03.02.2016
Zukunft der Arbeitsplätze

„Das Szenario von McKinsey halte ich für ein Horrorgemälde”

Die Unternehmensberatung McKinsey zeichnet in einer aktuellen Studie ein düsteres Bild für die Arbeitsplätze in der Versicherungsbranche. In den nächsten zehn Jahren drohe jeder vierte Arbeitsplatz in der westeuropäischen Versicherungsbranche verloren zu gehen. Vor allem die Verwaltungsbereiche in den Unternehmen soll es hart treffen. Michael Niebler, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied vom Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen (AGV), weist im Interview dieses „Horrorgemälde“ zurück.

Herr Niebler, deckt sich das von McKinsey vorgestellte Szenario mit Ihrer Einschätzung?
Michael Niebler: Für die westeuropäische Versicherungswirtschaft in toto kann ich nicht sprechen. In Deutschland sind im Versicherungsgewerbe aktuell rund 290.000 Menschen tätig, davon rund 80.000 draußen in den Agenturen und bei Maklern und rund 210.000 in den Versicherungsunternehmen selbst. Bezogen auf diese 210.000 Beschäftigten kann ich sagen: Dieses Szenario deckt sich nicht mit meiner Einschätzung. Ich halte es für ein Horrorgemälde. Unsere Zahlen sprechen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine andere Sprache.

Sie sehen für den Innendienst der Branche also eine bessere Zukunft, als McKinsey dies annimmt?
Niebler: So ist es. Wir beobachten im Innendienst seit 2009 eine nahezu konstante Beschäftigung mit rund 160.000 Angestellten, jedoch viel Veränderung in der Struktur der Belegschaft. Einfache Tätigkeiten fallen durch Automatisierung und Digitalisierung weg. Dieser Trend wird sicher anhalten. Parallel hierzu haben die Unternehmen bei Spezialisten, Fachkräften und Akademikern konsequent die Beschäftigung gehalten, oftmals ausgebaut. Ferner sehen wir einen Aufbau in den Stabsfunktionen, zum Beispiel bei der Compliance.

Was schätzen Sie: Wie viele Menschen werden 2026 in der Versicherungswirtschaft beschäftigt sein?
Niebler: Ich möchte meine Prognose beschränken auf die rund 210.000 Versicherungsangestellten. Wenn McKinsey Recht hätte, dann wären davon in zehn Jahren weniger als 160.000 übrig. Das glaube ich nicht. Ich rechne mit 180.000 bis 190.000 Beschäftigten im Jahr 2026. Das entspricht einem jährlichen Personalabbau von durchschnittlich ein bis eineinhalb Prozent. Mehr Arbeitsplätze, so meine Prognose, gehen per Saldo nicht verloren.

Zur Person

Dr. Michael Niebler

ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen in Deutschland e. V. (AGV).

Der AGV gilt als die sozialpolitische Spitzenorganisation der deutschen Versicherungswirtschaft. Er führt auf Arbeitgeberseite bundesweit die Tarifverhandlungen für die rund 211.000 Beschäftigten seiner Mitgliedsunternehmen.

Eine andere Befürchtung geht dahin, dass die Branche mit der Digitalisierung etwa im Hinblick auf die richtige Kundenansprache schlichtweg überfordert sei.
Niebler: Das glaube ich nicht. Beim SZ-Versicherungstag haben die CEOs von drei großen Gesellschaften gerade übereinstimmend betont, wie wichtig bei ihrer Strategie die Fokussierung auf den Kunden sei. So mahnte der Vorstandsvorsitzende der Munich RE, jedes Unternehmen müsse darauf achten, den unmittelbaren Zugang zum Kunden zu behalten. Ich bin sicher, diese Mahnung wird nicht ungehört verhallen. Ich glaube vielmehr, die Assekuranz wird ihre Kunden auf allen Wegen ansprechen, die diese wünschen. Der Kunde wird sozusagen die Kommunikation selbst steuern.

Prof. Ulrich Weinberg vom Hasso-Plattner-Institut hat vor kurzem angemahnt, dass es für die Unternehmen künftig nicht mehr reiche, die alten Arbeitsweisen nur zu digitalisieren. Um auf neue Entwicklungen zeitnah und adäquat reagieren zu können, müsse auch Abschied genommen werden von verkrusteten Hierarchien hin zu einer viel stärkeren Vernetzung im Team. Sehen Sie in dieser Hinsicht auch Modernisierungsbedarf für die Versicherer?
Niebler: Hier ist unsere Branche sicher noch nicht am Ende der Modernisierung angelangt. Hierarchien wurden schon abgeflacht, aber da kann man sicher noch mehr machen. Die klassische Führung ist in vielen Bereichen auf dem Rückzug, die Vernetzung auf dem Vormarsch. In etwa der Hälfte der Versicherungsunternehmen können die Mitarbeiter bereits Telearbeit machen.

Arbeit 4.0, digitale Transformation von Arbeitsprozessen: Welche Herausforderung bedeuten diese Stichworte konkret für die Weiterbildung und Qualifizierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Unternehmen?
Niebler: Die berufliche Weiterbildung hat in der Versicherungswirtschaft einen besonders hohen Stellenwert. Die Unternehmen investieren viel Geld in die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter. 2013 bildete sich jeder Mitarbeiter des Innendienstes durchschnittlich 58 Stunden weiter – das sind 25 Stunden mehr als in der gesamten deutschen Wirtschaft. Hier sind wir Vorreiter!