09.12.2015
Gesetzliche Rentenversicherung

Der demografische Wandel lässt sich nicht austricksen

Was bringen freiwillige Extrabeiträge für die gesetzliche Rentenversicherung? Wer dem demografischen Wandel so ein Schnippchen schlagen möchte, der kann genauso daran glauben, dass sich Lügenbaron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat. Die Kolumne von GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg von Fürstenwerth.

In den vergangenen Tagen habe ich mir bei der Lektüre der einen oder anderen Tageszeitung die Augen gerieben. Da wird ein „lukratives Angebot“ in Sachen Rente debattiert. Tenor: Freiwillige Vorsorge in der gesetzlichen Rentenversicherung sei heute zuweilen attraktiver als privatwirtschaftliche Angebote. Da frage ich mich: Kann das sein? Darf das sein?

Unabhängig von Renditefragen gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Umlage und Kapitaldeckung. Bei der gesetzlichen Rentenversicherung werden alle Einnahmen sofort ausgegeben. Und alle Ausgaben müssen aus den laufenden Einnahmen bestritten werden. Bei der Kapitaldeckung dagegen müssen alle künftigen Ausgaben vorher inklusive Zinsen zur Seite gelegt worden sein.

Aktuell geht es der gesetzlichen Rentenversicherung – dem Umlagesystem – gut. Die derzeitigen Rentenbeiträge von 18,7 Prozent sind der niedrigste Wert seit 20 Jahren. Wem also angeboten wird, auf dieser Basis zusätzliche Leistungen einzukaufen, der macht erst mal ein gutes Geschäft. Kein Wunder, denn die Beitragssätze reflektieren systembedingt weder die künftig stark steigende Lebenserwartung, noch die sinkende Zahl der Beitragszahler in der Zukunft. Sie spiegeln alleine die Tatsache wider, dass aktuell vielen Beitragszahlern noch relativ wenige Rentner gegenüberstehen. Eine einfache Rechnung.

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Die Rechnung bezahlt die nächste Generation aus den geburtenschwachen Jahrgängen

Das gilt aber nicht mehr, wenn die Leistungen irgendwann einmal ausbezahlt werden müssen. Wegen der steigenden Lebenserwartung müssen Renten immer länger bezahlt werden und das – im „demografischen Winter“ ab dem Jahr 2030 – von deutlich weniger Beitragszahlern. Für mich ist das eine Spekulation gegen das Kollektiv, die sich nicht lange lohnen wird. Die Beitragssätze werden bald schon steigen, die relativen Leistungen dagegen fallen. Freiwillige Vorsorge in der gesetzlichen Rente wird irgendwann für niemanden mehr attraktiv sein. Also wird auch keiner mehr freiwillig einzahlen. Eine ebenso einfache Rechnung.

Zwei einfache Rechnungen also. Aber wer bezahlt dann die erworbenen Leistungsversprechen aus der freiwilligen Vorsorge? Die ernüchternde Antwort: Es ist die nächste Beitragszahler-Generation, die aus den geburtenschwachen Jahrgängen erwächst. Sie wird die Zusatzansprüche der heute geburtenstarken Jahrgänge mit steigenden Pflichtbeiträgen noch einmal bezahlen müssen. Auch die übrigen künftigen Rentner werden das zu spüren bekommen, weil ihr Rentenniveau stärker abgesenkt werden muss, als es ohne freiwillige Vorsorge der Fall gewesen wäre.

Wer sich also heute schon Sorgen über das Rentenniveau in 15 oder 20 Jahren macht, der sollte die nur vermeintlich attraktiven Konditionen für Zusatzbeiträge in der gesetzlichen Rente mit Skepsis betrachten. Am Ende muss die Zeche ein zweites Mal über eine Verwässerung der Rentenansprüche derjenigen Rentner berappt werden, die dafür kein Geld hatten.

Auch gesamtwirtschaftlich findet eine Scheinvorsorge statt

Erlauben Sie mir auch noch den Blick aus der Vogelperspektive, denn auch gesamtwirtschaftlich findet auf diese Art und Weise lediglich eine Scheinabsicherung statt. Wer Zusatzvorsorge im Umlagesystem betreibt, unterlässt es gleichzeitig, einen Kapitalstock für die Zukunft aufzubauen. Das verschlechtert die finanzielle Situation künftiger Generationen weiter.

Nur wenn Zusatzbeiträge in einen separaten Topf gehen und eine Finanzaufsicht darüber wacht, dass diese ausreichen, um alle künftigen Ansprüche bedienen zu können, dann findet gesamtgesellschaftlich eine solide Vorsorge statt. Dann müssen aber auch die steigende Lebenserwartung und der aktuell niedrige Zins berücksichtigt werden. Genau so funktioniert eine kapitalgedeckte private Versicherung. Und nur das schafft Generationengerechtigkeit.

Warum ich Ihnen das heute schreibe? Weil die Koalitionsarbeitsgruppe Flexi-Rente klammheimlich genau das vorgeschlagen hat: Alle über 50-Jährigen sollen durch freiwillige Extrabeiträge vorweg die Abschläge eines möglichen vorzeitigen Renteneintritts zurückkaufen können. Geht der Versicherte tatsächlich später in Rente, was ja gesellschaftlich gewollt ist, muss die gesetzliche Rentenversicherung eine Zusatzrente auszahlen.

Wer glaubt, mit so einer Art von Vorsorge den demografischen Wandel austricksen zu können, der glaubt sicher auch, dass sich der Lügenbaron Münchhausen tatsächlich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat. Hoffen wir, dass am Ende die politische Vernunft obsiegt.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth

 
Jörg von Fürstenwerth

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