21.03.2016
Hipster-Opa über die Zukunft

„Ich hätte kein Wort geglaubt“

Die Zukunft hatte sich Günther Anton Krabbenhöft, 70, anders vorgestellt. Wir haben den deutschlandweit bekannten „Hipster-Opa von Berlin“ und Jannik Sührig, 29, zum Gespräch über Erwartungen und Enttäuschungen gebeten.

Günther Anton Krabbenhöft fällt auf. Er trägt Weste, Hut und Fliege zu Lederstiefeln und steckt seine langen Beine in hochgekrempelte Jeans. Aus seinem Hut lugt vorwitzig eine blaue Feder. Das ist eben sein Look. Die Medien nennen ihn den „Hipster-Opa von Berlin“, weil Krabbenhöft bereits 70 Jahre alt ist (und tatsächlich zweifacher Großvater). Zum Interview im Kreuzberger Café „Kaffeebar“ erscheint er gemeinsam mit Jannik Sührig. Den 29-Jährigen hat er im Techno-Club „Berghain“ kennengelernt, beim Raven.

Herr Krabbenhöft, wenn Ihnen jemand früher erzählt hätte, mit 70 Jahren sind Sie eine Stil-Ikone und werden nächtelang durchtanzen …
Günther Anton Krabbenhöft: … dann hätte ich kein Wort geglaubt. Solch eine Zukunft lag für mich komplett außerhalb des Vorstellbaren.

Wie haben Sie sich als junger Mann die Zukunft vorgestellt, mit fliegenden Autos und Städten auf dem Mond?
GAK: Ich wollte der großen Liebe begegnen, wollte Frau und Kinder. Ansonsten hatte ich wenig konkrete Vorstellungen, die über „Ich möchte später mal ein Auto haben“ oder „Ich möchte irgendwie gut leben“ hinausgingen. Ich bin ja gelernter Koch und habe recht jung geheiratet, schon mit 24 Jahren, und dann gab es schnell Nachwuchs. Also stand für die nächsten Jahre die Familie im Mittelpunkt. Bis dann irgendwann der Gedanke kam: War’s das jetzt oder geht’s weiter?

Fühlten Sie sich damals festgefahren?
GAK: Zum Glück selten. Das Schicksal hat immer so kleine Dinge bereitgehalten, die mich daran erinnert haben, dass mein Leben toll ist. Oft sind mir Menschen begegnet, die mir gezeigt haben, wofür sie brennen. Das hat auch mein Feuer wieder entfacht – und mich gelehrt, offen und neugierig zu bleiben.

Neugierig auf Mode waren Sie offenbar früh …
GAK: Falsch. Ich bin nicht an Mode, sondern an Kleidung interessiert. Sie war schon immer meine Möglichkeit, mich nach außen abzugrenzen. Ich habe Secondhandläden durchstöbert und irgendwie mein eigenes Ding gemacht. Etwa eine alte Skihose aus den 20er-Jahren ausgegraben, dazu Wanderstiefel angezogen und oben – was weiß ich. Ich hatte immer so eine Vorstellung. Das ist viel belächelt worden, und es gab jede Menge ablehnende Kommentare. Sicherlich habe ich manchmal danebengelegen, aber das gehört ja dazu, wenn man experimentiert und versucht, sich zu finden. Damit habe ich irgendwie gelebt und weiß eigentlich erst heute, wie viel Stärke damals dazugehörte.

Ernten Sie heute als gut angezogener 70-Jähriger andere Reaktionen als früher?
GAK: Dazu muss ich sagen: Ich kleide mich heute anders als früher. Wenn man älter wird, kann man nur auf die klassische Herrenmode zurückgreifen, ohne albern zu wirken. Niemand wird Teil der Jugend, wenn er sich jugendlich anzieht – das kann nur lächerlich wirken. Was ich merke: Die Reaktionen auf mich ändern sich. Es ist mir früher nie passiert, dass mir so viele freundliche Blicke zugeworfen werden, dass Frauen und Männer den Daumen hochheben, dass ich angesprochen werde oder Komplimente kriege. Und dann sehe ich die ganzen jungen Menschen, die danach streben, bloß nicht aufzufallen …

Das heißt, Sie würden Ihren Begleiter gern mal in einen Herrenanzug stecken?
Jannik Sührig: Bitte nicht! Anzug, das bin ich so gar nicht.
GAK: Das weiß man erst, wenn man’s ausprobiert hat. Ich kenne viele junge Leute, die sich doch getraut haben und plötzlich sagen: Hey, sieht ja total scharf aus! Ein Anzug kann auch eine Haut sein, in die man hineinschlüpft und zu der man eine Attitüde entwickelt: Hey, wer bin ich denn?
JS: Ich weiß, wer ich bin. In der falschen Kleidung spüre ich vor allem, wer ich nicht bin.

Herr Krabbenhöft, sollten wir trotzdem »falsche Kleidung« wagen und so neue Rollen ausprobieren?
GAK: Auf jeden Fall sollte man sich trauen dürfen, neue Rollen auszuprobieren. Das Spannende ist ja: Was passiert eigentlich, wenn ich Lust habe auf etwas Neues, was kommt von den Menschen zurück? Ebenfalls etwas Neues, etwas, was ich vorher noch nicht kannte. Je nachdem, wie ich angezogen bin, lerne ich unterschiedliche Menschen kennen – auch wenn ich das nicht für die anderen mache, sondern für mich. Wie jeder Mensch habe ich viele Facetten, und bei mir zeigen die sich in der Kleidung: Das bin ich.

Wer sind Sie, wenn Sie in Clubs tanzen?
GAK: Ich. Diese unbändige Form des Tanzens und die Energie und Kraft in solchen Clubs entspricht genau meinem Bedürfnis. Ich habe mir das jahrzehntelang versagt, weil ich immer die Schere im Kopf hatte, wenn ich da aufkreuze, sagen die anderen: Was will denn der Alte hier? Mit 40 oder 50 Jahren, da wollte ich los, mit dieser wilden Lust auf Bewegung – aber getraut habe ich mich nicht. Deshalb bin ich so froh, dass mich vor einem Jahr diese beiden jungen Frauen einluden, mit ins „Berghain“ zu kommen. Ich war plötzlich in diesem Kosmos gefangen. Alles huschte durcheinander und dann diese wummernden Bässe. Wie aufregend ist das denn? Und keiner guckt komisch, alle sind total freundlich. Und ich kann ausleben, was da in mir steckt.

Wie werden Sie ausleben, was in Ihnen steckt, Herr Sührig? Anders gefragt: Wie neugierig sind Sie auf die Zukunft?
JS: Sehr, aber ich frage mich, ob Neugierde überhaupt gewollt ist. Als junger Mensch werde ich ständig aufgefordert, mir feste Ziele zu setzen und die konsequent zu verfolgen. Aber je stärker ich mich festlege, um so weniger sehe ich mögliche Alternativen. Das wäre schade. Ich brauche Neugierde und Offenheit, um auf dem Weg in die Zukunft neue Richtungen einzuschlagen, von denen ich heute noch gar nichts weiß.

Wenn Sie heute 30 Jahre in die Zukunft schauen, sehen Sie da fliegende Autos und Städte auf dem Mond?
JS: Nein, ich sehe vor allem viele Fragezeichen. Viele gesellschaftliche Entwicklungen finde ich eher beängstigend. Für mich selbst hoffe ich, weiterhin dieselbe Wachheit zu haben wie heute und vor allem glücklich und zufrieden zu sein. Und das wird keine Frage des Geldes sein, denn darum geht es schon heute nicht. Auf uns warten technische und medizinische Fortschritte.

Gibt das nicht Anlass zur Hoffnung?
JS: Wenn wir Autobahnen bauen oder zum Mond fliegen, nennen wir das Fortschritt. Aber dass wir als Menschen Fortschritte machen, das sehe ich nicht. Der Charakter des Menschen gibt nicht wirklich Anlass zu viel Hoffnung. Deswegen wage ich zu bezweifeln, dass die Welt in 30 Jahren aufgrund des technologischen Fortschritts besser ist. Im Gegenteil: Ich glaube, wir machen eher einen gesellschaftlichen Rückschritt.

Das klingt skeptisch. Herr Krabbenhöft, waren Sie als junger Mann optimistischer?
GAK: Nein, ich habe mich auch immer gefragt, ob und wie es wohl weitergehen wird. Im Nachhinein war das eine tolle Situation, in den Aufbaujahren schien alles möglich, und es ging nur nach oben. Er herrschte eine andere Stimmung im Land, aber die war nicht immer identisch mit der eigenen Stimmung. Als junger Mensch habe ich an vielem gezweifelt, nicht zuletzt an mir selbst. Heute bin ich gelassener: Es kommt, wie es kommt. Wirklich aufhalten kann man nichts.

Mit 70 Jahren tanzen Sie nächtelang durch. Wäre es nicht schön, wenn das dank des medizinischen Fortschritts ein paar Jahre länger ginge, als es jetzt möglich erscheint?
GAK: Ich lebe heute. Ich will weder zurück noch in die Zukunft schauen, das bringt mich nicht weiter. Zumal mir die Zukunft ja auch eher begrenzt ist. Ja, ich möchte selbstbestimmt alt werden, mich bewegen und den Menschen begegnen können, der Rest wird sich finden. Wenn mich einer fragen würde: Was würdest du anders machen?, dem würde ich sagen: Es soll alles so bleiben. Denn was alles passiert ist in meinem Leben, hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Was soll da anders sein? Wie ich jetzt bin, finde ich gut.

Das Interview stammt aus der neuen Ausgabe des GDV-Verbandsmagazins POSITIONEN.