18.03.2015
Individualisierte Versicherungstarife

Verbraucherschützer mahnt Versicherer zur Zurückhaltung

Big Data bietet Versicherern neue Möglichkeiten, Produkte zu gestalten und zu bepreisen. Der Trend scheint nicht aufzuhalten zu sein, wie auf einer Fachtagung in Berlin deutlich wurde. Verbraucherschützer warnen indes vor einem Missbrauch – zulasten der Versicherten.

Deutschlands oberster Verbraucherschützer hat die deutschen Versicherer aufgerufen, die Möglichkeiten von Big Data für die Produktgestaltung verantwortlich zu nutzen. „Man kann mit Freiheit so oder so umgehen“, sagte Klaus Müller, Vorsitzender des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) am Mittwoch auf der Jahrestagung des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft (DVfVW) in Berlin. Der Solidaritätsgedanke sei das ureigenste Prinzip der Versicherung. „Wenn Sie glauben: ‚Alle Freiheit gibt es bei uns, aber keinen Solidaritätsgedanken‘, davon kann ich nur abraten“, betonte Müller.

Die Folgen von Big Data für das Versicherungsgeschäft sind ein zentrales Thema der diesjährigen Jahrestagung. Dabei geht es um die Frage, ob die Nutzung neuer Datenquellen zu einer stärkeren Fragmentierung der Versichertenkollektive führt, also ob die Risiken in immer kleineren Gruppen zusammengefasst werden und Kunden immer individuellere Prämien bezahlen müssen. In der Privatversicherung richten sich die Tarife stets nach dem individuellen Risiko.

Bonus für die Guten, Malus für die Schlechten

Müller warnte vor einem Auseinanderbrechen der Versichertengemeinschaft. Wenn beispielsweise einige Verbraucher für ihre Fitnessaktivitäten oder gutes Fahrverhalten mit niedrigen Prämien belohnt würden, „dann gibt es auf der anderen Seite auch Verlierer. „Auszuloten ist, wo es eine Chance ist und wo eine Hypothek für den Solidaritätsgedanken. Das ist das, worum wir und Sie zurzeit ringen“, sagte der vzbv-Chef. So dürften Menschen, die aufgrund ökonomischer Zwänge zwei Jobs hätten und deshalb keine 1000 Schritte pro Tag gehen könnten, nicht auch noch mit höheren Versicherungsprämien bestraft werden.

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Laut Guido Bader, Vorstandsmitglied bei der Stuttgarter Lebensversicherung, lässt sich die Aufsplitterung in immer kleinere Versichertenkollektive nicht mehr stoppen. „Wir haben einen Trend zur Fragmentierung, der nicht aufhaltbar und nicht reversibel ist“, sagte Bader. Der Versuch, sich dagegen zu stemmen, sei vergleichbar mit den Bemühungen der Kutschenbauer, das Automobil zu verhindern. „Unsere gemeinsame Aufgabe muss sein, diese Fragmentierung in sinnvolle Bahnen zu lenken, aber sie lässt sich nicht aufhalten“, sagte Bader.

Ohne Risikodifferenzierung geht es auch nicht

Befördert werde die Entwicklung durch die gestiegene Transparenz und die größere Vergleichbarkeit der Produkte. Dies zwinge die Unternehmen zu einer stärkeren Ausdifferenzierung. „Sonst werden sie gnadenlos antiselektiert“, so Bader. Antiselektion bedeutet, dass sich gerade Personen mit einem spezifisch hohen Risiko versichern, während Menschen mit geringen Risiken sich nicht mehr versichern, da der einheitliche Preis ihnen zu hoch erscheint.

Als Beispiel verwies Bader auf die Erfahrungen seines Unternehmens, das kurzzeitig die Differenzierung nach Raucher und Nichtraucher in der Risikolebensversicherung abgeschafft hatte: „Sie glauben gar nicht, wie viel Neugeschäft wir auf einmal hatten. Das lief wie geschnitten Brot“, sagte Bader. Weil Raucher für ihr höheres Sterberisiko nicht mehr bezahlen mussten, nutzten sie verstärkt das Angebot. Damit verschob sich das Verhältnis im Kollektiv zugunsten der Raucher, was Prämienanpassungen nötig machte. Kurze Zeit später habe die Stuttgarter wieder nach Rauchern und Nichtrauchern differenziert, so Bader.

Fragmentierung hat Grenzen

Der Manager ging zugleich auf die Grenzen der Entwicklung ein: Eine immer stärkere Fragmentierung führe zu immer höheren technischen Kosten. Irgendwann komme der Versicherer an wirtschaftliche Grenzen. Was aber heute in der Implementierung zu teuer sei, könne morgen vielleicht schon möglich sein. „Wenn sie aber so stark fragmentieren, dass sich ein Großteil den Versicherungsschutz nicht mehr leisten kann, dann lohnt es sich für Versicherer auch nicht mehr“, sagte Bader.

Der Versicherungswissenschaftler Dirk Looschelders dämpfte zugleich die Erwartungen an Big Data. Die Fragmentierung könne nur einen bestimmten Grad erreichen. „Auch eine noch so sorgfältige Individualisierung schützt den Versicherer nicht vor den individuellen Risiken.“

Die Diskussion über die Auswirkungen von Big Data verglich Looschelders mit der Gentest-Debatte vor einigen Jahren. Kritiker seien damals überzeugt gewesen, dass letztlich alles über die Gene bestimmbar sei. „Es ist aber nicht so gekommen“, sagte der Professor an der Universität Düsseldorf. Nur in seltenen Fällen wie im Bereich der Krankheit Chorea Huntington habe der Gentest klare Implikationen für Versicherer. Der Gesetzgeber habe damals aber mit dem Gendiagnostikgesetz dafür gesorgt, dass Versicherer nur in Ausnahmefällen Gentests verwenden können.

Text: Henning Engelage

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