11.09.2015
Interview mit Schenker-Deutschland-Vorstand Thomas Hauck

„Versichern von Seefracht muss einfacher werden“

Schenker-Deutschland-Vorstand Thomas Hauck im Interview des GDV-Magazins POSITIONEN über Containergiganten auf den Weltmeeren, das volatile Geschäft der Spediteure und darüber, wie Versicherer den Welthandel verbessern können.

Thomas Hauck ist anzumerken, dass er viel in der Welt herumkommt. Sein Schreibtisch steht zwar in der Schenker-Deutschlandzentrale in Kelsterbach, einen Steinwurf entfernt vom Frankfurter Flughafen. Sein geräumiges Vorstandsbüro nutzt der Münchner selten – dafür ist er zu oft auf Achse. Doch das sei noch gar nichts im Vergleich zu seinem früheren Leben als Schenker-Manager in China: „Verglichen damit kommt einem das Leben hier in Deutschland richtig langsam vor“, bekennt er.

Herr Hauck, Sie sind für die Seefracht bei Schenker Deutschland zuständig, waren vorher Manager in China. Gab es in Ihrer Karriere Momente, in denen Sie sich gesagt haben: Oje, ob das nur einmal gut geht mit dieser Fracht?
Thomas Hauck: Nein. Aber ab und zu war ich während meiner Zeit in China am Zweifeln, ob unsere Organisation die enormen Wachstumsraten verdauen kann: Da ging es um 30.000 Tonnen oder etwa um 20.000 Container, die plötzlich bewegt werden sollten. Übernommen haben wir uns nie. Das war aber ein Stresstest fürs gesamte Unternehmen.

Schenker bewegt Millionen-Werte: So verschiffen Sie regelmäßig Autos. Wie wertvoll ist Ihre Fracht im Schnitt?
Hauck: Bei Massengütern wie Konsumartikeln sind es vielleicht 10.000 Euro Warenwert pro Container, im Pharma- und Medizintechnikbereich können es schnell 100.000 Euro sein. Noch mehr ist es, wenn wir Smartphones oder Tablets transportieren. Aber unruhig wurde ich nie: Wir arbeiten ja mit zertifizierten Partnern zusammen. Die Reedereien, Häfen und Frachtspezialisten kennen ihr Geschäft. Da muss ich mir keine Sorgen machen.

Die Schiffe werden immer größer. Die neuesten Ozeanriesen befördern mehr als 19.000 Container. Dafür fallen die Frachtraten. Wiegen die Kostenvorteile das Risiko eines Megaschadens auf?
Hauck: Die neuen Schiffe dürften auch deutlich sicherer sein als ältere. Unsere Kunden haben grundsätzlich den Vorteil, dass sie dank größerer Frachter ökologischer und günstiger Waren verschiffen können. Derzeit sorgen jedoch die Abwertung des chinesischen Yuan sowie die Euro-Kurskapriolen für massive Veränderungen der Handelsströme. Die Preise im Frachtgeschäft sind deshalb extrem volatil. Hat sich die Lage aber einmal beruhigt, werden die Kunden die Kostenvorteile spüren.

Zur Person

Thomas Hauck ist Vorstand Seefracht/Projekte bei der Schenker Deutschland AG. Hauck, 1972 in München geboren, hat das Speditionsgeschäft von der Pike auf gelernt. Er arbeitet seit 15 Jahren in vielen Positionen für die zur Deutschen Bahn gehörende DB Schenker Gruppe (2014: 19,8 Mrd. Euro Umsatz, 95.700 Mitarbeiter), einem der größten Logistikunternehmen der Welt. Vor seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete Hauck in Südafrika und China.

In der Seefracht gibt es gigantische Überkapazitäten. Nun müssen die Reeder sparen. An der Sicherheit?
Hauck: Nicht bei uns. Wir arbeiten nur mit ausgewählten und zertifizierten Partnern zusammen. Die Reeder müssen hohe Sicherheitsstandards erfüllen. Da machen wir keine Kompromisse.

Versicherer beklagen oftmals fehlende Informationen zur Fracht. Warum fehlt es an den Daten?
Hauck: Alle Informationen zur Fracht sind grundsätzlich verfügbar. Wir übernehmen etwa beim integrierten Cargo-Management komplette Daten vom Kunden, auch alle Details zum Inhalt der Container wie Wert und Warenbeschaffenheit. Diese Daten können auch geteilt werden mit anderen Beteiligten. Was fehlt, ist die Vernetzung.

Wie weit kann eine solche Vernetzung zwischen Kunden, Frachtunternehmen, Reedereien und Versicherern gehen?
Hauck: Weit. Es geht vor allem darum, die vorhandenen, riesigen Datenmengen sinnvoll zu strukturieren. Das ermöglicht Effizienzgewinne. Je enger die Vernetzung ist, je besser die Daten aufbereitet sind, desto leichter kann man Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Fracht und damit der Risiken ziehen. Wir sollten also noch enger mit Reedern, Kunden, Häfen, Versicherern zusammenarbeiten, um das Optimum herauszuholen.

POSITIONEN – Das Magazin der deutschen Versicherer

Kann die Digitalisierung die Warenströme sicherer und preiswerter machen?
Hauck: Sobald alle Informationen über die komplette Lieferkette bekannt sind, lassen sich alle Bewegungen genau analysieren und Kosten senken sowie Risiken vermeiden. Dann wüssten alle Beteiligten nicht nur, wo sich bestimmte Container gerade befinden, sondern wo zum Beispiel eine Autostoßstange gerade zwischengelagert oder transportiert wird. Damit wird die Lieferkette zuverlässiger und flexibler.

Was können Versicherer verbessern?
Hauck: In unserer Branche kämpfen wir damit, dass unser Angebot zunehmend zum leicht vergleichbaren Massenprodukt wird. Um uns besser vom Wettbewerb abzusetzen und dem Kunden Zusatznutzen bieten zu können, müssen wir mehr als bisher eine integrierte Frachtkette anbieten. Dazu können die Versicherer ihren Beitrag leisten.

Wie sollte das geschehen?
Hauck: Indem Versichern transparent und einfacher wird. Statt einer aufwendigen Einzelfall-Taxierung, die Zeit kostet, müssten standardisierte Module her, die unsere Kunden zu- oder abwählen können. Das Versichern einer Ladung wäre nicht mehr so reaktiv wie bisher. Damit könnten wir aktiv auf den Kunden zugehen. Zudem käme es dem Wunsch der Kunden nach einfacherer und schnellerer Auftragsabwicklung aus einer Hand entgegen.

Interview: Thomas Wendel