27.01.2016
Sicherheit auf der Straße

Eine Welt ohne Verkehrstote ist machbar

Heute beginnt der 54. Verkehrsgerichtstag in Goslar. Immer wieder gingen von hier wichtige Impulse für die Verkehrssicherheit aus. Trotzdem: Die zuletzt wieder gestiegene Zahl von Verkehrstoten macht neue Anstrengungen nötig. Die Kolumne von GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg von Fürstenwerth.

Anfang der 70er Jahre – ich hatte mit meinen 18 Jahren gerade das Führerscheinalter erreicht – war der Straßenverkehr noch ein echtes Hochrisikogebiet. Eine Gurtpflicht gab es nicht, und außerhalb geschlossener Ortschaften konnte jeder so schnell fahren, wie er es für richtig hielt. Das Ergebnis: Obwohl nur rund 15 Millionen Autos unterwegs waren, starben jedes Jahr über 20.000 Menschen bei Unfällen.

Aus heutiger Sicht wirkt diese Zahl geradezu obszön. Viele Akteure haben seitdem zu einer höheren Verkehrssicherheit beigetragen: Der Gesetzgeber mit der Gurtpflicht, Tempolimits und Promillegrenzen; die Autobauer mit Airbags, Knautschzonen, ABS und ESP. Einen Anteil hatten auch die Versicherer: Sie haben schon seit 1951 für bessere Straßengestaltung gearbeitet und 1968 auch ein Institut zur Erforschung der Fahrzeugsicherheit gegründet. Bis heute zeigt ihre Unfallforschung immer wieder auf, wie sich die Verkehrssicherheit weiter verbessern lässt. Erst vor kurzem wiesen die Experten etwa nach, dass Passagiere im Fond deutlich gefährdeter sind als Fahrer und Beifahrer – ein Problem, das sich unter anderem mit Gurtstraffern auf den Rücksitzen und zusätzlichen Airbags lösen ließe.

GDV-NEWSLETTER

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Der GDV-Newsletter bietet einen aktuellen Überblick über die wichtigsten Themen der Versicherungswirtschaft – immer mittwochs in Ihrem E-Mail-Postfach.
Hier abonnieren

Die jüngsten Zahlen sind beunruhigend

Die gemeinsamen Anstrengungen haben sich gelohnt. In den letzten vier Jahrzehnten waren immer weniger Verkehrstote zu beklagen. Doch diese Entwicklung ist nicht selbstverständlich – und sie ist nicht unumkehrbar. Die jüngsten Zahlen sind beunruhigend: Von Januar bis November 2015 sind 3.177 Menschen im Straßenverkehr gestorben, das waren 101 mehr als im Vorjahreszeitraum. Schon 2014 starben bei Verkehrsunfällen nicht weniger, sondern mehr Menschen als im Vorjahr. Der jahrelange Abwärtstrend ist also gestoppt und droht sogar, sich umzukehren.

Diese Entwicklung dürfen wir nicht akzeptieren! Solange die Zahl der Verkehrstoten nicht Null beträgt, ist jeder Stillstand ein Rückschritt. Insbesondere dürfen wir uns nicht dem leichten Glauben hingeben, eine gewisse Anzahl Verkehrstoter sei der Preis, den wir für unsere Mobilität zahlen müssten. Ein solch geistiges Achselzucken ist angesichts der mehr als 3.000 gewaltsam endenden Leben zynisch.

Menschliche Fahrer sind die Benchmark

Richtig ist dagegen, dass sich die Bundesregierung für das Jahr 2020 zum Ziel gesetzt hat, die Zahl der Verkehrstoten im Vergleich zu 2011 um 40 Prozent zu senken. Dies wird aber nur dann gelingen, wenn eine höhere Sicherheit die oberste Maxime ist – bei jedem Verkehrsgesetz, bei der Planung jeder neuen Straße und bei jeder Entwicklung von Autobauern und Zulieferern. Auch die Chancen der automobilen Revolution hin zum automatisierten Fahren werden wir nur dann realisieren können, wenn die neuen Technologien von Anfang an sicher sind. Das heißt konkret: Wir dürfen keine Entwicklung für den Straßenverkehr zulassen, die unsicherer ist als der menschliche Fahrer. Dieser schafft es immerhin, im Durchschnitt nur alle drei Millionen Kilometer einen Unfall mit Personenschaden zu verursachen. Das ist die Benchmark, die jede neue Technik schlagen muss – und zwar zu jeder Zeit und unter allen Umständen. Am ersten Tag genauso wie nach Jahren.

Mehr Technik kann und sollte mehr Sicherheit schaffen. Dass dieser Satz sogar für Gebrauchtwagen gilt, werden die Kraftfahrtversicherer schon in Kürze beweisen. Unfälle verhindern kann unsere Branche nicht. Aber – so viel sei heute schon verraten – wir haben eine Lösung entwickelt, die eine automatische Notfallmeldung aus allen Autos möglich macht. Damit werden wir helfen, Verletzte so schnell wie möglich zu versorgen und dadurch Leben zu retten. Immerhin ein kleiner Schritt auf dem Weg in eine Zukunft, in der uns rund 3.500 Verkehrstote hoffentlich ebenso wahnwitzig vorkommen werden, wie wir heute fassungslos auf die über 20.000 Toten von damals schauen.

Fahren Sie vorsichtig!

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth

Mehr zum Thema:
>> zur Person: Dr. Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth
>> alle Kolumnen von Jörg von Fürstenwerth auf GDV.DE