03.03.2015
Telematik und Gesundheits-Apps

„Versicherer müssen anders mit Daten umgehen“

Die Sparkassen DirektVersicherung ist vor einem Jahr als erster Anbieter in Deutschland mit einer Kfz-Versicherung mit Telematik-Box auf den Markt gekommen. Im Interview mit GDV.DE spricht Vorstandsmitglied Jürgen Cramer über seine Erfahrungen, den Vorwurf der Überwachung und die Möglichkeiten der Tarifierung anhand neuer Daten.

Herr Cramer, Sie haben als erster Versicherer in Deutschland vor gut einem Jahr ein Telematik-Produkt in der Kfz-Versicherung angeboten, zunächst als Test mit 1000 Kunden. Welche Rückmeldungen bekommen Sie von ihnen?
Jürgen Cramer: Nur drei Prozent der Nutzer haben uns in einer Befragung ein Mangelhaft oder Ungenügend gegeben. Das ist für uns ein sehr gutes Ergebnis. Vor allem zu den zusätzlichen Features wie dem automatischen Notruf im Falle eines Unfalls oder der Auto-Wiederfinde-Funktion im Falle eines Diebstahls haben wir sehr gute Rückmeldungen bekommen. Das Preissparthema ist im wahrsten Sinne des Wortes zweitrangig. Aber die Kunden schätzen auch, dass sie über Telematik ein Feedback zu ihrem Fahrverhalten bekommen – auch die Väter junger Söhne zum Beispiel.

Hat sich denn das Fahrverhalten der Kunden verbessert?
Cramer: Das können wir statistisch nicht valide beurteilen. Es kann ja auch sein, dass sich das Verhalten schon durch den Einbau der Telematik-Box und nicht erst im Laufe des Jahres verändert hat. Wir haben ja keine Messbeobachtung vorher gemacht. Ich sehe aber an mir selbst: Seitdem ich mit der Telematik-Box fahre und ich mein Fahrverhalten überprüfen kann, hat sich mein Fahrverhalten deutlich entschleunigt.

Kritiker geißeln Telematik-Tarife als gefährliche Überwachung und Bevormundung des Versicherers nach dem Motto: Nur wenn du gut fährst, bekommst du einen Rabatt.
Cramer: Abgesehen davon, dass wir keinen Telematik-Tarif nach der reinen Lehre haben: Ich verstehe diesen Vorwurf einfach nicht. Die Risikoprävention ist eine der vornehmsten Pflichten der Versicherer. Das machen wir auch in anderen Sparten: In der Feuerversicherung sind oftmals Rauchmelder oder Sprinkleranlagen vorgeschrieben, um Versicherungsschutz zu bekommen. In der Risikolebensversicherung unterscheiden wir auch zwischen Raucher und Nichtraucher. Und in der klassischen Kfz-Versicherung differenzieren wir heute schon nach allen möglichen Kriterien.

Zur Person

Dr. Jürgen Cramer (52) ist seit 1996 im Vorstand der Sparkassen DirektVersicherung unter anderem für Vertrieb und Marketing zuständig. Zuvor leitete er als Generalbevollmächtigter bei der Provinzial Rheinland Versicherung AG fünf Jahre den Außendienst und Vertrieb.

Der 52-Jährige, der von 1991 bis 1996 als Unternehmensberater bei McKinsey in der Financial Institutions Group tätig war, hatte nach einer Bankenlehre und einem Betriebswirtschaftsstudium in Münster promoviert.


Ist das nicht ungerecht?
Cramer: Nein, ich finde es grundsätzlich gerade richtig, wenn man das auch mit der Höhe der Versicherungsprämie abbildet. Eine Versicherung lebt vom Gedanken der Solidargemeinschaft. Was die Solidargemeinschaft tragen muss, sind Dinge, für die der Kunde nichts kann. Also bei der Wohngebäudeversicherung zum Beispiel ein Blitzeinschlag. Bei der Krankenversicherung wird es ganz deutlich: Da haben wir ein Gendiagnostikgesetz, das den Versicherern völlig zu Recht verbietet, Gen-Tests durchführen zu lassen oder Ergebnisse zu verwenden. Für schlechte Gene kann der Kunde nichts, und deshalb muss das Risiko auch durch die Solidargemeinschaft getragen werden. Wenn der Kunde aber bewusst entscheidet, dass er raucht, dann muss sich das entsprechend in der Prämie niederschlagen.

Und bei der Kfz-Versicherung?
Cramer: Bei Telematik ist das genauso: Wenn ein Kunde meint, er müsse wie auf dem Nürburgring fahren, dann ist das eine bewusste Entscheidung. Und wenn er dafür mehr Geld bezahlen muss, dann ist das auch richtig. Das hat dann überhaupt nichts mit Solidargemeinschaft zu tun.

Ein Bonus in der Krankenversicherung für Menschen, die viel Sport machen und sich bewegen, wäre demnach auch ok, wenn es das Risiko senkt?
Cramer: Vom Prinzip her ist das so. Und dann ist so ein Gesundheitsarmband quasi so etwas wie ein Rauchmelder.

Nur dass ein Rauchmelder keine Daten produziert.
Cramer: Ich habe diese Datenschutz-Diskussion in Bezug auf Telematik auch schon in der eigenen Familie geführt. Da wollten sich einige nie eine solche Telematik-Box einbauen lassen. Aber sie rennen dann mit WhatsApp durch die Gegend und haben überhaupt kein Störgefühl, obwohl die App quasi Bewegungsprofile erstellen könnte, auf Kontaktdaten zugreift und die Datennutzungserklärung die unbegrenzte Nutzung aller Daten, Fotos und so weiter einräumt. Die wissen alles über einen. Und meine Frage ist dann: Warum hast du bei der Telematik-Box so ein Störgefühl und bei WhatsApp bist du so völlig unbedarft?

Müssen Versicherer anders mit Daten umgehen?
Cramer: Ja, und das tun wir auch. Wir haben das Produkt schon sehr weit vor dem Launch mit dem zuständigen Landesdatenschutz besprochen. Zudem haben wir eine sehr umfangreiche Datenschutzerklärung gestaltet. Wir definieren genau, welche Daten erhoben werden, wo sie gespeichert werden und wer darauf Zugriff hat. Das ist in anderen Branchen anders. Die Autohersteller – Stichwort Vernetztes Kfz – haben teilweise Datenschutzerklärungen, die aus drei Zeilen bestehen. Da gehen wir sehr viel akribischer damit um.

Eine lange Datenschutzerklärung steht auf dem Papier. Wie sieht die praktische Umsetzung beim Datenschutz aus?
Cramer: Wir haben bei unserem Telematik-Produkt eine komplette Datentrennung. Wir als Versicherer haben keinerlei Zugriff auf die konkreten Fahrtdaten. Wir können also nicht sehen, wo welches Auto fährt, wann es fährt, wie es fährt. Wir bekommen von unserem Dienstleister nur einen Score-Wert, quasi eine Abschlusstabelle, aber nicht die einzelnen Spieltags-Ergebnisse. Wir haben auch komplett geschützte Datenkreise. Der Dienstleister hat zwar die Daten unter einem Pseudonym gespeichert, aber nur der Kunde kann mit seinen persönlichen Zugriffscode die Daten zum Fahrverhalten als seine Daten abrufen. Da sind wir auch weiter als andere Branchen, die in einem Satz sagen: ,Du, lieber Kunde, akzeptierst, dass ich alle deine Daten bekomme und an einen beliebigen Dritten weitergeben kann, ohne dass du genau weißt, welche Daten weitergegeben werden, ohne dass du genau weißt, an welche Dritte diese Daten weitergegeben werden.‘ Da sind wir sehr viel akribischer. Datenschutz wird bei uns großgeschrieben.

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Wie fällt eigentlich ihre wirtschaftliche Bilanz nach einem Jahr Testphase aus? Werden Sie ihr Produkt künftig noch anbieten?
Cramer: Die Auswertung läuft noch. Da warten wir noch ein paar Monate. Wir schauen, wie sich die Storno-Quote entwickelt, und ob die Kunden mit dem Produkt so zufrieden sind, dass sie es weiter nutzen, und wir darüber auch andere Versicherungen verkaufen können. Das sind ja alles Daten, die für den Business-Case relevant sind. Aber wir glauben, dass wir beim Thema Telematik weiter engagiert bleiben.

Und wird künftig auch in Deutschland gutes Fahrverhalten mit Rabatten von bis 30 Prozent belohnt, wie es im Ausland bei Telematik-Tarifen ja durchaus der Fall ist?
Cramer: Das ist in Deutschland schwer darstellbar. Vor dem Hintergrund des gut austarifierten deutschen Marktes sehen wir das Senkungspotential beim Schadenaufwand in einem Rahmen von fünf bis zehn Prozent. Bislang geben wir fünf Prozent an die Kunden weiter. Wobei dann die Kosten der Telematik-Box noch nicht gegenfinanziert sind. Die spannende Frage ist also: Ist das ein lohnenswerter Business Case?

Was ist im Ausland anders?
Cramer: Nehmen wir Österreich als Beispiel: Dort gab es lange Zeit keine Tarifierung nach den gefahrenen Kilometern. Mit Telematik bekamen Kunden erstmals die Möglichkeit, die Prämie für ein wenig gefahrenes Auto zu senken. Die USA wiederum kennen keine Schadenfreiheits-Klassensystematik wie wir. In Deutschland haben wir schon so viele Berechnungspfade in der Tarifkalkulation: Typklassenreglungen, Regionalklassen, Jahreskilometerfahrleistung usw.. Die Frage ist also: Wie will man hier einen noch viel exakteren Tarif über Telematik abbilden?

Für wen lohnen sich dann solche Produkte?
Cramer: Für junge Fahrer sind sie sinnvoll. Bei Fahranfängern ist die Prämie aufgrund des Lebensalters tendenziell höher. Mit Telematik-Angeboten lassen sich die Prämien spürbar senken. Fünf Prozent auf 600 Euro sind eben mehr als fünf Prozent auf 200 Euro.

Interview: Henning Engelage

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