27.01.2016
GDV-Chefvolkswirt Wiener

„Zinsen bleiben auf Jahre hinaus sehr niedrig“

Die heftigen Kursausschläge an Chinas Börsen und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) dürften auch in diesem Jahr zu den beherrschenden Themen in der Versicherungswirtschaft zählen. Was das für die Branche bedeutet und welchen Einfluss die Entwicklung in China auf die Konjunktur hat – das erläutert GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener.

Wie sind die Konjunkturaussichten für 2016?
Klaus Wiener: Die deutsche Wirtschaft befindet sich in recht guter Verfassung – trotz zahlreicher Störfeuer wie der spürbaren Wachstumsverlangsamung in den Schwellenländern oder der sehr hohen geopolitischen Risiken. Wir rechnen damit, dass das Bruttoinlandsprodukt 2016 um rund 1,5 Prozent wachsen wird und damit das Niveau des Vorjahres von 1,7 Prozent nur leicht unterschreitet. Bemerkenswert ist, dass sich die Wachstumskräfte zunehmend in Richtung Inlandsnachfrage verschieben. Während der Außenbeitrag schrumpft und im Jahr 2016 sogar leicht negativ werden dürfte, ist die Inlandsnachfrage – und hier vor allem der private Verbrauch – robust.

Allerdings ist der reale private Konsum mit einem durchschnittlichen Anstieg von 0,8 Prozent in den Jahren 2010 bis 2014 und 1,9 Prozent im vergangenen Jahr immer noch eher schwach. Zur Stärkung der deutschen Volkswirtschaft gegen externe Risiken wäre es wünschenswert, wenn die Finanzpolitik den privaten Haushalten zusätzliche Spielräume für eine dauerhafte Ausweitung des Konsums und eine Stärkung der kapitalgedeckten Altersvorsorge verschaffen würde.

In China beobachten wir heftige Ausschläge an den Börsen. Müssen wir uns Sorgen machen?
Wiener: Trotz der im Kern soliden Wachstumsperspektiven haben die Risiken in den ersten Wochen des Jahres sicher zugenommen. Wichtig für die deutsche Wirtschaft ist, dass es in China nicht zu einer Rezession kommt und sich die Turbulenzen auf den globalen Aktienmärkten nicht als dauerhaft erweisen.

Problematisch ist die Entwicklung in China für das Ausland aus zwei Gründen. Zum einen ist das Land gemessen an der jährlichen Wirtschaftsleistung die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Eine Rezession hier würde tiefe Spuren im Rest der Welt hinterlassen. Darüber hinaus haben die Aktienmarkturbulenzen auch die Märkte im Westen erfasst. Für den Euro-Raum lassen die fortgesetzt expansive Geldpolitik sowie die allmähliche Konjunkturbelebung hoffen, dass eine Entkoppelung von der Entwicklung in Asien auf Dauer gelingen kann.

Zur Person

Dr. Klaus Wiener

ist Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Der promovierte Ökonom verantwortet als Geschäftsführer Fragen zur Gesamtwirtschaft, Finanzmärkten und Kapitalanlagen.

Wiener kommt von der Assicurazioni Generali, wo er zuletzt die taktische Vermögensverwaltung leitete und ebenfalls die Funktion des Chefvolkswirts im Asset Management der Generali Gruppe ausübte. Er bringt Erfahrungen aus akademischer Lehrtätigkeit mit und schreibt regelmäßig Gastkommentare in führenden deutschen und internationalen Publikationen.

Wie geht es mit der Niedrigzinspolitik der EZB weiter?
Wiener: Das Ausmaß, in dem das Thema Renditeverfall 2015 zusätzlich an Bedeutung gewonnen hat, war für die Branche kaum vorstellbar. Es bestehen wohl kaum Zweifel daran, dass es vor allem der geldpolitische Kurs der EZB war, der die Kapitalmarktzinsen derart stark unter Druck gebracht hat. Mit der Ankündigung des EZB-Rats im Januar 2015, ein großes Anleihekaufprogramm in Höhe von 1,15 Billionen Euro aufzulegen, entstand ein massiver Abwärtsdruck auf die Zinsen, in deren Folge die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe auf 0,05 Prozent im April fiel.

Trotz eines leichten Wiederanstiegs in den Folgemonaten ist das Zinsumfeld für Sparer und Anleger nun mehr als ernüchternd: So liegen die Renditen von Bundesanleihen mit Laufzeiten von bis zu sechs Jahren zurzeit im negativen Bereich. Dies bedeutet, dass der deutsche Finanzminister für die meisten der im Jahr 2015 aufgenommenen Kredite nicht einmal den Nominalbetrag zurückzahlen muss. Um das ganze Ausmaß dieser Situation deutlich zu machen: Bei einer angenommenen Inflation von nur 1 Prozent pro Jahr und einem Coupon von minus 0,1 Prozent erhält ein Investor nach sechs Jahren von 100 Euro in realer Rechnung gerade einmal 93,5 Euro zurück. Das ist ein stattlicher Verlust!

Also keine Zinswende in Sicht?
Wiener: Leider gibt es seitens der EZB kaum Signale, dass sie von ihrem Kurs abrücken wird. Im Gegenteil: Nachdem sie auf ihrer Sitzung Anfang Dezember bereits beschlossen hatte, das Anleihekaufprogramm noch einmal zu verlängern, weisen jüngste Äußerungen von EZB-Chef Mario Draghi darauf hin, dass der Lockerungskurs in naher Zukunft sogar noch einmal erhöht wird. Insgesamt ist deshalb davon auszugehen, dass die Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum noch auf Jahre hinaus sehr niedrig bleiben werden.

Was bedeutet das für den Altersvorsorgesparer?
Wiener: Wegen des Niedrigzinsumfeldes werden Sparziele der privaten Haushalte zunehmend schwerer zu erreichen. Dabei ist eine stärkere kapitalgedeckte Altersvorsorge weiterhin dringend erforderlich. Zwar sind die Sozialsysteme auf Grund der guten Beschäftigungslage und der „demografischen Linse“ derzeit ausreichend finanziert. Dies dürfte sich aber schon bald ändern. Im Jahr 2013 gehörten 49,2 Millionen Menschen der Altersgruppe von 20 bis 64 Jahren an, wobei die starken Altersjahrgänge der 40- bis 60-Jährigen diese Gruppe dominierten.

Diese Zahl wird selbst bei Annahme eines dauerhaft positiven Wanderungssaldos nach 2020 deutlich zurückgehen. Bis zum Jahr 2030 dürfte diese Zahl bis auf knapp unter 45 Millionen gefallen sein und bis zum Jahr 2060 weiter auf 38 Millionen Menschen schrumpfen. Der Altenquotient, der jetzt bei 34 liegt, läge dann bei 61. Die erheblichen negativen Konsequenzen für die sozialen Sicherungssysteme können nur aufgefangen werden, wenn frühzeitig ein entsprechender Kapitalstock aufgebaut wird, der zudem von einer hinreichend positiven Rendite profitiert.