18.11.2015
Schwerpunkt Big Data

Versicherer erfinden sich neu

Die digitale Zukunft verändert das Geschäftsmodell der Versicherer radikal: Betroffen sind nicht nur der Vertrieb und das Marketing. Big Data wird auch für die Produktgestaltung oder die Schadenprävention immer wichtiger. Zugleich schlüpfen die Versicherer immer stärker in die Rolle eines Dienstleisters. Von Dennis Schmidt-Bordemann

Jeder Internetnutzer kennt das: Er wird verfolgt von Werbung zu Themen, nach denen er Tage zuvor im Netz gesucht hat. Oder er erhält Produktvorschläge, die zu seinem bisherigen Einkaufsverhalten passen. Und das sind nur die sichtbaren Anzeichen dafür, wie Unternehmen Informationen über Verbraucher mehr und mehr nutzen. Einige ziehen sogar aus Suchanfragen bereits Rückschlüsse auf die künftige Nachfrage und steuern entsprechend ihre Produktion und Logistik.

Möglich macht all das Big Data – ein Sammelbegriff für die rasche Auswertung großer Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen. Und diese Technologie macht auch vor den Versicherern nicht halt. „Das wird den Kundenkontakt massiv verändern und helfen, neue Märkte zu erschließen“, sagt Dietmar Kottmann vom Beratungshaus Oliver Wyman. Denn viele Marktchancen seien mit den bisherigen technischen und personellen Möglichkeiten gar nicht zu erkennen.

STATEMENT

Dietmar Kottmann, Partner bei Oliver Wyman:

„Big Data wird den Kundenkontakt massiv verändern und helfen, neue Märkte zu erschließen“

Viele neue Nutzungsmöglichkeiten

Und die Anwendungsmöglichkeiten scheinen unbegrenzt: in der Betrugsbekämpfung, im Marketing, im Vertrieb und der Produktgestaltung. So lassen sich mit Big Data Risiken besser kalkulieren und Policen passgenau auf die Kundenbedürfnisse abstimmen. Etwa eine maßgeschneiderte Versicherung für die online gebuchte Reise nach Südostasien. Auch Werbeanzeigen im Internet lassen sich für jeden Kundentyp individualisieren. „Hier gibt es enorme Möglichkeiten, um den Vertrieb besser zu unterstützen und auszurichten“, sagt Kottmann.

Überflüssig wird der Mensch nach Ansicht von Kottmann jedoch nicht. Als Beispiel verweist er auf die Reisebranche, wo die Digitalisierung schon weiter vorangeschritten sei. Fast jeder habe bereits einen Flug oder eine Reise über ein Online-Portal gebucht, trotzdem gebe es weiter Reisebüros, die auch von jüngeren Menschen noch genutzt würden. „Weil es einfach praktisch ist, sich online zu informieren – aber auch, um einen Ansprechpartner vor Ort zu haben, bei dem man zum Beispiel seine Beschwerden loswerden kann, wenn etwas schief gegangen ist“, so Kottmann. Oder der einen persönlich unterstützt, wenn es mal komplizierter wird.



GDV

Themenschwerpunkt: Big Data

Daten gelten als das wichtigste Gut im Informationszeitalter. Deren Auswertung birgt große Chancen. In sechs Beiträgen erläutert GDV.DE, welche Möglichkeiten Big Data eröffnet, was die Technik für Datenschutz sowie Datensicherheit bedeutet und wie sich das Geschäft der Versicherer verändert. >> zum Schwerpunkt


 

Besserer Service dank neuer Daten

Auch im Kundenservice kann die neue Technologie viel bewirken – und den Versicherer noch stärker in die Rolle des Dienstleisters rücken. Weltweit sind beispielsweise 15 Milliarden Gegenstände bereits an das Internet angeschlossen: Maschinen, Feuermelder, Heizgeräte oder Kühlschränke. Sie alle sondern einen Strom an Daten ab – eine gute Möglichkeit für die Schadensprävention mithilfe der Versicherer. Sie könnten sich auf Kundenwunsch mit dem Datennetz des Hauses verbinden, um etwa frühzeitig vor dem Ausfall eines Geräts zu warnen oder sich um die regelmäßige Wartung der Geräte zu kümmern. „Versicherer werden dann nicht mehr erst Leistung erbringen, wenn ein Schaden passiert ist, sondern helfen, Schäden zu vermeiden“, sagt Werner Schmidt, Vorstand der LVM Versicherung. Das Verhindern von Schäden – seit jeher ein Interesse der Versicherer – wird einfacher und wichtiger werden.

Auch bei Lebensversicherungen gewinnt die Prävention an Bedeutung. „Wenn man durch Gesundheitsdaten – zum Beispiel von einem Handy oder Armband – bei einem älteren Menschen rechtzeitig Blutdruckspitzen erkennen und dadurch einem Herzinfarkt vorbeugen kann, wird dem Kunden ein deutlicher Zusatznutzen gegeben“, sagt Thomas Weilbacher, zuständig für das Risikomanagement bei der Allianz Lebensversicherung in Stuttgart. Big Data könnte also überlebenswichtig werden – für die Unternehmen, aber eben auch für die Kunden.