07.12.2015
Lebenserwartung

„Vielleicht werden wir einmal 200 Jahre alt“

Die Lebenserwartung in Deutschland hat sich innerhalb von 100 Jahren verdoppelt. Bessere Arbeitsbedingungen, eine gesündere Lebensweise und medizinische Fortschritte haben dazu beigetragen. Ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar. Von Karsten Röbisch

Dass die Deutschen immer älter werden, weiß Joachim Gauck nur zu gut. Denn zu seinen vielen Aufgaben gehört es auch, Hundertjährigen per Brief zu ihrem Geburtstag zu gratulieren. Doch was vor Jahrzehnten noch eine Nebenbeschäftigung für einen Bundespräsidenten und seine Mitarbeiter war, beansprucht inzwischen immer mehr Zeit. 6611 Glückwunschschreiben zum 100. Geburtstag verschickte das Bundespräsidialamt im vergangenen Jahr, 1965 erhielten gerade einmal 158 Jubilare Post vom Staatsoberhaupt.

Ein 100. Geburtstag, der früher selten und Anlass für eine besondere Ehrung war, wird immer gewöhnlicher. Denn die Lebenserwartung in Deutschland hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts fast verdoppelt. Ein neugeborenes Mädchen hat laut aktueller Generationensterbetafel des Statistischen Bundesamtes inzwischen eine durchschnittliche Lebenserwartung von 90,7 Jahren, Jungen werden im Schnitt 86,4 Jahre alt. James W. Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, ist sogar noch optimistischer: „Jedes zweite Kind, das heute geboren wird, erlebt seinen 103. Geburtstag.“

Gesündere Lebensweise und medizinischer Fortschritt heben Lebensalter an

Die Gründe, warum die Menschen immer länger leben, sind vielfältig. „Wir ernähren uns ausgewogener, treiben mehr Sport, rauchen weniger, haben eine isolierte Wohnung und warme Kleidung, eine bessere medizinische Versorgung und eine höhere Bildung. Wir leben gesünder“, sagt Vaupel. Hinzu kommen bessere Arbeitsbedingungen – verbunden mit geringeren körperlichen Belastungen.

Entscheidend sind aber vor allem die medizinischen Fortschritte: Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den häufigsten Todesursachen zählten, sind in der westlichen Welt mittlerweile nahezu verschwunden. Gleichzeitig können Herz- und Kreislauferkrankungen oder Krebs, auf die heute die meisten Todesfälle zurückzuführen sind, inzwischen besser behandelt werden. Vor 1980 starben mehr als zwei Drittel aller Krebspatienten, heute kann mehr als die Hälfte auf eine vollständige Heilung hoffen. „Es ist uns gelungen, den vorzeitigen Tod zurückzudrängen“, sagt Wolfgang Lutz, Direktor des Vienna Institute of Demography. „Und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen.“

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Lebenserwartung steigt weiter

Denn mit jedem Tag steigt die Lebenserwartung um gut sechs Stunden. Eine 1973 geborene Frau, die 2040 mit 67 Jahren in Rente gehen wird, hat dann nach der optimistischsten Prognose des Statistischen Bundesamtes noch durchschnittlich 22,8 Lebensjahre vor sich. Ihre Tochter, Jahrgang 2000, wird bei Rentenbeginn 2067 sogar weitere 24,9 Jahre erwarten können. Der Prognose liegt die Annahme zugrunde, dass sich die medizinische Versorgung nochmals verbessert und damit vor allem das Sterberisiko im hohen Alter weiter absinkt.

Das erscheint durchaus realistisch. Denn die Medizin macht weiter große Fortschritte, und niemand kann heute abschätzen, welche Möglichkeiten noch die Genom- und Stammzellenforschung bieten. So fahnden Forscher seit Langem nach den Ursachen für das Altern der Zellen. Ihr Ziel: Therapien zu entwickeln, die den Alterungsprozess verlangsamen. Andere Wissenschaftler beschäftigen sich damit, defektes Gewebe mit körpereigenem Material zu reparieren. Sie wollen eines Tages Stammzellen in jede beliebige Zellsorte umprogrammieren können. So bekäme jeder Mensch quasi ein eigenes Ersatzteillager für seinen Körper. Wie weit der medizinische Fortschritt die Altersgrenze hinauszuschieben vermag, ist völlig offen. „Ein Limit ist derzeit nicht bekannt. Vielleicht werden wir einmal 200 Jahre alt“, sagt Vaupel.

Um den Arbeitsaufwand zu begrenzen, dürfte einer von Gaucks Nachfolgern wohl eines Tages die Altersgrenze für Glückwunschschreiben nach oben setzen – wie auch schon in der Vergangenheit geschehen. So erhielten bis 1965 „schon“ die 95-Jährigen eine Gratulation von höchster Stelle. Was damals als gesegnetes Alter galt, könnte schon bald der 110. Geburtstag sein.