04.05.2015
Wirtschaftsprüfer Klaus-Peter Feld

„Der Kodex funktioniert nicht als Feigenblatt“

Wirtschaftsprüfer kontrollieren, ob die Versicherungsunternehmen die Anforderungen aus dem Verhaltenskodex für den Vertrieb tatsächlich umsetzen. Im Interview erklärt Klaus-Peter Feld, Vorstand des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW), was die unabhängige Kontrolle leisten kann – und warum der Kodex kein Feigenblatt ist.

Herr Feld, wie ist Ihr Eindruck: Nehmen die Versicherer den Verhaltenskodex ernst?
Klaus-Peter Feld: Ich glaube schon, dass die Unternehmen den Kodex ernst nehmen. Wer ihm beitritt und sich damit auch einer externen Prüfung unterzieht, weiß, worauf er sich einlässt. Der Aufbau eines Compliance-Management-Systems (CMS) hat weitreichende Konsequenzen für die Ablauf- und Aufbauorganisation eines Unternehmens. Es ist ja nicht so, dass ein Vorstand den Kodex an die Wand heftet und allen Mitarbeitern sagt: ‚So, nun haltet euch mal alle schön daran!‘. Als Feigenblatt funktioniert der Kodex nicht.

Kritiker behaupten, der Verhaltenskodex sei zu allgemein und lasse eine Auslegung nach Gutdünken zu.
Feld: Der Kodex ist teilweise weich formuliert, das stimmt. Aber viele Anforderungen des Kodex sind Umsetzungen von gesetzlichen Vorgaben. Außerdem muss man das Zusammenspiel von Kodex bzw. Leitsätzen und den Anforderungen an das CMS betrachten. Und das System kann man nicht nach Gutdünken auslegen, weil es bestimmte Bestandteile haben muss. Ich halte flexible Vorgaben wegen der verschiedenen Geschäftsmodelle und Vertriebspartner sogar für sinnvoll. Der Maßstab ist doch, dass die Ziele erreicht werden, und nicht wie sie erreicht werden. Wir kennen die Vorgehensweise übrigens aus der Rechnungslegung. Auch dort gibt es prinzipien- und regelbasierte Modelle.

Zur Person

Dr. Klaus-Peter Feld

Jahrgang 1966, ist seit Juli 2006 Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e. V. (IDW).

Er machte den Abschluss als Diplom-Kaufmann an der Philipps-Universität Marburg und promovierte zum Dr. rer. pol. an der Universität Ulm. Das Berufsexamen als Steuerberater hat er 1999 abgelegt, als Certified Public Accountant of the State of Colorado im Jahr 2002 und als Wirtschaftsprüfer 2004. Seit 1996 ist er für das IDW tätig, zudem seit 2012 Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg Essen.

Aber Sie räumen selbst ein, dass die Prüfung einzelne Regelverstöße nicht erkennen kann. Worin besteht dann der Nutzen?
Feld: Unser Ziel ist nicht, einzelne Regelverstöße aufzudecken. Das kann die Prüfung nicht leisten. Wir kontrollieren aber, ob das System funktioniert. Es geht darum, Regelverstöße möglichst zu verhindern und Risiken, die zu Fehlverhalten führen können, rechtzeitig zu erkennen. Außerdem geht es darum, dass das System Regelverstöße aufdeckt und darauf angemessen reagiert.

Um ein Bild aus dem Straßenverkehr zu benutzen: Wir schauen nach, ob das System prüft, wo es gefährliche Streckenabschnitte gibt und ob es dann für Tempolimits sorgt. Wir hinterfragen auch, wie die Einhaltung der Geschwindigkeit kontrolliert wird. Die Frage, ob und wie häufig allerdings Radarfallen eingesetzt werden, würde erst bei einer Wirksamkeitsprüfung gestellt.

Für die Umsetzung des GDV-Verhaltenskodex haben Sie eigene Prüfungshinweise entwickelt. Worin unterscheiden sich diese von Ihrem Rahmenstandard für die CMS-Prüfung?
Feld: Der Rahmenstandard definiert die Bausteine, die jedes CMS haben muss, und wie bei einer Prüfung vorzugehen ist. Unsere Prüfungshinweise zum GDV-Verhaltenskodex konkretisieren die allgemeinen Vorgaben für die Versicherungsbranche, genauer gesagt für den Versicherungsvertrieb. Einen wesentlichen Unterschied gibt es: Beim Standardverfahren wird die Konzeption des CMS, seine Geeignetheit und seine Wirksamkeit geprüft. Der letzte Punkt – die Wirksamkeit – wird in den Prüfungshinweisen nicht thematisiert.

Wieso das?
Feld: Bei der Wirksamkeitsprüfung wird kontrolliert, ob ein System arbeitet wie es soll. Das setzt ein bestehendes System voraus. Viele Unternehmen bauen dieses ja aber erst auf. Die Wirksamkeitsprüfung kommt erst später.

Verhaltenskodex für den Vertrieb

Der Kodex, eine Liste der beigetretenen Versicherungsunternehmen sowie die Prüfungsberichte sind in dieser Übersicht zusammengefasst.
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Die Versicherer betonen, dass sie schon heute eine bedarfsgerechte Beratung sicherstellen. Deckt sich das mit den Prüfungsergebnissen? Anders gefragt: Mussten sich die Unternehmen besonders anstrengen, um den Kodex umzusetzen? Oder fanden die Prüfer ein gutes Fundament vor?
Feld: Die Sicherstellung und Dokumentation einer bedarfsgerechten Beratung ist schon heute eine gesetzliche Vorgabe. Der Kodex geht allerdings darüber hinaus. Bestimmte Unternehmen haben den Kodex zum Anlass genommen, seine Einführung mit einem umfassenden Change-Projekt im Vertriebsbereich zu verbinden. Vielen Unternehmen ist im Rahmen der Kodex-Projekte bewusst geworden, dass sie zwar schon ein gutes System leben, dies für den Kodex aber nicht ausreicht. Dieser verlangt schon als Startpunkt eine umfassende Beschreibung des CMS-Systems.

Kann man anhand eines Vergleichs der Prüfungsergebnisse eigentlich feststellen, welche Unternehmen den Kodex gut umsetzen und welche weniger?
Feld: Die Prüfungsberichte sind sehr umfangreich und enthalten als Anlage die Beschreibungen der CMS. Darin ist dann auch festgehalten, wo ein Unternehmen gut aufgestellt ist und wo weniger. Und durch den Vergleich der CMS-Beschreibungen werden die Unterschiede sichtbar. Dann kann man sich fragen, worin die Abweichungen begründet sind: Liegt es an den verschiedenen Geschäftsmodellen? Oder handhabt ein Versicherer einen Punkt etwas lockerer? Diese Transparenz wird aus meiner Sicht eine neue Dynamik im Markt erzeugen.

Wie steht es eigentlich um die Unabhängigkeit der Prüfer, wenn diese das Compliance-Management-System und zugleich den Jahresabschluss eines Unternehmens testieren?
Feld: Sachlich ist gegen eine Doppeltätigkeit nichts einzuwenden. Einmal wird der Jahresabschluss beurteilt, ein anderes Mal das CMS. Etwas anderes wäre es, wenn jemand einen Jahresabschluss prüfen müsste, den er selbst erstellt hat. Das geht natürlich nicht, denn dann würde der Wirtschaftsprüfer ja seine eigene Arbeit beurteilen.

Aber führt eine Doppeltätigkeit nicht zu einer wirtschaftlichen Abhängigkeit, die das Prüfungsergebnis beeinflussen kann?
Feld: Es gibt gesetzliche Regeln, um das zu verhindern. So darf ein Wirtschaftsprüfer nur einen bestimmten Prozentsatz seines Umsatzes mit einem Mandanten erzielen. Sofern diese Grenze eingehalten wird, halte ich eine Doppeltätigkeit sogar für nützlich. Daraus ergeben sich Synergieeffekte. Denn Prüfer schauen auch bei der Abschlussprüfung über den Tellerrand des Rechnungswesens hinaus. Eine gute Kenntnis des Geschäftsmodells der Unternehmen ist wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Haben Sie schon mal schlechte Erfahrungen mit einem Versicherer gemacht?
Feld: Mein Grundvertrauen in die Versicherungswirtschaft ist bislang noch nicht erschüttert. Vielleicht liegt das auch an meinem guten Versicherungsmakler, der mir viel Ärger vom Hals hält.