15.04.2015
Unfallforschung

Was bringt der Blitzer-Marathon wirklich?

„Fuß vom Gas“ heißt es diese Woche Donnerstag und Freitag für alle Autofahrer. Von 6 bis 24 Uhr findet bundesweit der dritte Blitzer-Marathon statt. Wo genau geblitzt wird, geben die zuständigen Polizeibehörden in der Regel schon vorher bekannt, denn bei der Aktion sollen die Gefahren des Rasens im Mittelpunkt stehen. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), stellt allerdings in Frage, ob sich notorische Temposünder durch Blitzer-Aktionen belehren lassen.

Herr Brockmann, bewegt ein Blitzer-Marathon Raser dazu, langsamer zu fahren?
Siegfried Brockmann: Ich glaube nicht, dass wir Raser über einen Blitzer-Marathon erreichen. Nur ein kleiner Teil der Gesetzesübertreter fährt deutlich schneller als die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Und diese Raser fühlen sich notorisch von der Polizei verfolgt. Bei denen wird dieses „Wegelagerertum”, wie die es nennen, eher noch verstärkt und vielleicht sogar eine krasse Antihaltung erzeugen.

Wie könnte man Raser denn überzeugen, wenn nicht mit so einer konzertierten Aktion?
Brockmann: Wir hätten eine ganz schmale Chance, wenn der Blitzer-Marathon jeden Tag stattfinden würde. Die Entdeckungswahrscheinlichkeit muss einfach dramatisch erhöht werden, wenn schon die Strafen nicht erhöht werden. Aber gerade diese Flächendeckung bekommen wir nicht bewerkstelligt. Ganz im Gegenteil: Der notorische Raser dreht am Tag nach dem Blitz-Marathon wieder völlig befreit auf.

Also, am Ende heißt es dann: außer Spesen nichts gewesen?
Brockmann: Ja, denn das erklärte Ziel des Blitzer-Marathons ist es, auf das Thema Geschwindigkeit als Unfallursache aufmerksam zu machen. Aber in der Statistik spielt die überhöhte Geschwindigkeit überhaupt keine Rolle, sondern lediglich die „nicht angepasste” Geschwindigkeit. Das bedeutet, dass ich auch mit 50 in der Stadt viel, viel zu schnell sein kann, beispielsweise wenn ein Kind an der Straße steht und mir dann ins Auto läuft. Ich muss die Verkehrsteilnehmer dazu erziehen und dazu bringen, situationsgerecht zu fahren und nicht einfach nur das stur zu fahren, was dort erlaubt ist.

Was müsste sich also in Zukunft beim „Blitzer-Marathon“ ändern?
Brockmann: Wir müssten dazu kommen, dass wir das Thema Geschwindigkeit mit einer breit angelegten Kampagne unterstützen. Wir müssen deutlich machen, dass der Kraftfahrer immer eine Verantwortung hat, weil er einen Gegenstand fährt, der ziemlich viel Masse hat und ziemlich schnell werden kann. Die jeweilige Verkehrssituation ist hier wichtiger als die erlaubte Geschwindigkeit. Dazu leistet der Blitz-Marathon zur Zeit keinen Beitrag.

Zur Person

Siegfried Brockmann

Brockmann, Jahrgang 1959, leitet die Abteilung Unfallforschung der Versicherer (UDV) beim GDV. In dieser Funktion ist er u. a. ehrenamtlicher Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats und beratendes Präsidiumsmitglied der Deutschen Verkehrswacht (DVW).

Brockmann ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker und studierte Politische Wissenschaften in Berlin.

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