16.11.2015
Schwerpunkt Big Data

Braucht es einen neuen Datenschutz?

Die neuen Möglichkeiten der Datenanalyse ängstigen viele Menschen. Sie fürchten, durch Big Data zu gläsernen Bürgern zu werden und die Kontrolle über ihre Privatsphäre zu verlieren. Was Versicherer tun, um die Kundendaten zu schützen. Von Dennis Schmidt-Bordemann

Fahrdienste, die aus den Buchungen ihrer Kunden ablesen, ob diese eine Affäre haben. Supermärkte, die noch vor den betroffenen Frauen wissen, dass sie schwanger sind. Wer all das für Zukunftsvisionen hält, irrt. Denn das ist heute bereits möglich.

Kein Wunder, dass längst eine gesellschaftliche Debatte im Gange ist, wie Menschen im Zeitalter der Digitalisierung ihre Daten und ihre Privatsphäre schützen können. Denn mit der Auswertung von immer mehr Informationen könnte – so die Horrorvorstellung – das Verhalten der Menschen kontrolliert und manipuliert werden. In Wissenschaft und Wirtschaft wird bereits von den Möglichkeiten der Precognition durch Big Data gesprochen – also der Vorhersage menschlichen Verhaltens wie in Philipp K. Dicks dunkler Zukunftsvision Minority Report. Das befeuert die Sorge, die digitale Welt könnte sich zu einer Transparenz-Hölle entwickeln.

STATEMENT

Werner Schmidt, Vorstand bei der LVM Versicherung:

„Bis Big Data tatsächlich funktioniert, müssen wir noch viel lernen“

Datenschützer, Aufsicht und Verbraucher sind besorgt

Die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff sieht den Datenschutz durch Big Data „existenziell gefährdet“. Sie warnt davor, Daten, die Gesundheitsprofile und Rückschlüsse auf Krankheiten zulassen, an Dritte weiterzugeben. „Denn wer weiß, ob einem in Zukunft aus diesen Daten nicht einmal Nachteile erwachsen?“ Die Aufsichtsbehörden haben bereits angekündigt, ein genaues Auge auf die Big-Data-Aktivitäten von Finanzunternehmen zu werfen.

Auch ein Großteil der Menschen misstraut der schönen neuen Datenwelt. Rund 86 Prozent der 30- bis 59-Jährigen fürchtet, dass ihre Daten im Internet missbraucht werden könnten. Die Versicherer nehmen solche Sorgen ernst. „Vertrauen ist die Grundlage unseres Geschäftes“, sagt zum Beispiel Werner Schmidt von der LVM Versicherung. Denn die Assekuranz weiß: Die Möglichkeiten der Digitalisierung lassen sich nur soweit nutzen, wie auch die Akzeptanz der Kunden dafür vorhanden ist.

Strenge Datenschutzanforderungen in Deutschland

Die Versicherer in Deutschland wollen und müssen die Daten ihrer Kunden schützen. Dafür haben sie sich mit ihren Verhaltensregeln zum Datenschutz einem hohen Standard unterworfen. So dürfen personenbezogene Daten grundsätzlich nur zweckgebunden erhoben werden – und in der Regel auch nur direkt beim Kunden. Diese Daten würden bei Versicherern nur im vertraglich vereinbarten Rahmen genutzt, betont Schmidt. „Das ist anders als bei Unternehmen, deren Geschäftsmodell vorsieht, mit den Daten zu handeln und Geld zu verdienen“, sagt er.

Datenschutz kann aber auch ein Hindernis für neue Geschäftsmodelle sein. „Die Folge ist, dass wir auch im globalen Wettbewerb ins Hintertreffen geraten, weil bei uns Entwicklungen und Dienstleistungen ausgebremst werden, die in anderen Märkten ganz selbstverständlich entstehen“, betont Schmidt. Er plädiert deshalb vor allem für mehr Souveränität: „Der Kunde muss selbst entscheiden, wer die Daten zum Beispiel aus seinem Haus oder seinem Auto erhalten darf. Und diese Daten müssen dann in sicheren Systemen vor Angriffen geschützt sein.“



GDV

Themenschwerpunkt: Big Data

Daten gelten als das wichtigste Gut im Informationszeitalter. Deren Auswertung birgt große Chancen. In sechs Beiträgen erläutert GDV.DE, welche Möglichkeiten Big Data eröffnet, was die Technik für Datenschutz sowie Datensicherheit bedeutet und wie sich das Geschäft der Versicherer verändert. >> zum Schwerpunkt


 

Versicherungswirtschaft erfüllt höchste Sicherheitsstandards

In diesem Punkt sieht Schmidt die deutschen Versicherer als Vorbild. „Um Datensicherheit für unsere Kunden zu schaffen, haben wir zum Beispiel die Trusted German Insurance Cloud entwickelt und vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifizieren lassen.“ Mit dem Lage- und Krisenreaktionszentrum der Versicherer sei man zudem in der Lage, gemeinsam mit dem BSI und anderen Branchen jederzeit schnell und angemessen auf Cyberbedrohungen zu reagieren.

Auch Markus Franke von der Beratungsgesellschaft BearingPoint hält die ausreichende Sicherheit der Daten für die größte Herausforderung bei der Digitalisierung. Das Risiko eines Missbrauchs sei auch bei Versicherungen nicht ausgeschlossen: „Was passiert zum Beispiel, wenn jemand sich in meine App hackt und mein Tarif sich in kurzer Zeit verdoppelt?“, fragt er.