04.11.2015
Versicherung von Flüchtlingsunterkünften

„Die Herkunft der Menschen spielt für den Versicherungsschutz keine Rolle”

Der Strom von Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, reißt nicht ab. Als Wohnraum werden zusehends auch leerstehende Gebäude, Turnhallen oder Privatwohnungen angeboten. Dies stellt auch die Assekuranz vor Herausforderungen: Es gilt tausende Gebäude zu versichern. GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg von Fürstenwerth über eine würdevolle Unterbringung von Flüchtlingen, die Folgen einer Nutzungsänderung von Gebäuden und die Pflicht der Branche, auf Sicherheitsmängel hinzuweisen.

Viele Kommunen stoßen bei der Aufnahme von Flüchtlingen an ihre Grenzen. Wie hilft die Versicherungswirtschaft, dieses Problem zu lösen?
Jörg von Fürstenwerth: Die Aufnahme der Flüchtlinge ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der selbstverständlich auch die Versicherungswirtschaft mitwirkt. Versicherer sehen ihren Auftrag darin, Flüchtlingen und Asylbewerbern eine sichere Unterbringung zu ermöglichen. Hierfür setzt sich die Branche aktiv ein und findet mit Augenmaß täglich pragmatische Lösungen. Das wird an folgenden Zahlen deutlich: Wir schätzen, dass die Zahl der versicherten Flüchtlingsunterkünfte inzwischen im fünfstelligen Bereich liegt; hinzukommen zigtausende private Wohnungen. Die hohe Zahl von oftmals eilbedürftigen Fällen verlangt auch von uns eine besondere Aufmerksamkeit.

In den Medien wird über Aufschläge bei den Versicherungsbeiträgen berichtet, wenn Gebäude für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden.
von Fürstenwerth: Welcher Beitrag berechnet wird, hängt vom einzelnen Gebäude ab und ist Sache unserer Mitgliedsunternehmen. Grundsätzlich kann ich aber sagen: Der Beitrag steigt nicht automatisch, weil Flüchtlinge einziehen. Die Herkunft der Menschen spielt für Versicherungsschutz keine Rolle. Ausschlaggebend ist, wie gefährdet die Unterkunft ist, der Zustand des Gebäudes und wie viele Menschen wie lange dort leben.

Hat die Versicherungswirtschaft dazu Zahlen erhoben?
von Fürstenwerth: Unsere Statistiken zeigen, dass der Schadenaufwand deutlich höher liegt, wenn Häuser nur kurzzeitig von wechselnden Personen bewohnt werden. Dies gilt übrigens gleichermaßen für Touristen, Montagearbeiter, Studenten oder Flüchtlinge. So sind etwa die über Jahrzehnte hinweg erhobenen Feuerschäden bei Hotels und Pensionen fast fünfmal so hoch wie bei Wohngebäuden.

Und was gilt für Privatwohnungen?
von Fürstenwerth: Wechseln in einer Privatwohnung die Mieter, ist dies für den Gebäudeversicherungsschutz in der Regel unerheblich. Voraussetzung ist, dass die Anzahl der Mieter nicht eklatant steigt. Wenn etwa in einer durchschnittlichen Mietwohnung plötzlich dutzende Personen leben, wird der Versicherer die Situation neu bewerten müssen.

Zur Person

Jörg von Fürstenwerth ist seit 1996 geschäftsführendes Präsidiumsmitglied und Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV).

Von Fürstenwerth studierte Rechts- und Staatswissenschaften sowie Volkswirtschaftslehre in Bonn und London. 1985 promovierte er mit einer Arbeit zum Außenwirtschaftsrecht an der Universität zu Köln zum Dr. jur.

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Auf welcher Basis werden Versicherungsbeiträge für Flüchtlingsunterkünfte kalkuliert?
von Fürstenwerth: Es gibt keine pauschale Bewertung. Versicherer greifen hier nicht einfach in eine „Beitragsschublade“. Diese Wohnstätten sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von Wohngebäuden über Traglufthallen, Containerdörfer und Turnhallen bis hin zu ehemaligen Baumärkten. Genauso verschieden sind die Anforderungen an einen adäquaten Personen- und Sachschutz und die Bewertung der bestehenden Gefahren durch den Versicherer. Häufig werden Flüchtlinge auch in Gebäuden untergebracht, die vorher leer standen. Diese Gebäude hatten dann oft nur einen Basisversicherungsschutz. Sobald hier Menschen einziehen, ist ein erweiterter Versicherungsschutz nötig – etwa gegen Schäden durch Sturm, Hagel, Überschwemmung oder Leitungswasser. Dies wirkt sich – wie bei jedem anderen Gebäudeversicherungsvertrag – auch auf den Versicherungsbeitrag aus.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, bevor ein Versicherungsvertrag geschlossen wird?
von Fürstenwerth: Ich finde es verantwortungsvoll, wenn Versicherer zum Schutz der Menschen, die in Flüchtlingsheimen wohnen sollen, auf Gefahren oder gar Mängel hinweisen und erst dann Versicherungsschutz vereinbaren, wenn diese Probleme beseitigt sind.

Welche Gefahren können das sein?
von Fürstenwerth: Zum Beispiel sind Schulen, Büros oder Lagerhallen nicht auf dauerhaftes Wohnen ausgerichtet. Ziehen hier Menschen ein, bestehen allein durch das tägliche Leben mit Kochen, Waschen, Licht, Rauchen und Heizen deutlich höhere Brandgefahren. Die Bauaufsicht hat daher sehr berechtigte Auflagen, insbesondere für Brandschutz oder Fluchtwege. Zum Teil treffen Versicherer auf bedenkliche Überbelegungen. Gerade angesichts der großen Schwierigkeiten, würdevolle Unterkünfte bereitzustellen, ist es unsere Pflicht, auf die Sicherheit zu achten – und diese auch einzufordern.

Wie schätzen Sie die Entwicklung dieses Themas für die Versicherungswirtschaft ein?
von Fürstenwerth: Die Versicherung von Flüchtlingsunterkünften in bislang ungeahnten Dimensionen ist eine große Herausforderung. Wir werden weiterhin an Lösungen arbeiten, damit Flüchtlinge und Asylbewerber bei uns sicher aufgenommen werden können.