06.01.2016
Solvency II

Damit transparente Aufsicht keine Verwirrung stiftet

Für die Versicherungswirtschaft beginnt mit dem Jahr 2016 eine neue Ära: Solvency II soll die Branche fitter für die Zukunft machen und europaweit einheitliche Wettbewerbsbedingungen herstellen. Nun gilt es, Praxiserfahrungen mit dem neuen Aufsichtssystem zu sammeln – und die Ergebnisse im richtigen Licht zu betrachten. Die Kolumne von GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg von Fürstenwerth.

Das Jahr hat gerade begonnen und mit ihm startet in Europa ein neues Aufsichtssystem für unsere Branche. Weil die Änderungen tiefgreifend sind, wäre es vermessen zu erwarten, dass das System von Beginn an perfekt funktioniert. Wichtig ist, dass Solvency II nun erst einmal in allen europäischen Ländern wie geplant umgesetzt wird, bevor gleich wieder über Änderungen nachgedacht wird. Es ist an der Zeit für ein „regulatorisches Durchatmen“ – nach all den Kraftanstrengungen von Aufsicht und Wirtschaft in den letzten Jahren. Dies dürfte auch im Sinne von Gabriel Bernardino sein. Der Chef der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa hat kürzlich angemerkt, dass zumindest einige nationale Aufsichtsbehörden ihre Ressourcen und Kapazitäten mit Blick auf Solvency II noch ausweiten müssten.

Wir Versicherer begrüßen Solvency II, auch wenn die Umsetzung des Regelwerks mit erheblichem Aufwand verbunden ist. Schließlich sollen sich nicht nur die Aufsichtsbehörden, sondern auch Investoren und Verbraucher ein Bild von den wirtschaftlichen Verhältnissen und bestehenden Risiken eines Versicherers machen können.

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Viel Spielraum für Fehlinterpretationen

Die Komplexität von Solvency II lässt jedoch viel Spielraum für Fehlinterpretationen. Gerade weil Solvency II so komplex ist, werden sich Medien und Öffentlichkeit auf die scheinbar leicht zu beantwortende Gretchenfrage nach dem Kapitalbedarf der Versicherer fokussieren.

Nur bedeutet Kapitalbedarf unter Solvency II etwas ganz anderes als im alten Aufsichtssystem. Denn unter Solvency II können auch Unternehmen mit einer so genannten Bedeckungsquote von unter 100 Prozent alle absehbaren Verpflichtungen problemlos erfüllen. Sie brauchen allerdings zusätzliche Eigenmittel für den Worst-Case – ein klar definiertes Negativ-Szenario, dessen Eintritt nach allen Annahmen nur einmal in 200 Jahren wahrscheinlich ist. Das alte System hatte keinen Bezug zu einem derart festgelegten Worst Case. Die Maßstäbe aus dem alten Aufsichtssystem lassen sich auf Solvency II nicht übertragen. Es wird zu den Aufgaben des laufenden Jahres gehören, die Neuerungen und Grundprinzipien von Solvency II zu erläutern und Ergebnisse, die aus dem Regelwerk hervorgehen, regelmäßig einzuordnen und zu erklären.

Übergangsregelungen beim Aufbau von Eigenkapitalpuffern

Dies betrifft auch die Übergangsregelungen, zu denen sich unter anderem Ratingagenturen durchaus kritisch äußern. Diese Übergangsregelungen sind aus guten Gründen für alle europäischen Versicherer unter Solvency II vorgesehen: Sie stellen sicher, dass der Übergang geordnet erfolgt, und sind angesichts der jahrzehntelangen Vertragslaufzeiten notwendig und angemessen. Denn die über 16 Jahre gestreckte Anpassung betrifft nur Altverträge. Viele Lebensversicherer wollen diese Spielräume nutzen, um ihre Rückstellungen für langfristige Verpflichtungen aus Altverträgen in die neue Aufsichtswelt zu überführen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle noch einmal den Eiopa-Chef zitieren: Bernardino hält es angesichts der tiefgreifenden Änderungen durch Solvency II für das Geschäftsmodell von Versicherern für legitim, Übergangsregelungen in Anspruch zu nehmen und sich „Zeit für Anpassungen zu nehmen“. Es gebe aber auch keinen Grund, damit zu warten. Damit bin ich absolut einverstanden.

Das Jahr ist noch jung. Also: Packen wir das an.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erfolgreiches 2016.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth

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>> zur Person: Dr. Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth
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