22.09.2015
Magazin POSITIONEN

Starthilfe für Versicherungs-Start-ups

Für die Assekuranz ist es eine Frischzellenkur, für Start-ups die Chance auf Geldgeber: Zusammen werfen sie in sogenannten Acceleratoren den Turbo für die digitale Versicherungswelt an. Unser Autor Henning Engelage war in Berlin auf Ortstermin.

Auf den Europaletten in der Ecke sollen rote Kissen ein bisschen Wohnlichkeit zwischen die Schreibtische zaubern. Club-Mate-Flaschen lagern in zwei Weinkühlschränken, doch wichtiger ist jetzt der Geruch von frischen Espressobohnen. Die jungen Gründer, die hier ab halb zehn an der Zukunft der Versicherungswirtschaft werkeln, brauchen erst einmal einen Kaffee.

Martin Pluschke und Ulrich Kleipaß sind hellwach. Sie suchen hier, in diesem Kreuzberger Bürokomplex, für die Ergo nach neuen Ansätzen und Ideen für Geschäftsmodelle – quasi das nächste große Ding, wie die klassische Versicherung im Zeitalter der Digital Natives ankommt. Hier sitzen Gründer dicht an dicht, und der Versicherungskonzern als „Corporate Partner“ mittendrin. Über den direkten Zugang zu den Start-ups, sagt Kleipaß, „kommen wir fast täglich mit neuen Ansätzen und Ideen in Kontakt und können diese auf Anknüpfungspunkte für unser Geschäft prüfen.“

Dabei treffen zwei Geschwindigkeiten aufeinander, erzählt Martin Pluschke: In der Zeit, in der ein Start-up zum dritten Mal sein Geschäftsmodell ändere, stecke man im Konzern oft noch in der Konzeptphase. Das Start-up-Tempo steht im Kontrast zu der auf Beständigkeit, Langfristigkeit und Sicherheit ausgelegten Versicherungswelt, mit ihren für Effizienz und Zuverlässigkeit zwingend notwendigen standardisierten Prozessen. „Auch wenn man die Arbeitsweise und das Umfeld eines Start-ups nicht mit dem eines etablierten Unternehmens wie der Ergo vergleichen darf, können wir in diesem Umfeld eine Menge lernen“, sagt Pluschke, der den Anzug längst eingetauscht hat gegen Jeans und Kapuzenpulli.

Neun Start-ups in einer Büroetage

„Die große Herausforderung für uns ist es, die Start-ups mit ihrer agilen Arbeitsweise, aber noch geringem Geschäft so mit unseren großen Geschäftsfeldern zu verknüpfen, dass beide Seiten gewinnen“, sagt Bastian Biswurm, bei Ergo für die Aktivitäten in Berlin verantwortlich. Neun Start-ups bosseln derzeit in der Büroetage an ihren Ideen: von Dentolo, einem Portal für Zahnarztbehandlungen, über ReTravel, einem Portal für die Vermittlung nicht stornierbarer Reisen bis hin zu Karosso, einem Marktplatz für gebrauchte Kfz, welcher die Lücke zwischen reinen Onlineportalen und Händlern schließen will.

Zusammengebracht hat sie Axel Springer Plug and Play, ein sogenannter Accelerator. Dessen Ziel besteht darin, innerhalb von drei Monaten mit Geld, Know-how und Kontakten das Geschäftsmodell von Gründern zu beschleunigen. Starthilfe für Start-ups sozusagen. Dafür hat sich Springer mit einem Partner aus dem Silicon Valley zusammengetan, dem Plug and Play Tech Center.

Geld, Workshops, Coachings

Der Accelerator-Ansatz ist in der Gründerszene mittlerweile etabliert. Längst haben auch die Konzerne und Beratungsunternehmen diesen Kosmos für sich entdeckt. Der Medienkonzern ProSiebenSat.1 nutzt seinen Accelerator schon seit Jahren: Start-ups bekommen 25.000 Euro Kapital, der Accelerator erhält im Gegenzug eine Beteiligung von fünf Prozent. Die Gründer erhalten außer Geld auch Kontakte sowie Coachings, die sie auf den perfekten Pitch vorbereiten.

Der Accelerator unterstützt die Start-ups mit speziellen Workshops, gezieltem Mentoring und Coachings. Neben dem Programm bekommen die Start-ups auch Kapital. Der Accelerator erhält im Gegenzug eine Beteiligung am Unternehmen. Am Ende des Programms steht der Demo Day, bei dem die Start-ups vor Wagniskapitalgebern ihre Idee präsentieren und zeigen, wie weit sie gereift ist. Die besten schaffen es, die meistens benötigte Anschlussfinanzierung zu bekommen.

Flugdrohnen für das Schadenmanagement

Andere Versicherer setzen ebenfalls auf die Gründerkultur. Die Wüstenrot & Württembergische hat gerade die „Digitale Werkstatt“ als konzerninternes Start-up gegründet. „Wenn wir die neue Arbeitsweise und Mentalität mit dem Bestehenden verknüpfen, entsteht eine Dynamik, welche die Verbindung besonders zu jungen Kundengruppen stärkt“, sagt Alexander Erdland, Vorstandsvorsitzender W&W und zugleich Präsident des GDV.

Auch die Allianz hat eine Start-up-Schmiede gegründet. Mit dem Allianz Digital Accelerator sollen neue Businessmodelle für den Konzern vorangetrieben und ihre Implementierung beschleunigt werden. „Wir sind nicht der klassische Geldgeber. Wir beteiligen uns in erster Linie inhaltlich und übernehmen auch Verantwortung für die Vermarktung und Skalierung im Konzern“, sagt Accelerator-Co-Head Bernd Scharrer. Ziel sei eine innovative Weiterentwicklung des heutigen Produkt- oder Serviceansatzes rund um das Versicherungs-und Fintech-Geschäft. Die Experimente reichen bis zum Einsatz von Flugdrohnen für das Schadenmanagement – in Deutschland zwar nicht möglich, aber in Schwellenländern womöglich eine Idee für die Zukunft.

Allianz baut eigenen Accelerator

Zum Kernteam des Accelerators gehören rund ein Dutzend Leute. Um sie zu begeistern, kann schon eine kleine Papierpräsentation ausreichen. Drei bis vier größere Projekte will der Accelerator, der direkt bei der Mutter Allianz SE angesiedelt ist, pro Jahr anschieben. „Wir können die von uns gemeinsam entwickelten Geschäftsmodelle mit dem riesigen Know-how bei der Allianz in Verbindung bringen – zum Beispiel unseren Aktuaren– und damit deutlich schneller implementieren oder auch erkennen, dass dies nichts werden kann“, so Scharrer. Im Gegensatz zur konzerninternen Entwicklung bleibe die Unabhängigkeit, Schnelligkeit und Wendigkeit erhalten.

POSITIONEN – Das Magazin der deutschen Versicherer

Axa stützt Gründer mit Zuschüssen

„Für einen etwas anderen Ansatz“ habe sich die Axa entschieden, sagt Thilo Schumacher. Der Leiter des Axa Innovation Campus ist zugleich Vorstandsmitglied des deutschen Axa-Konzerns und setzt damit ein Zeichen: Bei Axa ist die Innovation ganz oben angedockt. Auf Gründerflair wie in Kreuzberg verzichtet das Unternehmen. „Wir wollen das Geld lieber in die Idee und die Startups stecken und nicht in Strukturen“, sagt Schumacher. „Außerdem haben wir festgestellt, dass eben nicht alle Start-ups nach Berlin wollen, sondern überall in Deutschland Gründungen stattfinden.

“Wer eine Idee hat, kann sie bei der Axa einreichen, selbst wenn das Start-up dafür noch nicht gegründet wurde. „Wir suchen Menschen, die eine Idee im Versicherungsumfeld haben, aber gerne für die Umsetzung auf ein breites Netzwerk zugreifen wollen“, sagt Schumacher. Ist die Idee gut, wird es schnell konkret. Der Axa Partner Global Innovation Campus coacht die Gründer, damit am Ende ein detaillierter Businessplan steht. „Wenn wir vom Gesamtkonzept überzeugt sind, finanzieren wir zumeist sofort die ersten zwölf Monate durch“, sagt Schumacher. Für ihre finanzielle und konzeptionelle Unterstützung sind neben dem Gründer auch noch Axa und der Global Innovation Campus am Unternehmen beteiligt.

Eine Million Euro nach zwei Jahren

Dazu liefert der Axa Innovation Campus den Kreativen ein vollmundiges Versprechen: Wir machen euch zu Millionären! Zumindest dann, wenn die Idee so gut ist, dass sie der Konzern binnen zwei Jahren für sich nutzen will und die vertraglich zugesicherte Option zieht, die Anteile des Gründers zu übernehmen – für eine Million Euro direkt aufs Konto. „Das ist für viele Gründer attraktiv, weil viele zwar mit ihren Beteiligungen an Start-ups auf dem Papier Millionär sein mögen, aber in Wahrheit noch keinen Cent gesehen haben“, sagt Schumacher. Die Exit-Option des Gründers kombiniert mit dem Zugang zu Experten im Bereich Versicherungen und im „Business Building“ von Start-ups sei die Stärke des Modells. Bisher hat sich der Konzern mehr als 100 Ideen angesehen, die über die Website eingereicht wurden. Längst nicht alle zeigen Millionärs-Potenzial: „Wir rechnen damit, dass wir pro Jahr ein bis der Ideen unterstützen werden“, sagt Schumacher.

Die spannenden Themenfelder sind klar benannt: Es geht um die digitale Weiterentwicklung bei vernetzter Medizin, Big Data, Generierung von Kundenkontakten, mobile Beratung und Ideen für die interaktive Kommunikation zur Ruhestandsplanung. Das erste Start-up wird noch 2015 an den Markt gehen: eine digitale Gesundheitsplattform. Eine zweite vielversprechende Idee, sagt Schumacher, sei bereits in der Pipeline. Ob sie sich durchsetzen werden? Da hat Schumacher ebenso wie seine Kollegen bei Ergo und Allianz von den Gründern gelernt. „Entweder es klappt, oder wir scheitern“, lautet das Motto in der Start-up-Szene. Das Schlimmste aber wäre, es gar nicht zu versuchen.