13.01.2016
Demografischer Wandel in Europa

Europa muss den Reformkurs halten

Die Menschen in Europa werden immer älter. In Zukunft kommt ein Rentner auf zwei Arbeitnehmer. Wie wirkt sich das auf die Staatskassen der EU-Länder aus? Wie gestalten die Mitgliedstaaten den demografischen Wandel? Hilft die von der Kommission geplante Europa-Rente? Der aktuelle „Trendbrief Altersvorsorge“ (PDF) wirft ein neues Licht auf die Debatte.

Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa altert rapide. Das hat jüngst zum wiederholten Mal der Ageing Report der Europäischen Kommission festgestellt. Bis 2060 wird der Anteil der über 65-Jährigen in Europa um ein Drittel steigen (von 18,5 auf 28,4 Prozent) und der Anteil der über 80-Jährigen sich sogar mehr als verdoppeln (auf 11,8 Prozent). Auf einen Rentner kommen dann nur noch zwei Arbeitnehmer – heute sind es vier.

Nationale Reformen können Kostendruck dämpfen

Um die steigenden Kosten aufzufangen und eine gute Altersvorsorge zu gewährleisten, arbeiten die Europäer daran, ihre Rentensysteme auf Vordermann zu bringen. Setzen sie alle beschlossenen Reformen um, wird der Anteil der Rentenausgaben an der Wirtschaftsleistung 2060 im EU-Schnitt ungefähr so hoch sein wie heute, nämlich 11 Prozent. Ohne Reformen wäre der Anteil auf 18 Prozent explodiert. Für Deutschland sind die Prognosen der EU etwas schlechter: Der Anteil der Rentenausgaben an der Wirtschafsleistung steigt hierzulande bis 2060 von heute zehn auf dann über 12 Prozent an.

Die Folge der Reformen ist, dass bis 2060 in fast allen Ländern das Rentenniveau sinkt – also die durchschnittlichen Renten in Prozent vom Durchschnittseinkommen der Beschäftigten geringer ausfallen als heute. Im EU-Schnitt wird ein Rückgang von heute 46,9 auf 37,8 Prozent erwartet. Das deutsche Rentenniveau liegt dabei ungefähr im Durchschnitt: Es sinkt von heute 44,6 auf dann 37,3 Prozent. Zugleich steigt fast in allen Ländern beispielsweise das gesetzliche Rentenalter, werden Möglichkeiten zur Frühverrentung abgeschafft oder die ergänzende Vorsorge ausgebaut. Eine Innovation ist beispielsweise das Opt-out Modell für die betriebliche Altersversorgung. „Das gibt es in Neuseeland und Großbritannien und wird von immer mehr Ländern in Erwägung gezogen“, beobachtet Monika Queisser, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der OECD im „Trendbrief Altersvorsorge“ (zum Interview).

Es fehlt ein übergreifender Ansatz

Mit Blick auf die Zukunft werden Reformen der Rentensysteme allerdings nicht reichen, so Queisser. „Was in Europa vor allem fehlt, ist ein übergreifender Ansatz zur Demografie“, findet sie. Zum einen müssten die Europäer dringend dafür Sorge tragen, „dass die Armut unter Kindern und jungen Menschen verringert wird.“ Denn gerade die hohe Jugendarbeitslosigkeit beschädigt schon jetzt die Altersvorsorge der jungen Generation. Und neben dem Arbeitsmarkt und der Rente müssten auch andere Bereiche wie Gesundheit und Pflege, räumliche Entwicklung, Umwelt und natürliche Ressourcen einbezogen werden.

Was ist eine Europa-Rente?

Die Europäische Kommission will die private Altersvorsorge in ganz Europa verbessern. Dafür soll eine so genannte „Pan-European Personal Pension Product“ (PEPP) eingeführt werden – eine private „Europa-Rente“, die bestehende nationale Lösungen ergänzen, aber nicht ersetzen soll.

Nach den Vorstellungen der EIOPA soll jedes Produkt, das als „Europa-Rente“ angeboten werden könnte, u. a. drei Merkmale erfüllen:

  • Es generiert ein zusätzliches Einkommen nach dem Ende des Erwerbslebens.
  • Das angesparte Kapital kann nicht – oder nur unter Inkaufnahme finanzieller Nachteile – vor Beginn des Ruhestandes ausgezahlt werden.
  • Es verfolgt grundsätzlich eine langfristige Anlagestrategie und beachtet dabei auch die Unbeständigkeit der Finanzmärkte.

Kann die Europa-Rente helfen?

Die Europäische Kommission will ebenfalls mehr für die Altersvorsorge zu tun. Deshalb arbeitet sie derzeit, gemeinsam mit der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA, an einem Modell für eine „Europa-Rente“. Durch dieses „Pan-European Personal Pension Product“ (PEPP) soll unter anderem ein echter Binnenmarkt in der Altersvorsorge geschaffen werden, um private Vorsorge vor allem auch in Süd- und Osteuropa zu ermöglichen.

Der Vorschlag geht aus Sicht der deutschen Versicherungswirtschaft in die richtige Richtung. „Aber welchen Beitrag das angestrebte EU-weite Standardprodukt leisten kann, wird sehr davon abhängen, ob es als echte Altersvorsorge ausgestaltet wird“, sagt Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Reformen lohnen sich

An einer Fortsetzung der Reformen führt für Europa jedenfalls kein Weg vorbei, um den demografischen Wandel zu bewältigen. Erdland sieht hier besonders die Bundesregierung in der Pflicht. „Wenn wir die Herausforderung nicht meistern, dann hat das Auswirkungen auf die gesamte EU und unsere Rolle in der Welt“, sagt er. Die gute Nachricht sei aber: „Reformen lohnen sich und wirken sich positiv auf die finanzielle Nachhaltigkeit und die soziale Stabilität aus.“ Seit 2012 hätten die Prognosen der Europäischen Kommission sich für viele Länder ja bereits erheblich verbessert, weil sie mit wichtigen Reformmaßnahmen begonnen haben. Das gelte auch für Deutschland, so Erdland. „Ohne die vor einigen Jahren richtigerweise eingeführte Rente mit 67 stünde Deutschland wesentlich schlechter da.“

trendbrief altersvorsorge

trendbrief altersvorsorge – Die Zukunft der betrieblichen Altersversorgung

Januar 2016

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