – schon aus Sicherheitsgründen.

Für jede dieser Telematik-Technologien gilt: Die Kunden müssen selbst darüber bestimmen können, wer ihre Daten erhält und wer nicht.

Genau das wird auch vor dem Hintergrund der Einführung von E-Call wichtig. Dieses System, das von 2018 an EU-weit in jedem neuen Pkw-Modell verbaut sein muss, soll nach einem Unfall automatisch einen Notruf absetzen. Die dafür nötige Technik macht aber auch andere Service-Angebote möglich. Damit hier kein Datenmonopol der Autohersteller entsteht, engagiert sich der GDV in Brüssel für eine offene und standardisierte Schnittstelle zum Austausch von Kfz-Daten. Kunden sollen schließlich frei entscheiden können, ob und welchem Anbieter sie die Daten aus ihrem Auto zur Verfügung stellen wollen.

Geheimnisse gibt es an Bord schließlich schon genug.

Text: Georg Dahm
Illustration/Foto: Mina De La O/Stone/Getty Images; dpa/Picture Alliance

Der Artikel ist erschienen im GDV-Magazin POSITIONEN, Ausgabe 01_2016