15.07.2015
Kolumne

Die Kosten der verlorenen Zeit

Kennen Sie den?

Ein Mann sucht nachts unter einer Laterne. Ein anderer Mann kommt hinzu.

„Was suchen Sie denn?“
„Ich habe meinen Schlüssel verloren“
„Wo denn?“
„Na, da vorne, zirka 30 Meter von hier“
„Und warum suchen Sie dann unter der Laterne?“
„Hier ist das Licht besser!“

Dieser Witz ging mir neulich durch den Kopf, als ich einer Diskussion über Altersvorsorge gefolgt bin. Warum? Das will ich Ihnen gerne erklären.

Die öffentliche Debatte dreht sich dabei viel um Kosten. Besonders die Höhe der Abschluss- und Vertriebskosten wird gerne hinterfragt. Warum? Das ist ja klar: Weil Kosten auch für die Höhe der Altersvorsorge relevant sind, die am Ende ausbezahlt wird. Aber nicht nur deshalb, sondern auch, weil das Thema so gut analysierbar ist.

Versicherer müssen an Abschluss- und Vertriebskosten arbeiten

Die Kosten werden seit der Reform des Versicherungsvertragsgesetzes im Jahr 2008 transparent in Euro und Cent dargestellt. Sie stehen im Lichtkegel der Diskussion, wenn Sie so wollen, weil sie gut berechenbar sind.

Keine Frage: Kosten sind wichtig, daran müssen wir Versicherer stetig arbeiten. Wir haben die Verwaltungskosten bereits gesenkt, seit 1985 von 6,1 Prozent der Beiträge in der Lebensversicherung auf heute nur noch 2,2 Prozent. Und sie sinken weiter, Jahr für Jahr. Der Verwaltungsaufwand je Vertrag liegt im Mittel nur bei 22,58 Euro. Auch die zusätzlich einkalkulierten einmaligen Abschluss- und Vertriebskosten wurden in diesem Jahr mit dem Lebensversicherungsreformgesetz um 40 Prozent reduziert.

Das viel größere Problem liegt aber ganz woanders, außerhalb des Lichtkegels, im Dunkeln. Das ist die verlorene Zeit. Größere Verluste als diese Kosten verursacht nämlich die verlorene Zeit.

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Zeit ist endlich – jedenfalls die, die wir für die Sicherung unserer Altersvorsorge einsetzen können. Jedes Jahr, das ein junger Mensch bis zu seiner Rente an Vorsorgezeit verliert, weil er zaudert, unentschlossen ist, und die Entscheidung für eine Altersvorsorge vor sich herschiebt, sinkt der potentielle Anspruch auf seine Privatrente um drei bis vier Prozent. Wer schon 2010 angefangen hat, bekommt folglich 15 bis 20 Prozent mehr Privatrente als Kolleginnen oder Kollegen im gleichen Alter, die bis 2015 warten. Und das ist keine Folge des gesunkenen Zinsniveaus, es ist vor allem die verlorene Zeit. Fünf Jahre verlorene Zeit kosten mehr als fünf Mal so viel Leistung wie das, was durch einmalige Abschluss- und Vertriebskosten in einem Vertrag an Rentenanspruch verloren geht.

Die Frage ist nun, wie reduzieren wir die Kosten der verlorenen Zeit? Und wie vermeiden wir das Risiko eines Rückschritts, in dem wir, in vollem Licht, die Lösung für das falsche Problem suchen? Hier komme ich zur Verbindung beider Themen, der Rolle der Berater und Vermittler und ihrer Kosten.

Durch unsere Vermittler haben sehr viele Menschen sehr viel Zeit gewonnen

Ohne die Möglichkeit, Berater und Vermittler für ihre Leistung angemessen vergüten zu können, hätten wir in Deutschland in der Vorsorge bereits viel mehr Zeit verloren. Unsere Vermittlerinnen und Vermittler haben deshalb Werte geschaffen – für unsere Kunden, aber auch für unsere Gesellschaft. Sie haben Millionen Menschen davon überzeugt, früh mit der Vorsorge zu beginnen. Die Versicherungswirtschaft hat mit Hilfe ihrer Berater seit dem Jahr 2001 rund elf Millionen Menschen davon überzeugt, zu „riestern“. Das sind 70 Prozent aller Riester-Kunden. Die Vermittlerinnen und Vermittler haben rund fünf Millionen Menschen davon überzeugt, über eine Entgeltumwandlung eine betriebliche Altersvorsorge zu beginnen. Nimmt man die nicht staatlich geförderten Produkte dazu, haben die Versicherer seit Anfang des Jahrtausends insgesamt 40 Millionen private und betriebliche Rentenversicherungen in die Bevölkerung gebracht. So haben sehr viele Menschen sehr viel Zeit gewonnen – und damit mehr Geld im Alter.

Bei aller Berechtigung, auch über Abschluss- und Vertriebskosten zu diskutieren, dürfen wir diese Zusammenhänge nicht vergessen. Probleme sollte man immer da lösen, wo sie am größten sind, und nicht nur da, wo wir sie vermeintlich am besten analysieren können. Sonst bleibt das eigentliche Problem auf Dauer ohne Lösung.

Ihr
Jörg von Fürstenwerth
 
Jörg von Fürstenwerth

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