18.02.2016
Pro & Contra

Brauchen wir die Deutschland-Rente?

Hessens schwarz-grüne Landesregierung hat vorgeschlagen, neben der umlagefinanzierten Rente eine verpflichtende staatlich-gemanagte „Deutschland-Rente“ als Zusatzvorsorge einzuführen. Brauchen wir die Deutschland-Rente? Oder wäre es nicht klüger, existierende Vorsorgeformen wie Riester-Verträge und die betriebliche Altersversorgung attraktiver zu gestalten? Das fragte das GDV-Verbandsmagazin POSITIONEN. Tarek Al-Wazir, grüner Wirtschaftsminister von Hessen und einer der Initiatoren der „Deutschland-Rente“, sagt Ja, Andreas Wimmer, Vorstand Firmenkunden der Allianz Lebensversicherungs-AG, antwortet mit einem eindeutigen Contra.

pro


Tarek Al-Wazir

Hessischer Wirtschaftsminister und Grünen-Politiker

Tarek Al-Wazir

 
Wer sich anschaut, wie es um die betriebliche und private Altersvorsorge bestellt ist, kann nicht bestreiten, dass Handlungsbedarf besteht. Obwohl das Niveau der gesetzlichen Rente deutlich sinkt, hat nur jeder zweite Beschäftigte eine Anwartschaft auf betriebliche Altersvorsorge erworben, in kleinen Firmen sogar nur jeder vierte.

Riester-Produkte nehmen noch nicht einmal die Hälfte der Berechtigten in Anspruch, von den Beziehern geringer Einkommen sogar noch weniger. Mit anderen Worten: Unserem Land droht in absehbarer Zeit eine erhebliche Zunahme der Altersarmut. Und den öffentlichen Haushalten eine entsprechende Zunahme der Sozialtransfers.

Es wäre aber völlig falsch, als Antwort einfach mehr Geld in die bestehenden Förderwege zu pumpen. Bei einer Familie mit zwei Kindern und entsprechendem Einkommen zahlt der Staat schon heute bis zu 93 Prozent des Beitrags einer Riesterrente. Zudem werden Freibeträge und Zulagen vielfach nicht ausgeschöpft. Das Problem liegt also nicht in der Höhe der staatlichen Förderung.

Die Gründe sind andere: Erstens die Verunsicherung der Bürgerinnen und Bürger angesichts der Komplexität und der hohen Kosten vieler Produkte der betrieblichen und privaten Altersvorsorge. Zweitens herrscht gerade in jungen Jahren eine gewisse Trägheit, sich mit Altersvorsorge zu befassen.

Wir brauchen also ein einfaches, kostengünstiges und transparentes Standardprodukt – und zwar von einem Anbieter, dem die Verbraucher keine Profitinteressen unterstellen. Der Staat genießt dieses Vertrauen. Das Angebot muss außerdem so gestaltet sein, dass nicht die Annahme, sondern die Ablehnung eine aktive Entscheidung erfordert. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass bei einem solchen Prinzip der Verbreitungsgrad der betrieblichen Altersvorsorge deutlich – auf bis zu 90 Prozent – zunimmt.

pro


Andreas Wimmer

Vorstand Firmenkunden,
Allianz Lebensversicherungs-AG

Andreas Wimmer

 
Es ist wichtig, dass sich die Politik damit beschäftigt, wie die kapitalgedeckte Altersvorsorge vorangebracht werden kann. Denn gerade bei kleineren Unternehmen und in Branchen mit unterdurchschnittlichen Löhnen oder hoher Fluktuation sorgen noch zu wenige Arbeitnehmer für das Alter vor.

Die Deutschland-Rente aber liefert für diese Herausforderung keine überzeugende Lösung. Neben ordnungspolitischen Fragen und dem Risiko, dass die Einrichtung – gerade in Krisenzeiten – der politischen Einflussnahme unterliegt, gibt es auch keine empirischen Belege, dass ein Staatsfonds der bessere Kapitalanleger ist als privatwirtschaftliche Einrichtungen.

Zudem würde die Deutschland-Rente mit ihren zahlreichen Sonderregeln die Komplexität aus Arbeitgebersicht erhöhen und – mit ihrer Ausgestaltung als reine Beitragszusage – auch Fragen der Sicherheit aus Arbeitnehmersicht aufwerfen. So ist u.a. unklar, wer die Risiken von Wertschwankungen trägt oder was passiert, wenn der Fonds sich kurz vor Rentenbeginn stark negativ entwickeln sollte.

Viel aussichtsreicher ist es, an den bestehenden Instrumenten anzusetzen und diese zu stärken. So nutzen schon viele Millionen Arbeitnehmer die Direktversicherung als einfache und effiziente Form der Vorsorge, häufig unterstützt von ihrem Arbeitgeber. Zielführend für eine weitere Verbreitung wäre es, für Arbeitnehmer mit niedrigen Einkommen Anreize durch eine höhere Förderung zu setzen oder bestehende psychologische Hürden abzubauen, wie die Anrechnung der Betriebsrente auf die Grundsicherung.

In der Tat senkt ein Opting-out die Zugangsschwelle zur bAV, sollte aber – um Widerstände zu vermeiden – freiwillig für die Arbeitgeber sein. Auch die Riester-Rente sollte nach fast 15 Jahren weiterentwickelt und vereinfacht werden (Stichwort: Zulageverfahren). Immerhin haben wir mit den beiden Instrumenten Direktversicherung und Riester bereits eine große Wegstrecke bei der Verbreitung der kapitalgedeckten Altersvorsorge zurückgelegt.

Das Pro & Contra ist eine Vorabveröffentlichung aus der kommenden Ausgabe des GDV-Verbandsmagazins POSITIONEN, das am 16. März erscheint.