12.01.2016
Pro & Contra Kurzfristpolicen

Über App versichert – ist das sinnvoll?

Schnell übers Handy eine Versicherung abzuschließen, reizt viele Menschen. Diese Kunden wollen keinen Vertrag auf Dauer, sondern Schutz für einen speziellen Anlass. Öffnet sich hier ein neuer Markt für die Assekuranz – oder ist es eher eine Sackgasse? Das fragte das GDV-Verbandsmagazin POSITIONEN. Jörg Günther, Versicherungsexperte und Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, glaubt an die Kurzfristversicherung, Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Online-Verbrauchermagazins Finanztip, hält dagegen.

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Jörg Günther

Versicherungsexperte und Partner, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG

Jörg Günther

 
Kunden wollen Entscheidungen schnell in die Tat umsetzen. Versicherer sind nun in der Pflicht, Angebote zu schaffen, die diesen Ansprüchen gerecht werden. Kurzfristige Versicherungsabschlüsse über Apps lohnen sich. Tatsächlich sind die Abschlusszahlen bei den Versicherern bislang jedoch überschaubar. Das könnte sich bald ändern: Die Kunden wollen in der Situation entscheiden – etwa beim Skifahren, im Fußballstadion oder wenn sie das neue Smartphone in Händen halten und es versichern möchten. App-Abschlüsse bieten vor allem eins: kurzfristige Sicherheit, falls die Versicherung zur jeweiligen Situation vergessen wurde.

Auch für die Anbieter wird dieses Metier immer interessanter, weil sie hierdurch als serviceorientiert wahrgenommen werden. Ist die Produktpalette groß und die Möglichkeit des Abschließens quasi immer vorhanden, steigt damit die Kundenzufriedenheit. Darüber hinaus zeigen sich die Unternehmen als moderne Partner, die die neuen digitalen Interaktionskanäle bestmöglich nutzen.

Es sollte nicht verschwiegen werden, dass die Kunden über die App im Gegensatz zu klassischen Tarifen bislang noch höhere Beiträge zu entrichten haben, dafür jedoch einen geringeren Versicherungsschutz genießen. Doch genau dieser Missstand könnte sich bald ändern. Der mittelbare Erfolg von Versicherern wird künftig noch stärker von der Kundenorientierung sowie den Möglichkeiten digitaler Kommunikation abhängen.
Apps werden hier ein wichtige Baustein sein: Die traditionellen Werte, die beim Kunden nachgefragt werden, verschieben sich. „Immer da, immer nah“ wird abgelöst von „Nah bei Bedarf“.

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Hermann-Josef Tenhagen

Chefredakteur,
Online-Verbrauchermagazin Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen

 
Versicherungsschutz für ein paar wenige Tage direkt per App beantragen, den Versicherungsschein per Mail erhalten und sofort abgesichert sein: klingt einfach. Gut und vernünftig ist es deshalb noch lange nicht.

Falsche Sicherheit: Die Versicherungssummen sind in vielen Fällen ungenügend. Bei einer Unfallversicherung ist mit 50.000 Euro der Schutz viel zu gering, falls wirklich was passieren sollte. So werden Verbraucher in Sicherheit gewogen, obwohl keine Sicherheit besteht.

Überflüssige Policen: Beliebt sind auch Versicherungen, auf die Verbraucher gut verzichten können, wie zum Beispiel der Kita-Ausflug-Schutz. Der Versicherer spielt bei diesen Angeboten mit den Ängsten der Eltern, denn die Kinder sind bereits über den Veranstalter versichert.

Überhöhte Preise: Die Preise für den Schutz für wenige Tage betragen meist nur ein paar Euro, wie beim „Wiesnschutz“ für das Münchner Oktoberfest. Verbraucher werden so zum Kurzzeit-Abschluss verführt. Rechnet man die Kosten allerdings auf ein Jahr hoch, kostet diese Wiesn-Unfallversicherung 2.200 Euro. Viel zu teuer. Günstiger wäre es, eine Unfallversicherung gleich für 365 Tage abzuschließen.

Ein weiteres Manko: Oft gilt der Schutz nur genau für das Event, für das er abgeschlossen wurde. Etwa der Unfallschutz extra für ein Fußballspiel: Die Versicherung gilt inklusive An- und Abreise zu diesem Spiel. Verletzen sich Kunden aber am selben Tag abends in der Wohnung, besteht kein Versicherungsschutz mehr. Das kann mit einer vollwertigen Versicherung nicht passieren.

Fazit: Solange die Preise so hoch und die Versicherungssummen so niedrig sind, machen Kurzzeit-Versicherungen für Verbraucher keinen Sinn.

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des GDV-Verbandsmagazins POSITIONEN.