27.05.2015
Investitionen in Infrastruktur

„Wir kommen, um zu bleiben“

Bei zehn Straßenbauprojekten mit einer Gesamtlänge von 600 Kilometern sollen sich laut Verkehrsminister Alexander Dobrindt private Investoren beteiligen können. Sie sollen helfen, die Investitionslücke bei der öffentlichen Infrastruktur zu schließen. Im Interview spricht GDV-Präsident Alexander Erdland darüber, welche Chancen er grundsätzlich in der Beteiligung privater Geldgeber sieht.

Warum will sich denn Ihre Branche in die Finanzierung von Infrastruktur einbringen?
Alexander Erdland: In Zeiten niedriger Zinsen suchen wir neue Anlagemöglichkeiten, damit wir unseren Kunden eine gute und sichere Altersvorsorge garantieren können. Ich glaube, für unsere Gesellschaft wäre das ein doppelter Nutzen. Heute mit dem Geld unserer Kunden in die Infrastruktur zu investieren, hilft dabei, die Altersvorsorge und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft für die Zukunft zu sichern.

Was können die Versicherer besser als die Politik bzw. der Staat?
Erdland: Als Unternehmen bringen wir vor allem Finanzkraft mit. Wenn wir nur ein Prozent unseres Anlagekapitals mobilisieren könnten wären das 14 Milliarden Euro für die deutsche Infrastruktur. Was wir als Versicherer allerdings nicht können: Jetzt jedes einzelne Projekt zu managen. Wir werden mit Sicherheit keine Projektfinanzierer. Sondern wir brauchen passende Plattformen oder Fondslösungen, in die wir uns einbringen können. Eine runde Sache wird daraus dann, wenn erfahrene Projektträger zum Beispiel aus der Bauwirtschaft die Vorhaben kompetent managen, die wir solide finanzieren.

ZUR PERSON

Dr. Alexander Erdland
Präsident Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)

Dr. Alexander Erdland wurde im November 2012 zum Präsidenten des GDV gewählt. Seit 2006 ist er Vorstandvorsitzender der Wüstenrot & Württembergische AG. Seine berufliche Karriere begann der promovierte Wirtschaftswissenschaftler bei der Norddeutschen Genossenschaftsbank in Hannover. Geboren wurde Alexander Erdland 1951 im westfälischen Oelde.

Und was hat der Sparer davon, wenn Teile seiner Altersvorsorge nun in einer Autobahn statt in einer Aktie stecken?
Erdland: Es geht ja nicht um „entweder oder“, sondern um ein „sowohl als auch“. Wir mischen unsere Anlage sehr gründlich, weil das der beste Weg ist, um unseren Kunden Sicherheit geben zu können. Bisher liegt aber der Anteil an Infrastrukturinvestments bei deutlich unter einem Prozent – bei einem gesamten Volumen unserer Anlagen von 1,4 Billionen Euro. Mit einem höheren Anteil an Infrastrukturinvestitionen könnten wir die anhaltende Flaute bei den Staatsanleihen ein wenig ausgleichen, ohne den Anteil von stärker schwankenden und damit unsicheren Anlagen wie zum Beispiel Aktien zu stark zu erhöhen. Infrastrukturinvestitionen passen wegen der langen Laufzeiten sehr gut zu unserem langfristig angelegten Geschäftsmodell. Und mit den zumeist planbaren Rückflüssen sind sie deutlich risikoärmer als Aktien.

Welche Hemmnisse stehen diesem Schritt noch entgegen, und was müsste sich aus Ihrer Sicht tun?
Erdland: Da gibt es eine ganze Reihe Baustellen. Entscheidend ist zuerst die öffentliche Akzeptanz. Daher haben wir selbst ein hohes Interesse an guten Regeln: Sie sind Voraussetzung für das Gelingen der Projekte, für Qualität und Termintreue. Für uns als Versicherer sind vor allem langfristig verlässliche Rahmenbedingungen entscheidend. Genauso wie die Bürger sich auf unsere Zusagen verlassen können, wollen auch wir auf die Zusagen der Politik vertrauen dürfen. Und dann braucht es natürlich auch eine hinreichend große Anzahl an interessanten und relevanten Projekten. Auch bei den regulatorischen Rahmenbedingungen wäre viel zu tun.

Was meinen Sie damit?
Erdland: Da geht es ganz konkret um die Planung und den Bau von neuer Infrastruktur. Derzeit sind der Ausgang der Verfahren und der Zeitplan wegen der vielen beteiligten Behörden für Investoren kaum planbar und enorm langwierig. Neben einem ausreichenden Angebot an Investitionsmöglichkeiten wäre es deshalb wünschenswert, wenn die Planung und Umsetzung der Projekte stärker zentralisiert wären. Das gilt sowohl für die Ausschreibung als auch die Vergabe und Steuerung. Ein weiterer Hemmschuh sind die aufsichtsrechtlichen Vorgaben. Unter Solvency II müssen Versicherer Infrastrukturinvestitionen mit bis zu 59 Prozent Eigenmittel unterlegen. Sie werden damit genauso behandelt wie Anlagen in Hedge-Fonds. Das ist angesichts der unterschiedlichen Risiken nicht gerechtfertigt.

Welche Bedenken gegenüber einer Beteiligung der Privatwirtschaft an der öffentlichen Daseinsvorsorge sind aus Ihrer Sicht berechtigt?
Erdland: Ich glaube, die am tiefsten liegende Sorge ist, dass wichtige Infrastrukturen – unsere Straßen, Kindergärten, Sporthallen – Gegenstand von kurzfristigen Spekulationen werden könnten. Die Sorge, dass es da an Verlässlichkeit, an Sicherheit fehlt, kann ich nachvollziehen. Gerade deshalb glaube ich aber, dass wir Versicherer die richtigen Partner sind. Denn wir suchen Investitionen mit einem langen Anlagezeitraum von 20, 30 Jahren. Wir kommen, um zu bleiben.

Das Interview ist in der vollständigen Fassung im Prognos-Trendletter erschienen.


 

10 Bauprojekte, die das Bundesverkehrsministerium als ÖPP realisieren möchte:

Projekt Land Projektart Strecke
A 3 Bayern Sechsstreifiger Ausbau AK Biebelried – AK Fürth/Erlangen
A 4 Thüingen Erhaltung AS Gotha – LGr TH/SN
A 6 Baden-Württemberg Sechsstreifiger Ausbau AK Weinsberg – AK Feuchtwangen/Crailsheim
A 8 Bayern Sechsstreifige Erweiterung Rosenheim – Bundesgrenze D / A
A 10/ A 24 Brandenburg Sechsstreifiger Ausbau (A 10) und grundhafte Erneuerung (A 24) AS Neuruppin (A 24) – AD Pankow/LGr BB (A 10)
A 57 Nordrhein-Westfalen Sechsstreifiger Ausbau Köln – Moers
E 233 Niedersachsen Vierstreifiger Ausbau AS Meppen (A 31)– AS Cloppenburg (A 1)
B 247 Thüringen Zwei- bis vierstreifiger Neubau Bad Langensalza – A 38
A 20 Schleswig-Holstein/ Niedersachsen Elbquerung
A 26 Niedersachsen/Hamburg Vierstreifiger Neubau inkl. Hafenquerspange (Lückenschluss) Hamburg (A1) – Rübke


Quelle: Bundesverkehrsministerium

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