15.10.2015
Fachkräftemangel

Wie Mittelständler mit betrieblicher Altersversorgung um neue Mitarbeiter buhlen können

Seit 2009 stagniert die betriebliche Altersversorgung in Deutschland. Die größten Potenziale für eine bessere Verbreitung bestehen bei kleinen und mittleren Unternehmen. Trotzdem investieren viele Mitarbeiter lieber in eine monatliche Tankkarte statt in ihre Rente. Prof. Frank Wallau, Mittelstandsexperte von der Paderborner Fachhochschule der Wirtschaft, über Hemmnisse der betrieblichen Altersvorsorge und den fehlenden Mut, etwas Neues auszuprobieren.

Alle sprechen vom Fachkräftemangel. Ist das wirklich ein akutes Problem für die Wirtschaft?
Prof. Frank Wallau: Die Unternehmen spüren bereits seit einigen Jahren den Fachkräftemangel. Es gibt auch immer mehr unbesetzte Ausbildungsplätze. Richtig schwierig wird es für die Unternehmen, neues Personal zu finden, wenn die Generation der Babyboomer in den nächsten zehn Jahren den Arbeitsmarkt verlässt.

Wie reagieren die Unternehmen darauf?
Wallau: Die großen Unternehmen bemühen sich sehr intensiv, neue Mitarbeiter zu gewinnen und die vorhandenen zu binden. Sie gehen auf Job-Messen, versuchen online wie offline frühzeitig mit potentiellen Mitarbeitern in Kontakt zu kommen und versuchen, sich durch zusätzliche Leistungen attraktiv zu machen, neudeutsch Employer Branding. Das funktioniert auch. Die kleinen und mittleren Unternehmen müssen sich hier mehr anstrengen, sonst schauen sie bei der Gewinnung und Bindung der guten Mitarbeiter in die Röhre.

Zur Person

Prof. Frank Wallau

forscht und lehrt an der Fachhochschule der Wirtschaft Paderborn zu Fragen der Mittelstandspolitik. Für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales untersuchte er, welche Hemmnisse einer Verbreitung der betrieblichen Altersvorsorge in kleinen und mittleren Unternehmen im Wege stehen.

Bis 2003 war Wallau stellvertretender beziehungsweise kommissarischer Leiter des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn.

Ist die betriebliche Altersversorgung ein Instrument, um in diesem Wettbewerb um Fachkräfte Pluspunkte zu sammeln?
Wallau: Eine betriebliche Altersversorgung alleine ist meistens nicht das entscheidende Instrument, warum sich ein Mitarbeiter für ein Unternehmen entscheidet. Es kommt auf das Gesamtpaket an. Bei der Altersvorsorge entfaltet außerdem nur eine arbeitgeberfinanzierte Leistung eine echte Bindungswirkung. Entgeltfinanzierte Leistungen bringen bezogen auf die Mitarbeiterbindung fast gar nichts, weil der Arbeitnehmer den Vorsorgebaustein einfach zum neuen Arbeitgeber mitnehmen kann. Wenn ein Unternehmer die betriebliche Altersversorgung zur Mitarbeiterbindung nutzen will, dann muss er auch selbst Geld in die Hand nehmen.

Bisher ist die betriebliche Altersversorgung im Mittelstand nicht so stark verbreitet. Woran liegt das?
Wallau: Bei der Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung haben in der Tat die größeren Unternehmen die Nase vorn. Bei den Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten haben wir einen Verbreitungsgrad unter den Arbeitnehmern von über 80 Prozent. Dagegen liegt der Anteil der Beschäftigten mit betrieblicher Altersversorgung bei den kleinen und mittleren Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern bei unter 40 Prozent. Gerade in diesen so genannten Kleinst- und kleinen Unternehmen – und das sind rund 95 Prozent aller Unternehmen in Deutschland – wird immer noch häufig den Mitarbeitern keine Möglichkeit geboten, eine betriebliche Altersversorgung zu betreiben. Oft scheitert es bei Arbeitgebern wie Arbeitnehmern am Verständnis und an fehlenden Informationen über die betriebliche Altersversorgung. Die meisten dieser Unternehmen haben schlicht oft gar keine Personalabteilung, die sich in diese Thematik einarbeiten kann. Strategische Personalplanung ist in diesen Unternehmen leider oft nicht vorhanden. Somit hängt sehr viel von der Initiative des Chefs ab.



Gibt es auch auf der Seite der Mitarbeiter Unterschiede?
Wallau: Das Gehaltsgefüge ist oft anders als in Großunternehmen. Bei einem typischen Mittelständler haben sie vielleicht einen Meister, ein paar Gesellen, drei Lehrlinge, und die Ehefrau managt das Büro. Oder denken Sie an eine Zahnarztpraxis oder ein kleines Marketingbüro. Die Einkommen sind oft niedriger. Da nehmen viele lieber ein paar Euro mehr Gehalt oder eine monatliche Tankkarte über 49 Euro, als dieses Geld in eine betriebliche Altersversorgung zu stecken, die ihren Nutzen erst in Jahrzehnten entfaltet.

Wie kann eine stärkere Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung im Mittelstand gelingen?
Wallau: Es gibt sicher keine optimale Lösung. Keinen gordischen Knoten, den Sie durchschlagen können. Wir haben in unserer Studie insgesamt 40 Hemmnisse identifiziert, die eine Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung erschweren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer wissen zum Beispiel zu wenig über die Möglichkeiten bei der betrieblichen Altersversorgung. Viele Mittelständler fürchten einen zu hohen bürokratischen Aufwand. Allerdings wissen wir derzeit nicht genau, welche Hemmnisse die größten Probleme darstellen. Weitere Forschungen aufbauend auf unserer Machbarkeitsstudie, die schon Mitte 2014 vorlag, hätten hier bis Mitte 2015 sicherlich wertvolle Erkenntnisse liefern können.

Welchen Beitrag muss die Politik leisten?
Wallau: Die Politik braucht – aufbauend auf einem soliden erforschten Fundament der Hemmnisse – vor allem den Mut, etwas auszuprobieren. Wir müssen nicht nur an einer Stellschraube drehen, sondern wahrscheinlich an sehr vielen – und das gleichzeitig, damit neuer Schwung in der betrieblichen Altersversorgung geschaffen wird. Die bisher diskutierten Vorschläge bringen da meiner Meinung nach zu wenig und werden den Verbreitungsgrad nicht entscheidend erhöhen.

Gut zu wissen

Fünf Wege zur betrieblichen Altersversorgung

 
Direktversicherung
Der Arbeitgeberschließt eine Lebensversicherung bei einem externen Unternehmen für seine Beschäftigten ab und zahlt Beiträge ein.

Pensionskasse
Diese Kassen sind selbstständige Versorgungseinrichtungen, die vom Arbeitgeber finanziert werden.

Unterstützungskasse
Sie unterliegen nicht der Versicherungsaufsicht und können ihr Vermögen frei investieren – was oft ein höheres Risiko beinhaltet.

Pensionsfonds
Diese Anlagegesellschaften investieren ihr Vermögen am Kapitalmarkt – ebenso wie bei Unterstützungskassen mit höherem Risiko.

Direkt- oder auch Pensionszusage
Das Unternehmen verpflichtet sich, bei Renteneintritt die vereinbarte Leistung auszuzahlen. Dafür muss der Arbeitgeber Rückstellungen bilden.