17.12.2015
Zinsentscheid der Fed

„Keine Signalwirkung für die Europäische Zentralbank“

Die US-Notenbank Federal Reserve, kurz Fed genannt, wagt die Zinswende. Gestern hat sie zum ersten Mal seit mehr als 9 Jahren die Leitzinsen für den US-amerikanischen Finanzmarkt angehoben. Danach steigen die kurzfristigen Zinsen um 0,25 Prozentpunkte auf ein Niveau zwischen 0,25 und 0,5 Prozent. Welche Auswirkungen das für den deutschen Markt hat, weiß Klaus Wiener. Er ist seit 1. Dezember dieses Jahres Chefvolkswirt beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswrtschaft (GDV).

Die Fed hat die Leitzinsen angehoben. Ist das nun auch die Wende bei den Kapitalmarktzinsen?
Dr. Klaus Wiener: Die erste Straffung der US-Leitzinsen seit dem Jahr 2006 markiert sicher einen historischen Wendepunkt, das allgemeine Zinsniveau wird sich dadurch aber kaum ändern. Voraussetzung für weitere Leitzinsanhebungen ist eine anhaltend solide Konjunkturentwicklung in den USA. Der US-Wirtschaftsaufschwung ist bereits sechs Jahre alt und hat möglicherweise seinen Zenit erreicht. Es steht also zu befürchten, dass sich das Wachstum verlangsamen wird, bevor die Leitzinsen auch nur annähernd alte Niveaus erreichen. Hinzu kommt, dass die Zinsen in den längeren Laufzeiten nur sehr moderat auf die höheren Leitzinsen reagieren werden, denn der Inflationsausblick ist nach wie vor verhalten.

Zur Person

Dr. Klaus Wiener
ist Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Der promovierte Ökonom verantwortet als Geschäftsführer Fragen zur Gesamtwirtschaft, Finanzmärkten und Kapitalanlagen.

Wiener kommt von der Assicurazioni Generali, wo er zuletzt die taktische Vermögensverwaltung leitete und ebenfalls die Funktion des Chefvolkswirts im Asset Management der Generali Gruppe ausübte. Er bringt Erfahrungen aus akademischer Lehrtätigkeit mit und schreibt regelmäßig Gastkommentare in führenden deutschen und internationalen Publikationen.

Welche Folgen hat die Zinserhöhung für die europäischen Versicherer und Kapitalanleger?
Wiener: Die Leitzinserhöhung in den USA wird voraussichtlich wenig Einfluss auf die Investitionsentscheidungen institutioneller Anleger haben, denn der Zinsschritt war nach den Äußerungen von US-Zentralbankchefin Yellen gut vorbereitet. Die Kurse auf den Kapitalmärkten dürften den höheren Leitzins bereits widerspiegeln. Dies wäre sicher anders, wenn die Fed im weiteren Verlauf des Jahres gezwungen wäre, von der Politik einer moderaten Straffung abzuweichen.

Wann zieht die EZB nach?
Wiener: Für die EZB hat der Zinsentscheid der Fed keine Signalwirkung – dazu sind auch die konjunkturellen Rahmenbedingungen zu unterschiedlich. Die Kapitalmarktzinsen im Euroraum werden wohl noch für sehr lange Zeit auf ihrem extrem niedrigen Niveau verharren.

Foto: US-Notenbank „Federal Reserve Bank“ (Fed) in Washington.