27.04.2015
Kampf um Talente

Betriebliche Altersversorgung steigert Attraktivität von Arbeitgebern

In Zeiten des Fachkräftemangels tobt auf dem Arbeitsmarkt ein „Kampf um die Talente“. Längst haben Großunternehmen ausgefeilte Konzepte entwickelt, um gute Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Dazu gehört auch eine attraktive betriebliche Altersversorgung. Dass viele kleinere Unternehmen noch kein vergleichbares Angebot machen, wird zu einem Wettbewerbsnachteil.

Wenn es darum geht, Fachkräfte zu gewinnen und zu binden, steigen die Personalabteilungen deutscher Unternehmen in den Kampfanzug. Der sogenannte „war for talents“ – der Kampf um die Talente – ist in vollem Gange. Massenarbeitslosigkeit ist Geschichte. Das starke Wachstum der vergangenen Jahre und politische Maßnahmen wie die Rente mit 63 haben dazu geführt, dass schon jetzt viele Fachkräfte fehlen. „Und richtig schwierig wird es, wenn in zehn Jahren die Generation der Babyboomer den Arbeitsmarkt verlässt“, sagt Professor Frank Wallau, Mittelstandsexperte von der Fachhochschule für Wirtschaft in Paderborn. Bis zu 6,5 Millionen Fachkräfte werden nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2015 fehlen.

Wie Großunternehmen bei Mitarbeitern punkten können

Vor allem größere Unternehmen in Deutschland reagieren darum mit ausgefeilten Strategien und zusätzlichen Leistungen, um bei Mitarbeitern und Führungskräften zu punkten. Dazu gehören beispielsweise flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung oder Dienstwagen. Eine gute betriebliche Altersversorgung ist dabei für Großunternehmen wie die Deutsche Telekom, Henkel oder General Electric längst selbstverständlicher Teil eines Gesamtpaketes, um gute Mitarbeiter zu werben und zu halten. „Wer besonderes Engagement von seinen Mitarbeitern erwartet, von dem darf zu Recht erwartet werden, dass er sich besonders für seine Mitarbeiter engagiert“, sagt etwa Carsten Velten, Vice President Pensions & Risk Benefits bei der Deutschen Telekom.

Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Towers Watson sagen immerhin 28 Prozent der Arbeitnehmer, das Angebot einer betrieblichen Altersversorgung sei ein wichtiger Grund gewesen, warum sie sich für ihren derzeitigen Arbeitgeber entschieden haben. Und für 41 Prozent ist diese ein wichtiger Grund, um ihrem Arbeitgeber treu zu bleiben. Thomas Jasper, Leiter Retirement Solutions bei Towers Watson, sagt darum: „Für Unternehmen, die sich am Arbeitsmarkt besonders interessant machen wollen, ist die betriebliche Altersvorsorge daher ein interessantes Instrument.“

Betriebliche Altersversorgung als Teil der Personalstrategie

Auch die Messe München, die als mittelständisches Unternehmen in Deutschland rund 500 Mitarbeiter beschäftigt, nutzt darum die betriebliche Altersversorgung gezielt als Teil ihrer Personalstrategie. Für sein Unternehmen sei das ein wichtiges Element, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu behalten, sagt Dirk Lehmann, Leiter des Zentralbereichs Personal. „Sie unterstützt uns, unsere Attraktivität als Arbeitgeber weiter auszubauen.“

Damit ist die Messe München unter den mittelständischen Unternehmen allerdings noch eine Ausnahme. Während bei Großunternehmen mit über 1.000 Mitarbeitern inzwischen 80 Prozent der Mitarbeiter eine betriebliche Altersversorgung haben, sind es bei kleineren Unternehmen sehr oft weniger als die Hälfte. „Die kleinen und mittleren Unternehmen müssten hier mehr tun, sagt Wallau. „Sonst schauen sie bei der Gewinnung und Bindung der guten Mitarbeiter in die Röhre.“


 

Die größten Hürden:
Was erschwert die Verbreitung der bAV in kleinen und mittleren Unternehmen?

Aus Sicht der Arbeitgeber

  • Hoher Verwaltungs- und Informationsaufwand
  • Fehlende bAV-Spezialisten im Unternehmen
  • Unkenntnis über Möglichkeiten der bAV
  • Zu wenig verständliche Informationen
  • Fehlende betriebliche Mitbestimmung
Aus Sicht der Arbeitnehmer

  • Fehlendes Engagement des Arbeitgebers
  • Geringes Einkommen der Mitarbeiter
  • Fehlendes Engagement des Betriebsrates
  • Keine Bereitschaft, in zusätzliche Altersvorsorge zu investieren
  • Fehlendes Engagement der Mitarbeiter

Quelle: Bundesarbeitsministerium (2014)


 
Dass die betriebliche Altersversorgung sich in kleineren Unternehmen nur schwer verbreitet hat allerdings viele Gründe. Gerade kleinen Unternehmen mit unter hundert Mitarbeitern, die in der Regel keine Personalabteilung haben, fällt ein professionelles Personalmanagement schwer. „Strategische Personalplanung ist da schwierig“, sagt Professor Wallau. Das Problem liegt allerdings nicht nur in den Unternehmen.

40 Hemmnisse identifiziert

Insgesamt 40 Hemmnisse hat Professor Wallau im Auftrag der Bundesregierung identifiziert, die eine Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung vor allem im Mittelstand erschweren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer wüssten zum Beispiel zu wenig über die Möglichkeiten bei der betrieblichen Altersversorgung. „Viele Mittelständler fürchten außerdem einen hohen bürokratischen Aufwand“, sagt Wallau.

Er sieht darum auch die Politik in der Pflicht, etwas auszuprobieren. „Wir müssen nicht nur an einer Stellschraube drehen, sondern an sehr vielen – und das gleichzeitig.“ Die derzeitigen Vorschläge der Bundesregierung zu einem „Sozialpartnermodell Betriebsrente“ bewertet er allerdings skeptisch. „Die bringen da meiner Meinung nach zu wenig und werden den Verbreitungsgrad nicht entscheidend erhöhen.“