04.04.2016
Interview zum Unfallmeldedienst

„Ein schneller Notruf rettet Leben“

Am 4. April startet die Versicherungswirtschaft den Unfallmeldedienst, ein automatisches Notruf-System für Autos, das bei Unfällen für schnelle Hilfe sorgt. Unfallarzt Jörg Beneker erklärt, warum es im Notfall auf jede Minute ankommt.

Herr Beneker, mit dem Unfallmeldedienst startet nun ein automatisches Kfz-Notrufsystem zum Nachrüsten. Wie wichtig ist es, dass der Rettungsdienst schnell alarmiert wird?
Jörg Beneker: Welche Bedeutung eine schnelle Alarmierung hat, sieht man an einem Ost-West-Rückblick: Als Berlin noch geteilt war, fuhren im Osten die Notärzte vielleicht zwei, drei Mal im Monat zu einer Reanimation. Sie können ja nur jemanden wiederbeleben, wenn das Herz erst kurz vorher aufgehört hat zu schlagen. Aber weil fast niemand ein Telefon hatte, gab es in Berlin-Ost kaum Reanimationen. In West-Berlin fuhr jeder einzelne Notarztwagen dagegen oft fünf Mal die Woche zu einer Reanimation. Die signifikant höhere Wiederbelebungsrate hing unmittelbar mit den besseren Kommunikationsmöglichkeiten zusammen. Ein schneller Notruf rettet also Leben.

Mit dem Einzug von Handys können Autofahrer nun quasi sofort von fast überall einen Notruf absetzen. Kann da ein automatisierter Unfallmeldedienst noch Verbesserungen bringen?
Beneker: Heute hat tatsächlich an jeder Unfallstelle auf der Autobahn jemand ein Handy. Trotzdem fahren manche teils an schwerstverunfallten Fahrzeugen einfach vorbei. Zudem ist das Anhalten auf der Autobahn auch nicht ganz ungefährlich. Was aber das viel größere Problem ist: Die Leute fahren alle mit Navi – aber sie wissen nicht, wo sie sind. Sie bekommen dann Ortsbeschreibungen wie „Auf dem Weg von Hamburg nach München und ganz weit hinten kann ich eine gelbe Tankstelle sehen“. Es dauert dann einfach, bis die Leitstelle den genauen Unfallort durch Befragung der Anrufer herausfindet. Da kann eine automatische Benachrichtigung mit Ortsangabe beim Unfall mit Sicherheit Beschleunigung bringen.



GDV

Schwerpunkt Unfallmeldedienst

Ein neuer Service der deutschen Versicherer macht das Autofahren künftig sicherer. In einem Schwerpunkt stellt der GDV den Unfallmeldedienst vor, beantwortet die wichtigsten Fragen und zeigt, wie der Dienst in der Praxis hilft. >> zum Schwerpunkt


 

Wie lang sollte die Rettung maximal dauern?
Beneker: Bei einer schweren Verletzung oder Erkrankung sollten vom Eintritt bis zur definitiven Therapie in der Klinik nicht mehr als 90 Minuten – besser noch: nur eine Stunde – vergehen. Das heißt in der medizinischen Literatur auch „Golden Hour of Trauma“. Aus der Forschung wissen wir: Dauert es länger, dann steigt die Todesfallwahrscheinlichkeit rapide. Das gilt vor allem für Herzinfarkt und Schlaganfall, aber genauso bei Unfällen für Schädel-Hirn-Traumata und schwerste Mehrfachverletzungen, das sogenannte „Polytrauma“.

90 Minuten klingt aber erst einmal recht lang.
Beneker: Die 90 Minuten sind aber bis zum Abschluss der Diagnostik gerechnet. Das schafft man bei einem Unfall nur, wenn es optimal läuft. In dieser Zeit muss der Notruf alarmiert werden, der Rettungswagen bis zur Unfallstelle kommen, die Insassen aus dem Wagen gerettet und möglicherweise auch noch mit Rettungsschere und Spreizer aus dem Wagen befreit werden. Die Erstversorgung muss abgeschlossen und der Rettungswagen zurück in einem geeigneten Krankenhaus sein. Dann steht, zum Beispiel bei Kopfverletzungen, eine Computertomographie an. Wenn Sie diese ganzen Schritte sehen, die in diesen ersten 90 Minuten geschehen müssen, bis die gezielte Behandlung beginnen kann, dann sehen sie: Es zählt jede Minute. In dem Moment des Unfalls fängt die Überlebensuhr an zu laufen. Ein verspätet ausgelöster Notruf ist womöglich dann schon der Beginn einer Verschlechterung der Überlebenschancen.

Zur Person

Dr. Jörg Beneker

Beneker ist Leitender Oberarzt für das Rettungswesen im Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) mit einer der größten Notaufnahmen Deutschlands. Er ist Ärztlicher Leiter des Intensivtransporthubschraubers „Christoph Berlin“ und fliegt selbst regelmäßig Einsätze. Für das ukb ist er ebenfalls Katastrophenschutzbeauftragter. Zudem ist der 57-Jährige stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands (BAND).

Reicht denn eine automatische Alarmierung aus?
Beneker: Die Schwere des Aufpralls hat ja nicht immer mit der Schwere der Verletzungen zu tun. Manchmal ist jemand nur leicht gegen eine Laterne gefahren – der Grund dafür war aber ein Herzinfarkt. Auch das ist dann ja ein schwerer Notfall. Das können Sie mit einer rein technischen Lösung nicht entdecken. Um Fehlalarme zu vermeiden, müssen Sie nicht nur herausfinden, wie schwer ein Aufprall ist, sondern auch wie viele Personen wie schwer verletzt sind. Denn wenn zu jedem Aufprall gleich ein Notarzt geschickt wird, dann ist das Rettungssystem schnell überlastet. Aus den Angaben von Zeugen kann die Leitstelle ebenfalls nur schwer den Zustand der Verletzten ermitteln. Wenn über eine Sprachverbindung mit einer Notrufzentrale versucht wird, mit dem Fahrer zu sprechen, dann kann die Notrufzentrale gezielt nachfragen und eben solche Fehlalarme verhindern. Und wenn der Fahrer nicht antworten kann, ist allein das ja auch eine wertvolle Information für den Rettungsdienst.

Interview: Henning Engelage