20.07.2015
Tourismus | Landwirtschaft

Mit diesen Versicherungen bleiben Wetterkapriolen beherrschbar

Zu heiß, zu trocken, zu nass, zu kalt – das Geschäft etlicher Branchen hängt unmittelbar vom Wetter ab. Wie sich Unternehmen vor Kapriolen des Barometers absichern können. Von Karsten Röbisch

Mit dem Wetter in diesem Sommer kann Matteo Ricci bislang zufrieden sein. Es ist ein Sommer, wie man ihn sich als Bürgermeister von Pesaro, einer Stadt an der italienischen Adria unweit von Rimini, nur wünschen kann. Temperaturen von über 30 Grad, Sonne satt und kaum Regen. Das lockt viele Touristen an – und das ist gut für die lokale Wirtschaft.

Sollte schlechtes Wetter die Freuden der Badesaison doch noch trüben, so hätte Ricci für seine Gäste immerhin eine Entschädigung parat: Falls es im Juli oder August an drei aufeinander folgenden Tagen zwischen 10 und 16 Uhr regnet, erhalten Besucher als Entschädigung ein Gratiswochenende im kommenden Herbst oder Frühjahr. „Die Sonne ist versichert“, sagt Ricci. Das Versprechen kann er sich leisten. Denn Pesaro hat sich gegen schlechtes Wetter abgesichert



Wetterversicherungen kompensieren Umsatzeinbußen

Möglich machen es Wetterversicherungen, auch Wetterderivate genannt. Bei den Produkten erhält der Kunde – etwa ein Unternehmen oder eine Kommune – eine Entschädigung, sobald ein im Voraus definiertes Wetterszenario eintritt. Anders als bei klassischen Versicherungen, die Schäden durch Naturgewalten wie Sturm, Hagel oder Hochwasser ausgleichen, muss kein Sachschaden vorliegen. Es reicht, wenn das Wetter aus der Reihe schlägt. Denn schon das kann für Unternehmen schlimme Folgen haben: Es drohen Umsatzeinbußen oder höhere Kosten. „Mit Wetterderivaten lassen sich die Auswirkungen von Wetterschwankungen auf das Geschäft begrenzen“, sagt Karsten Berlage, Experte für Wetterversicherungen bei der Allianz Risk Transfer.

In den Nachrichten dominieren zwar Meldungen über Naturkatastrophen. Für Unternehmen spielen reguläre Wetterschwankungen aber eine weitaus größere Rolle. Laut einer Studie des US National Center for Atmospheric Research und der National Science Foundation, die als erste überhaupt den Einfluss des Wetters auf die US-Wirtschaft untersuchte, schlagen die Folgen solcher ungewünschten Wetterabweichungen mit 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Buche, im Jahr 2012 immerhin 534 Milliarden US-Dollar. Übertragen auf die Staaten der Europäischen Union liegen die Kosten laut einer Schätzung der Allianz bei gut 400 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Schäden aus Naturkatastrophen betrugen 2012 weltweit bei 170 Milliarden US-Dollar.

Einfluss des Wetters am Beispiel der USA

  • Gut ein Drittel der Wirtschaftstätigkeit in den USA ist vom Wetter beeinflusst.
  • Normale Wetterschwankungen haben einen Effekt von 3,4 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts – 2012 immerhin 534 Milliarden Dollar.
  • Das Wetter ist für circa 70 Prozent der Verspätungen im US-Flugverkehr verantwortlich.
  • Die wetterbedingten Verspätungen im US-Flugverkehr summieren sich auf 10.000 bis 40.000 Stunden pro Monat.
  • Wetterbedingte Verzögerungen belasten den Güterkraftverkehr in den USA mit jährlich 2,2 bis 3,5 Milliarden Dollar.
  • Ungünstige Wetterbedingungen führen in der US-Landwirtschat zu Ernteeinbußen im Volumen von bis zu 22,4 Milliarden Dollar pro Jahr.

Quelle: Allianz Global Corporate & Specialty „The Weather Business”

Baugewerbe oder Energiesektor besonders wetteranfällig

Zu den Branchen, die besonders stark vom Wetter abhängig sind, zählen neben der Tourismusindustrie die Landwirtschaft, das Baugewerbe, die Freizeitindustrie oder der Energiesektor. Mal sorgt das Wetter für eine Sonderkonjunktur, mal verhagelt es im wahrsten Sinne des Wortes das Geschäft. Und stets gibt es Verlierer und Gewinner. So vermiest ein trockener Sommer den Bauern die Ernte, Biergärten oder Freibäder können hingegen mehr Gäste bejubeln. Und während sich Baufirmen über einen milden Winter freuen, hätten es die Energieversorger lieber knackig kalt.

Darüber hinaus beeinflusst das Wetter noch viele andere Wirtschaftszweige, zum Beispiel Logistik, Modeindustrie oder Einzelhandel. Manchmal geht es sogar um die Existenz von Unternehmen. Das gilt für jene Firmen, die nur ein Produkt oder eine Dienstleistung anbieten oder regional verankert sind, zum Beispiel der lokale Windkraftbetreiber, der Hotelbetrieb in den Alpen oder der Skihersteller. Sie können etwaige Einbußen nicht durch Zuwächse in anderen Geschäftsfeldern ausgleichen.

Produktvielfalt hat zugenommen

Seit Ende der 1990er-Jahre, als in den USA die ersten Produkte auf den Markt kamen, hat sich das Angebot von Wetterversicherungen stetig entwickelt. Als Basiswert können die Temperatur, die Sonnenscheindauer, die Windstärke oder die Niederschlagsmenge dienen – oder mehrere Variablen zugleich. Mal beziehen sich die Absicherungen auf einen Maximal- oder Minimumwert, mal auf einen Durchschnitt oder eine Spanne. Auch die Kombination von Wetterschwankungen mit Rohstoffpreisrisiken ist möglich.

In der Regel werden Wetterderivate saisonal abgeschlossen, die Laufzeit der meisten Kontrakte liegt bei unter einem Jahr. Die Kosten für den Versicherungsschutz richten sich nach der Höhe der Eintrittswahrscheinlichkeit: Wenn sich ein Biergartenbetreiber etwa für Umsatzausfälle ab dem 11. Regentag versichern möchte, muss er dafür mehr bezahlen als wenn die Police erst ab dem 16. Regentag greifen soll. Die Produkte werden zudem meist individuell vereinbart. Deshalb gibt es auch keine offizielle Marktstatistik.

Qualität der Wetterdaten entscheidend

Entscheidend für die Marktentwicklung ist auch die Datenqualität. Je engmaschiger das Netz aus Messstationen und je mehr Daten sie erfassen, desto mehr Wetterindizes lassen sich ermitteln – selbst auf lokaler Ebene. Allein der Deutsche Wetterdienst verfügt hierzulande über 17 Wetterradarstationen, die jeden Winkel des Landes erfassen. Dazu kommen bundesweit rund 2000 Messstellen, dank derer auch für längere Zeiträume regionale Temperatur- oder Niederschlagswerte vorliegen.

Davon profitiert auch die Landwirtschaft: „Wir arbeiten mit den Daten von öffentlichen Wetterstationen, da wir für die Wetterrisikoanalyse immer auch historische Wetterdaten benötigen“, sagt Sebastian Mahler, Vorstandsmitglied bei der GVF Versicherungsmakler AG, die seit 2014 eine Wetterversicherung speziell für Bauern anbietet. Mithilfe komplexer statistischer Verfahren ermittelt sein Unternehmen für jeden Landwirt individuell, welche Wetterbedingungen zu welchem Zeitpunkt die Ernteerträge negativ beeinflussen.

Versicherer erwarten wachsende Bedeutung der Produkte

Trotz der zunehmenden Anwendungsmöglichkeiten sind Wetterderivaten noch ein Nischenprodukt – verglichen mit klassischen Sachversicherungen. Doch ihre Bedeutung könnte künftig wachsen – nicht zuletzt wegen des Klimawandels, in dessen Folge das Wetter unberechenbarer wird. „Die extremen Wetterschwankungen haben zugenommen, wodurch Wetterrisiken immer stärker in den Vordergrund rücken“, heißt es beim Versicherer HDI. Ähnlich argumentiert Allianz-Manager Berlage: „Jenseits großer Naturkatastrophen weicht das Wetter immer häufiger von Normwerten ab.“ Damit wachse das Bewusstsein der Unternehmen, sich gegen Wetterrisiken abzusichern. Druck käme auch von Ratingagenturen oder Kapitalgeber: „Schlechtes Wetter wird nicht länger als Ausrede für Ertragsschwankungen akzeptiert“, sagt Berlage.