09.04.2015
Neuer Leitfaden für den Bau von Offshore-Windparks

Versicherer als Wegbereiter der Energiewende

Während Windkraftanlagen an Land etabliert sind, ist die Offshore-Industrie noch eine vergleichsweise junge Technologie. Erstmals gibt es nun einen Leitfaden für den Bau solcher Anlagen – entstanden unter Federführung des GDV. Damit fördert die Versicherungsbranche die Energiewende.

Die deutsche Versicherungswirtschaft unterstützt mit einem neuen Leitfaden für den Bau von Windkraftanlagen auf See die Energiewende in Deutschland. Auf der Hannover Messe stellt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) den sogenannten Offshore Code of Practice erstmals der Fachöffentlichkeit vor (zum Download). Der unverbindliche Leitfaden, der unter Federführung des GDV entstand, gibt einen umfassenden Überblick über die wesentlichen Gefahren bei Bau und Montage der Anlagen und hilft, Schäden zu vermeiden.

Damit können Anlagenhersteller, Montagefirmen oder Netzbetreiber erstmals auf einen Leitfaden für das Risikomanagement von Offshore-Windkraftanlagen zurückgreifen. „Die Broschüre ist einmalig. Weltweit gibt es nichts Vergleichbares“, betont Thorsten Land, Referent für Sach- und Technische Versicherung beim GDV. Das Handbuch deckt die gesamte Bauphase ab: angefangen beim Bau der Anlagen an Land über den Transport der Bauteile und deren Montage auf See bis hin zur Verkabelung und Errichtung der Umspannstationen. Mehr als zwei Jahre dauerten die Arbeiten an dem Leitfaden, rund 90 Experten waren daran beteiligt – darunter Vertreter der Hersteller und Betreiber.

Windkraft spielt große Rolle im künftigen Energiemix

Der Ausbau der Windenergie ist ein entscheidender Faktor für die Energiewende in Deutschland. Nach den Plänen der Bundesregierung soll sich der Anteil regenerativer Energiequellen an der gesamten Stromerzeugung von derzeit rund 26 auf etwa 55 bis 60 Prozent im Jahr 2035 mehr als verdoppeln. Der Großteil davon entfällt auf die Windenergie. Während sich der Ausbau an Land in Zukunft vor allem darauf konzentriert, Altanlagen durch leistungsstärkere zu ersetzen (sogenanntes „Repowering“), entstehen in Nord- und Ostsee auf großen Flächen völlig neue Windparks. Bis 2030, so die Erwartung der Bundesregierung, sollen sie auf eine Leistung von 15 000 Megawatt kommen – 15-mal mehr als Ende 2014.

Offshore-Anlagen sind leistungsstärker als ihre Pendants an Land und versprechen auch wegen der günstigeren Windbedingungen höhere Erträge. Gleichzeitig ist die Installation technisch aufwendiger – und Schäden schwerer zu beheben. Schon die Fehlersuche, etwa bei Kabelschäden, ist kompliziert. „Hinzu kommt, dass Reparaturen nicht jederzeit möglich sind“, sagt Andreas Schindler, Referent für Sach- und Technische Versicherung beim GDV. Einsätze auf See seien stark wetterabhängig. Bei hoher Windstärke und starkem Wellengang könne weder ein Reparaturschiff auslaufen noch ein Helikopter starten. „Ein Ausfall verursacht deshalb in aller Regel höhere Kosten“, sagt Schindler.

Gute Planung spart Kosten im Havariefall

Umso wichtiger ist eine gute Planung und Bauausführung. „Wer von Anfang an ein vorausschauendes Risikomanagement betreibt, reduziert im Havariefall seine Aufwendungen“, betont Land. Zumal der Bau vor der deutschen Küste als besonders anspruchsvoll gilt. Um das Wattenmeer zu schützen und die Schifffahrt nicht zu behindern, liegen die genehmigten Baufelder in der Nordsee weit vor der Küste – in Gewässern mit einer Tiefe von mindestens 40 Metern. Zum Vergleich: Die Windräder vor der Küste Großbritanniens stehen in der Regel in einer Tiefe von lediglich zehn Metern.

Auch wenn die im Code of Practice verankerten Leitlinien unverbindlich sind, so hofft Land auf eine möglichst große Akzeptanz in der Praxis. „Es geht darum, zu einem gemeinsamen Verständnis über die Risiken zu kommen.“ Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Auch deshalb erscheint die Broschüre nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch in einer englischen und chinesischen Fassung. Gemessen an der gesamten installierten Windenergieleistung ist China der mit Abstand größte Markt, gefolgt von den USA und Deutschland.

Mit dem Offshore Code of Practice ist das Kapitel Schadenverhütung indes noch nicht abgeschlossen. In Kürze erscheint noch ein Ratgeber mit Hinweisen für den Brand- und Maschinenschutz bei Windkraftanlagen auf See. Denn nicht nur der Bau erfordert spezielle Vorkehrungen, auch der laufende Betrieb ist wegen der härteren Einsatzbedingungen mit besonderen Risiken verbunden.

Text: Karsten Röbisch

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