16.07.2015
Mediation

„Der Streit wird nicht entschieden, sondern gelöst“

Die Gerichte sind überlastet, die Bürger warten zum Teil Monate und manchmal Jahre auf einen Verhandlungstermin. Seit geraumer Zeit hört man viel von Mediation – mit der ein Streit außergerichtlich beigelegt und gelöst werden soll. Wie das funktioniert, wer als Mediator arbeiten kann und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen erklärt Max Jelinek, Rechtsanwalt und Mediator.

Herr Jelinek, wie wird man Mediator?
Max Jelinek: Der Weg zum Beruf des Mediators führt über eine Spezial-Ausbildung. Die Inhalte sind stark der Psychologie und der psychotherapeutischen Ausbildung entlehnt. Zum Grundhandwerk gehören das aktive Zuhören, die Fähigkeit zur Empathie und das Paraphrasieren. Darüber hinaus lernt man gezielte Interventionstechniken, um mit unangenehmen Situationen umzugehen, Perspektivwechsel herbeizuführen oder eben um die tatsächlichen Wünsche und Bedürfnisse der einzelnen Konfliktpartei herauszuarbeiten.

Sind alle rechtlichen Streitigkeiten für eine Mediation geeignet?
Jelinek: Erfahrungsgemäß verdient fast jeder Konflikt die Möglichkeit, dass man versucht, ihn im Wege der Mediation einer Lösung zuzuführen. Wenige Möglichkeiten hat man allenfalls bei Verkehrsunfällen mit klarer Verschuldensfrage, bei denen es nur um die Ausgleichsplicht von materiellen Schäden geht. Da steht das Recht doch deutlich im Vordergrund und ist nicht wirklich verhandelbar.

Inzwischen bieten fast alle Rechtsschutzversicherungen Mediation an – wo genau liegt der Vorteil?
Jelinek: Mediation bietet den Vorteil einer zeitnahen Lösung, es gibt keine Gerichtsferien. Die Interessen der Parteien stehen im Vordergrund und nicht nur reine Rechtsfragen, die ggf. an Beweislastregeln scheitern und man dadurch im Zweifel nicht „sein Recht“ durchsetzen kann. Der Streit wird nicht Entschieden – mit Gewinnern und Verlierern, sondern gelöst. Der Mediator entscheidet also nicht über den Konflikt wie ein Richter, sondern bringt die Parteien dazu eine abschließende nachhaltige Lösung für Ihren ganz individuellen Konflikt zu vereinbaren.

Zur Person

Max Jelinek begann seine berufliche Karriere 1996 als Rechtsanwalt und Firmenjurist/Justiziar für die Musik und Medienbranche Nordrhein-Westfalen. Nach einer entsprechenden Zusatzausbildung ist er seit 2007 überwiegend als Mediator tätig.

Seine Anwaltskanzlei befindet sich in Rosenheim. Von dort aus betreut er seine Mandanten und Medianden. Daneben ist er für die Deutsche Anwaltshotline AG DAH-AG in Nürnberg als strategischer Berater in Sachen Mediation und Konfliktlösungsunterstützung tätig. Außerdem arbeitet er als Trainer für die IHK und hält Fachvorträge zu den Themen Mediation, Kommunikation und alternative Streitbeilegungsmöglichkeiten.

Wie läuft Mediation ab?
Jelinek: Der Idealfall oder Musterfall einer Mediation kann so ablaufen, dass ein ehemaliges Liebespaar beim Mediator klingelt und den Mediator beauftragt, sie bei der Vermögensauseinandersetzung zu begleiten, so dass eine faire Lösung dabei herauskommt. Das wäre dann eine Präsenzmediation. Im Gegensatz dazu gibt es Fälle, bei denen die Konfliktparteien grundsätzlich an einer Lösung interessiert sind, sich aber nicht mit dem jeweils Anderen in einem Raum aufhalten wollen – auch nicht wenn ein Mediator dabei ist.

In solchen Fällen können dann mit Einverständnis der Konfliktparteien Einzelgespräche geführt werden. Oft ist es dann so, dass nach ein paar Einzelgesprächen man dann doch bereit ist an einer Präsenzmediation im gemeinsamen Termin teilzunehmen.

Und was ist eine telefonische Mediation?
Jelinek: Bei der telefonischen Mediation führt der Mediator telefonisch jeweils mit den einzelnen Konfliktbetroffenen Einzelgespräche. Angelehnt an die Phasen des Mediationsverfahrens versucht er eine Lösung zwischen den Parteien zu verhandeln.

Sie rufen also die beiden „Streithähne“ an – wie reagieren die Beteiligten?
Jelinek: Zumindest einer der beiden Konfliktbetroffenen weiß in der Regel um meinen Anruf, da er mich ja direkt oder indirekt darum gebeten hat. Das Wissen um die Mediation und den jeweiligen Mediator im Erstgespräch zu vermitteln ist dann die erste Herausforderung. Das Verfahren an sich wird dann meist dankbar wenigstens als „Lösungsversuch“ angenommen. Das gilt erstaunlicherweise auch für den Beteiligten, der oft quasi von dem Anruf des Mediators „überrascht“ wird.

Wie reagieren ihre Mandanten – ist die Welt nach einer Mediation wirklich wieder in Ordnung?
Jelinek: Meine persönliche Statistik nach weit über 6.000 Fällen, die ich bislang als Mediator begleiten durfte, liegt bei ca. 80 Prozent positiver Erledigungsquote. Das heißt über drei Viertel der Fälle konnten einer Lösung zugeführt werden, so dass kein (gerichtlicher) Rechtsstreit mehr geführt werden musste.