28.09.2015
Investment

Versicherer entdecken grüne Renditen

Deutsche Versicherer investieren Milliardenbeträge in erneuerbare Energien. Das verspricht stabile Renditen, nützt ihren Kunden und unterstützt zugleich die Energiewende.

In der früheren Papiermühle werden Suchanfragen bearbeitet und Daten in der Cloud gesichert: Im finnischen Hamina betreibt Google eines seiner dreizehn großen Rechenzentren. Der Strombedarf der Server ist enorm, doch der Internetriese möchte winzige ökologische Fußabdrücke hinterlassen. Weltweit bezieht Google ein Drittel der benötigten Elektrizität aus grünen Quellen, der Windstrom für Hamina wird aus Schweden importiert. Bemerkenswert an dem schwedischen Windpark ist nicht nur die zweckgebundene Verwendung des Stroms, sondern auch der Besitzer. Hinter dem Projekt steht ein Versicherer, die Allianz. Eine Win-Win-Situation: Das Geld der Versicherungskunden wirft eine ordentliche Rendite ab und unterstützt gleichzeitig die europäische Energiewende.

In 54 Wind- und sieben Solarparks hat die Allianz in den vergangenen zehn Jahren investiert und damit weltweit 2,5 Milliarden Euro angelegt. Bei einer Gesamtanlagesumme von rund 650 Milliarden Euro ist das zwar nur ein kleiner Anteil, doch mit den grünen Kraftwerken könnte rechnerisch eine Stadt in der Größe Barcelonas mit Strom versorgt werden – oder demnächst Berlin: Mittelfristig, so David Jones, Leiter des Bereichs Erneuerbare Energien bei Allianz Capital Partners, soll das Anlagevolumen verdoppelt werden.

Versicherer befördern die Energiewende

Auch andere Versicherer sind ins Geschäft eingestiegen, zum Beispiel die Meag, Kapitalanlagegesellschaft der Münchener Rück und der Ergo Versicherungsgruppe. 700 Millionen Euro hat sie in erneuerbare Energien investiert. Tim Ockenga, Leiter Kapitalanlagen beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), beobachtet ein „deutlich gestiegenes und inzwischen großes Interesse“. Jeder vierte institutionelle Investor hat erneuerbare Energien oder Stromnetze in den Anlagekorb aufgenommen, ermittelte das Marktforschungsinstitut Trend Research bereits vor zwei Jahren. 13 Prozent der deutschen Grünstrom-Kraftwerke sind laut der Untersuchung aus dieser Quelle finanziert worden.

Heinrich Degenhart, Finanzwirtschaftsprofessor an der Universität Lüneburg, konstatiert einen regelrechten „Run“ auf erneuerbare Energien. „Hochwertige Projekte, die die branchenüblichen Vorgaben erfüllen, sind äußerst nachgefragt. Die Versicherer kaufen, was sie bekommen können.“ Degenhart sieht neben den höheren Zinsen einen weiteren Vorteil: „Die Laufzeiten sind sehr lang, oft wirft ein Ökostromprojekt 20 Jahre ziemlich verlässlich Geld ab. Das passt zu den langfristigen Zahlungsverpflichtungen, zum Beispiel von Lebensversicherungen.“

Jeder grüne Euro ist ein guter Euro

Umweltschützer unterstützen das Engagement der Versicherer. „Jeder Euro, der grün investiert wird, ist ein guter Euro“, sagt Alexander El Alaoui, Referent für Finanzmärkte bei Germanwatch. „Wenn wir eine globale Energiewende erreichen wollen, spielen die insti­tu­tionellen Investoren dabei eine ganz zentrale Rolle.“

Vor allem Windparks sind gefragt, aber die Assekuranz hat auch zahlreiche Sonnenkraftwerke im Portfolio und das Thema weiter im Blick. Dazu kommen Beteiligungen an Wasserkraftwerken und Biogasanlagen. Rund drei Milliarden Euro haben allein die in Deutschland ansässigen Versicherer investiert, schätzt der GDV. Damit sind sie einer der wichtigsten Geldgeber der Energiewende, auch wenn der Anteil an der investierten Gesamtsumme von 1.450 Milliarden Euro noch relativ klein ist.

Versicherer suchen nach renditestarken, sicheren Investments

Angesichts extrem niedriger Zinsen auf Staats- und Unternehmensanleihen suchen die Ver­sicherer nach Alternativen, um das Geld der Kunden gewinnbringend anzulegen und die in Aus­sicht gestellten Renditen zu erzielen. „Im Vergleich zu anderen Anlagemöglichkeiten sind erneuerbare Energien derzeit sehr renditestark“, sagt Maik Schulze, Experte für alternative Energien bei der Gothaer Asset Management AG. Eine Bruttoverzinsung auf das Eigenkapital von etwa sieben Prozent werde von der Gothaer in der Regel ange­strebt. Verrechnet mit dem höheren Risiko, das Infrastrukturinvestitionen mit sich bringen, weil zum Beispiel beim Betrieb etwas schiefgeht oder der Wind schwächer weht als erwartet, bleibe unter dem Strich immer noch eine Rendite von 4,3 bis 4,5 Prozent.

Die Gothaer hat bislang 240 Millionen Euro in erneuerbare Energien gesteckt – bei einer Anlagesumme von rund 28 Milliarden Euro ein relativ hoher Betrag – und schichtet weiter um.

POSITIONEN – Das Magazin der deutschen Versicherer

Der Report über das wachsende Engagement der Versicherungsunternehmen im Markt für erneuerbare Energien ist im Magazin POSITIONEN erschienen. Die Zeitschrift des GDV informiert über Innovationen, Geschäftsmodelle und politische Entwicklungen aus der Welt der Versicherungen.

Weitere Themen der aktuellen Ausgabe:

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Wer grüne Kraftwerke versichert, investiert auch in sie

„Allein dieses Jahr werden wir in fünf neue Projekte investieren“, sagt Schulze. Der Vorteil der Gothaer: Sie ist Marktführer bei Schadensversicherungen für Grünstrom-Kraftwerke. „Deshalb können wir auf ein erfahrenes Team zurückgreifen und Risiken besonders gut bewerten.“

Wem es an dieser Expertise mangelt, der hält sich meist zurück – so handhaben es die kleineren Versicherer. „Es lohnt sich für sie aufgrund der geringeren Anlagesummen kaum, ein eigenes Erneuerbare-Team aufzubauen“, sagt Versicherungsexperte Kurt Mitzner, Partner bei der Unternehmensberatung PwC. „Es wird spannend zu sehen, ob es da in Zukunft zu Kooperationen von kleineren Versicherern kommt. Die Tendenz ist da.“

Die Alternative: das Geschäft an einen Dienstleister abgeben, der die Wind- und Solarparks managt. Chorus Clean Energy zum Beispiel bietet das auch für Versicherer an. „Ein weit in die Zukunft berechenbarer, sicherer Geldfluss ist für Versicherer wichtiger als die Nachkommastelle bei der Rendite“, sagt Holger Götze, der Vorstandsvorsitzende von Chorus.

Gift für die Energiewende: Nachträglich geänderte Förderzusagen

Entscheidend dabei ist nicht nur die Qualität des Standorts und technologische Kompetenz, sondern auch die politische Verlässlichkeit. Nichts fürchten Versicherer so wie nachträglich geänderte Förderzusagen. In Spanien, Italien und Tschechien kürzte der Staat rückwirkend die Einspeisevergütungen für Ökostrom und hielt sich damit nicht an gemachte Versprechungen. Noch ist nicht klar, ob alle Eingriffe Bestand haben. In Deutschland schlug 2013 der damalige Umweltminister Peter Altmaier (CDU) eine nachträgliche Kürzung vor, um die Stromkunden bei der steigenden Ökostrom-Umlage zu entlasten. Daraus wurde zwar nichts, aber der Schreck sitzt der Branche noch in den Gliedern. „Das wäre eine Katastrophe für den deutschen Markt gewesen. Viele Investoren hätten sich in Zukunft ferngehalten – auch wir hätten unser Engagement überdenken müssen“, sagt Maik Schulze von der Gothaer.


„Ökostromprojekte werfen 20 Jahre ziemlich verlässlich Geld ab.“


Heinrich Degenhart
Finanzwirtschaftsprofessor an der Universität Lüneburg

Auf der Suche nach Investments entdecken viele Anleger gerade Großbritannien, wo die Offshore-Windkraft auf hoher See massiv ausgebaut wird. Und Frankreich, wo ein neues Gesetz „la Energiewende“, die es bis ins französische Vokabular geschafft hat, in Schwung bringen soll. Doch der Blick wandert auch weiter in die Ferne, verrät Allianz-Experte Jones: „Wir schauen uns im Moment erstmals auf der anderen Seite des Atlantiks nach Möglichkeiten um: Die USA sind für uns interessant.“

GDV: Weniger Eigenkapitalpuffer für Energie-Investments

Zumal es für neue Wind- und Solarparks hierzulande bald eine einschneidende Änderung gibt: Die von der Bundesregierung vorgesehenen zusätzlichen Kapazitäten sollen ab 2017 versteigert werden. Das hat die EU-Kommission durchgesetzt, um für mehr Wettbewerb in diesem Sektor zu sorgen. Meag-Sprecher Josef Wild erwartet „eine weitere Reduzierung der bereits heute vergleichsweise geringen Risikomarge für Erneuerbare-Energien-Projekte in Deutschland“. Dies dürfte dazu führen, dass sich Investoren stärker als bislang anderen Märkten zuwenden werden.

Auch neue Vorschriften am Kapitalmarkt beeinflussen, wie es mit den grünen Investments weitergeht. In der Anlageverordnung wurden jüngst die Vorgaben leicht gelockert, doch die ab 2016 geltenden Solvency-II-Regeln beinhalten nach derzeitigem Stand hohe Eigenkapitalvorschriften für Investitionen in erneuerbare Energien. Der GDV plädiert dafür, dass die Eigenmittelanforderungen auf 20 Prozent abgesenkt werden. „Investitionen in Infrastruktur und erneuerbare Energien sind allein schon wegen der relativ sicher prognostizierbaren Zahlungsströme nicht so risikobehaftet“, sagt GDV-Experte Ockenga. Vorteil für Versicherer: Sie müssten geringere Eigenkapitalpuffer für solche Investments vorhalten.

Grüne Energien als Beitrag zur Risikostreuung

Auch die sogenannten Entflechtungsvorschriften der EU behindern Investitionen: Wer Kraftwerke besitzt, darf nicht mehr ohne Einschränkungen zum Beispiel in Energienetze investieren. Versicherer tun beides, daher fordert der GDV eine Lockerung der Vorschriften.

Sollten die Zinsen eines Tages wieder steigen, verlieren erneuerbare Energien zwar an Attraktivität, vom Schirm der Investoren werden sie wohl kaum verschwinden. Chorus-Vorstandschef Götze wertet sie als stabilen und wichtigen Beitrag zur Risikodiversifikation: „Ich sehe kein Ende der positiven Entwicklung.“