23.06.2015
Altersvorsorge

„Mit Argumenten allein kommen Sie nicht weiter“

Wenn es um ihre Altersvorsorge geht, scheinen viele Deutsche an „Aufschieberitis“ zu leiden. Obwohl fast alle wissen, dass die gesetzliche Rente nicht ausreichen wird, sorgen etliche nicht privat vor. Im Interview mit GDV.DE erklärt der Psychologe Hans-Werner Rückert, warum Menschen wichtige Aufgaben vor sich herschieben – und was man dagegen tun kann.

Herr Rückert, es gibt Menschen, die Aufgaben ständig auf die lange Bank schieben. Ist das nur eine harmlose Charakterschwäche oder für die Betroffenen ein ernstes Problem?
Hans-Werner Rückert: Letzteres, denn da geht es nicht nur um Kleinigkeiten. Von Prokrastination oder Aufschieberei sprechen wir, wenn Menschen in einer Situation selbst sagen, dass sie eine Aufgabe dringend erledigen müssen – aber es einfach nicht tun. Stattdessen beschäftigen sie sich mit anderen, weniger wichtigen Dingen. Obwohl der Stress dadurch nur größer wird. Zum Beispiel, wenn sie das Taxi nicht schon am Vorabend bestellen, wenn sie morgens früh zum Flughafen müssen, oder die Zeit für die Anfahrt sehr knapp bemessen – obwohl sie wissen, dass sie dann vielleicht zu spät kommen.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Menschen das betrifft?
Rückert: Das kommt viel häufiger vor als man vielleicht denkt. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid gaben 40 Prozent der Befragten an, sie hätten schon einmal einen schweren Nachteil zum Beispiel im Beruf erlitten, weil sie etwas zu lange aufgeschoben haben.

Zur Person

Hans-Werner Rückert ist Diplom-Psychologe und Psychoanalytiker. Er leitet die Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin. Rückert beschäftigt sich seit Jahren mit der Problematik des Aufschiebens. Für Betroffene bietet er praktische Hilfen und Seminare an.

Er ist unter anderem Autor des Buches „Schluss mit dem ewigen Aufschieben: Wie Sie umsetzen was Sie sich vornehmen“.

Warum tun Menschen das?
Rückert: Es gibt eine gar nicht so kleine Zahl an Menschen, die das machen, weil sie bewusst oder unbewusst den Nervenkitzel suchen. Wer zu spät am Flughafen ankommt, wer beinahe den Flieger verpasst, der hat mehr zu erzählen. Das hebt uns raus aus dem gleichförmigen Ablauf der Ereignisse. Wenn ich zwei Stunden vorher in der Wartehalle saß und ein Versicherungsmagazin gelesen habe, ist das weniger spannend. Viele können aber auch einfach nicht anders – entweder, weil dieses Verhalten schon zur Gewohnheit geworden ist oder weil sie da eine emotionalen Sperre haben.

Was meinen Sie mit emotionaler Sperre?
Rückert: Wir schieben Dinge oft auf, weil sie mit negativen Gefühlen besetzt sind. Wenn ich zum Beispiel Flugangst habe oder meine Familie eigentlich nicht verlassen will, dann gibt es einen Konflikt – und das kann dazu führen, dass ich Dinge aufschiebe, um den Abflug vielleicht doch zu vermeiden.

Viele Deutschen sagen von sich auch, dass sie mehr für die Altersvorsorge tun müssten – und tun trotzdem zu wenig. Kann man das auch mit Prokrastination erklären?
Rückert: Durchaus. Gerade Themen wie Gesundheit oder Altersvorsorge sind ja stark mit negativen Aspekten besetzt. Menschen denken nicht gerne an das Altwerden, an vielleicht lange Krankheit, an das Sterben. Diese negativen Aspekte muss man erst einmal beiseiteschieben und den Blick auf die genussvollen Seiten des Alters werfen. Etwa, dass man seine Enkel unterstützen kann oder vielleicht eine Kreuzfahrt unternehmen möchte.

Die Berliner Altersstudie zeigt zum Beispiel, dass alte Menschen heute viel rüstiger sind als früher. Sie kommen gut mit Einschränkungen zurecht und sind oft zufriedener mit ihrem Leben als mit 40 oder 50 Jahren. Jüngere Menschen könnten also viel optimistischer auf das Alter schauen. Aber das muss man erst einmal rüber bringen.

Um die Menschen zum Handeln zu bewegen muss man ein Thema also positiv besetzen?
Rückert: Ja, positive Emotionen sind wichtig. Den Leuten Angst zu machen, hilft nicht weiter. Weil Angst ja oft genau der Grund ist, warum Menschen Dinge aufschieben. Wenn man Prokrastination verhindern und Menschen zum Handeln bringen will, dann sind positive Emotionen entscheidend. Das ist bei Fragen wie Gesundheit, Sport, Ernährung oder eben Altersvorsorge ganz ähnlich. Mit Zahlen und Argumenten kommen Sie da allein nicht weiter.

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Braucht es also nur ein positives Gefühl?
Rückert: Nein, das allein reicht sicher nicht. Denn es geht ja um eine echte Verhaltensänderung, die sie über einen längeren Zeitraum durchhalten müssen. Wenn man beispielsweise versucht abzunehmen, seine Ernährung umzustellen, dann hat man eine Phase von drei, vier Monaten, die man durchstehen muss. Erst wenn man diese überwunden hat, kann sich das neue Verhalten verstetigen. Aber das muss man erst einmal schaffen. Darum sucht man oft auch die Begleitung von Experten oder macht das in einer Gemeinschaft. So bestärkt man sich gegenseitig und kommt gemeinsam durch die kritische Phase.

Man muss die Menschen also auch für die Altersvorsorge dauerhaft motivieren?
Rückert: Richtig. Mit ein paar Broschüren ist es nicht getan. Man muss überzeugen, dass sich die Anstrengung auch lohnt. Die Zurückhaltung vieler Menschen hat sicherlich auch viel mit Imageproblemen zu tun, auch da ist die Versicherungswirtschaft gefordert. Produkte wie die Riesterrente bekommen in der Berichterstattung viel Kritik. Die Menschen nehmen den Eindruck mit, dass sich das für sie nicht lohnt. Die Vorbehalte muss man aufgreifen und versuchen, sie abzubauen. Am besten funktioniert das wahrscheinlich im Bündnis mit möglichst vielen Partnern, die Vertrauen genießen und die Interesse am Thema Altersvorsorge haben. Und natürlich kommt da auch die Politik ins Spiel.

Interview: Dennis Schmidt-Bordemann

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