06.08.2015
Piratenüberfälle

Trügerische Ruhe am Horn von Afrika

Noch kürzlich galten Somalias Küste und der Golf von Aden als gefährlichste Schifffahrtsregion der Welt. Fast täglich kaperten Piraten Öltanker und Containerriesen, entführten Crews. Inzwischen sind die Angriffe gestoppt – doch die Ruhe trügt.

Null. Nichts. Keinen einzigen Piratenüberfall am Horn von Afrika registrierte das International Maritime Bureau (IMB) seit Beginn des Jahres. Noch vor kurzem sah diese Statistik ganz anders aus: Zwischen 2010 und 2012 erfassten die Spezialisten für Seekriminalität der Internationalen Handelskammer hier 529 Attacken auf Handelsschiffe, mehr als in jeder anderen Weltregion. Auf dem Höhepunkt Anfang 2011 hielten die Piraten über 700 Seeleute als Geiseln fest und hatten 32 Schiffe in ihrer Gewalt.

Androhung von Gewalt schreckt Piraten ab

Grund zur Entwarnung gibt es aber nicht. Die kriminellen Banden sind keineswegs über Nacht verschwunden; bis heute halten sie in Somalia mehr als zwei Dutzend Seeleute als Geiseln fest und fordern für ihre Freilassung Lösegeld. Auch sind sie nach wie vor in der Lage, Handelsschiffe anzugreifen. Eindringlich warnt das IMB in seinem Jahresbericht 2014: Schon ein einziger erfolgreicher Überfall könnte ausreichen, um die Piraterie an der Ostküste Afrikas wieder aufleben zu lassen.

Von ihren Angriffen abgehalten werden die Seeräuber einstweilen schlicht durch Androhung von Gewalt: Die Europäische Union, die USA und weitere Staaten patrouillieren mit ihren Kriegsschiffen im Piratengebiet. Und auch die Reeder selbst haben nach den schlechten Erfahrungen der vergangenen Jahre aufgerüstet. Bevor sie die gefährlichen Gewässer befahren, werden die Schiffe inzwischen „gehärtet“, wie es im Fachjargon heißt. Stacheldraht, Wasserkanonen und Schaum sollen verhindern, dass Piraten an Bord gelangen. Der Zugang zur Brücke wird extra gesichert, die Crews üben regelmäßig, Piratenangriffe abzuwehren. Viele Schiffe fahren zudem im Konvoi und geben Vollgas – je schneller ein Schiff fährt, desto schwieriger ist es zu entern.

Gut zu wissen

Internationale Konferenz in Berlin

Die Sicherheit der internationalen Handelsschifffahrt wird ein zentrales Thema auf der Jahreskonferenz des Internationalen Transportversicherungsverbandes (International Union of Marine Insurance – IUMI) sein, die vom 13. bis 16. September 2015 in Berlin stattfindet.

40 Prozent der Schiffe sind bewaffnet

Ein weiteres probates Mittel sind bewaffnete Sicherheitskräfte. Rund 40 Prozent der Schiffe am Horn von Afrika haben Teams aus drei oder vier solcher „Armed Guards“, bewaffneter Wachleute, an Bord, schätzt Sebastian Hons von Lampe & Schwartze Marine Underwriting in Bremen.

Der auf maritime Risiken spezialisierte Assekuradeur berät mit seiner Tochterfirma Marine Risk & Quality (MRQ) Reeder beim Schutz vor Piraten. Damit Reeder in der bisweilen unübersichtlichen Welt der privaten Sicherheitskräfte seriöse Anbieter erkennen können, hat MRQ einen eigenen Qualitätscheck entwickelt. In fünf Stufen werden sowohl die Sicherheitsfirma als auch jeder einzelne Armed Guard einer genauen Prüfung unterzogen. Die militärischen Fähigkeiten sind hier nur ein Aspekt unter vielen, besonderer Wert wird auf die psychologische Eignung gelegt. Ein mit der Ruhr-Universität Bochum entwickelter Test soll gewährleisten, dass die Sicherheitskräfte bei einem Angriff ruhig und überlegt agieren, und gut mit der Crew zusammenarbeiten. „Die Crew soll sich schließlich beschützt fühlen, nicht bedroht“, erklärt MRQ-Geschäftsführer Hons.

Flucht ist die beste Verteidigung

Eine der wenigen in Deutschland ansässigen Spezialisten für Sicherheit auf hoher See ist die ISN International Security Network GmbH aus dem badischen Rheinmüster. Die ISN-Mitarbeiter haben in aller Regel eine militärische oder polizeiliche Ausbildung und waren möglichst auch schon im Auslandseinsatz, erklärt Christian Lang, Chef der Maritime Operations bei ISN. Ihre wichtigste Aufgabe sei aber rechtzeitiges Erkennen einer Gefahr: „Werden die Piraten früh identifiziert, kann das Schiff in aller Regel durch nautische Manöver entkommen“, erklärt Lang. Nur wenn die Flucht scheitert und sich die Piraten weiter nähern, komme es in Abstimmung mit dem Kapitän zu Abwehrmaßnahmen. „Ein Schiff mit bewaffneten Sicherheitskräften an Bord ist bisher noch nie entführt worden“, sagt Lang stolz. Bei den mehreren hundert Einsätzen der ISN-Teams, die wegen der deutschen Gesetze immer mindestens zu viert an Bord gehen müssen, hätten bislang spätestens Warnschüsse ins Wasser den Angriff gestoppt.

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Weil die Angriffe in letzter Zeit ausbleiben, erkennt Lang aber eine Tendenz, am Schutz der Schiffe zu sparen. Manche Reeder setzten inzwischen auf kleinere Teams, auch große Reedereien wären der Meinung, auf den bewaffneten Schutz sogar ganz verzichten zu können. Wie das IMB hält auch Lang dies für einen Fehler: „Das Problem ist nicht gelöst, sondern nur unterdrückt“.

Piraterie kostet Reeder zwei Milliarden Dollar

Die Kosten für die Sicherheitskräfte können von Anbieter zu Anbieter stark variieren, genannt werden Summen zwischen 20.000 und 100.000 US-Dollar für jeden Transit zwischen Sri Lanka und Suez-Kanal. Für die Reeder ist die Piraterie somit auch dann teuer, wenn die Freibeuter keinen Erfolg haben. „Die Reeder zahlen Sicherheitskräfte und Schutzausrüstungen, haben für die schnellere Fahrt oder für längere Ausweichrouten höhere Treibstoffkosten, und auch Kapitäne und Crew müssen für die Fahrt auf gefährlichen Routen extra bezahlt werden“, zählt Christof Schwaner vom Verband Deutscher Reeder (VDR) die Extraaufwendungen auf. Weltweit hätten sich die Piraterie-Kosten der Reeder 2013 so auf rund zwei Milliarden US-Dollar summiert, schätzt der VDR.

Gefahr durch Piraten ist versicherbar

Vor den finanziellen Folgen eines Piratenangriffs können sich die Reeder durch den Abschluss einer Kriegsdeckung schützen, mit der üblicherweise die Seekaskoversicherung ergänzt wird. Durchfährt das Schiff eine besonders gefährliche Region, kann diese Passage gesondert versichert werden. Die Kriegsdeckung wird in den meisten Fällen auf dem englischen Markt eingekauft. Doch auch deutsche Versicherer ermöglichen eine Kriegsdeckung, etwa die „German War Cover“. Hinter dieser von Lampe & Schwartze angebotenen Versicherungslösung steht ein Konsortium aus sechs deutschen Versicherern und Rückversicherern.

Entführung in Afrika, Raubüberfall in Asien

Gegen die klassische „Seeräuberei“, bei der Piraten nicht Lösegeld für Schiffe und Besatzung erpressen, sondern die Ladung stehlen, schützt hingegen die Transport-Warenversicherung – ohne dass der versicherte Eigner dafür eine gesonderte Prämie entrichten muss. Ladungsdiebstahl ist vor allem in asiatischen Gewässern ein Problem, alleine für Indonesiens Gewässer verzeichnete das IMB im vergangenen Jahr 86 erfolgreiche Raubüberfälle.

Die Gefahr, dabei verletzt oder sogar getötet zu werden, ist für die Crewmitglieder oft sogar größer als bei Entführungen, erklärt Christof Schwaner vom Reederverband: „Wer Lösegeld kassieren will, braucht eine lebendige Geisel. Wer es hingegen auf die Ladung abgesehen hat, ist am Wohlergehen der Crew deutlich weniger interessiert.“