03.03.2015
Pro & Contra

Macht das automatisierte Fahren unsere Straßen sicherer?

Der Traum vom autonomen Fahren wird immer konkreter. Das sieht man auch auf dem 85. Internationalen Auto-Salon, der vom 3. bis zum 15. März 2015 in Genf stattfindet. Autonomes Fahren ist eines der Themen der Messe, nicht zuletzt weil Google angekündigt hatte, in diesem Frühjahr 150 seiner autonomen E-Mobile auf öffentlichen Straßen in Kalifornien zu testen. Für die Automobilbranche sind fahrerlose Autos die Zukunft. Doch macht das automatisierte Fahren unsere Straßen wirklich sicherer?

Ja, denn es schließt menschliches Fehlverhalten als Unfallursache konsequent aus, meint Alfred Eckert vom Automobilzulieferer Continental. Dass ein technisches System tatsächlich besser ist als der menschliche Fahrer, ist erst einmal eine Behauptung, entgegnet Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Ein Pro & Contra zum autonomen Fahren.

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ALFRED ECKERT

Leiter der Zukunftsentwicklung Continental Division Chassis & Safety

Alfred Eckert

 

Menschliches Fehlverhalten wird ausgeschlossen

Das Auto der Zukunft wird dank zunehmendem Automatisierungsgrad immer besser Unfälle vermeiden oder die Folgen reduzieren können, dem Fahrer freie Zeit schenken und Verbrauch und Emissionen vermindern. Schritt für Schritt können wir menschliche Fahrfehler mit Fahrerassistenzsystemen kompensieren, reduzieren so die Unfallzahlen und kommen der Vision vom unfallfreien Fahren immer näher. In den vergangenen Jahren hat sich die Verkehrssicherheit auf unseren Straßen stetig erhöht. Nicht zuletzt auch getrieben von gesetzlichen Regeln und dank Verbraucherorganisationen wie Euro NCAP.

Assistenzsysteme als Startpunkt für höhere Automation leisten hierzu einen großen Beitrag, mit dem Unfälle vermieden sowie Unfallfolgen und Verletzungsrisiken verringert werden. Weitgehend standardisiert eingeführte technische Systeme wie Sicherheitsgurt, ABS, Airbags, Bremsassistent und ESC sorgen schon heute für ein stabiles, schleuderfreies Fahren mit kurzen Bremswegen und bieten umfangreichen Insassenschutz. Auf dem Weg zum automatisierten Fahren spielen sie als solide Basis eine wichtige Rolle, da neue Funktionen auf dem Vorhandensein dieser Systeme aufbauen.

Die Evolution zu höherer Automation, vom assistierten zum automatisierten Fahren – vorerst für ausgewählte Fahraufgaben – wird immer weiter getrieben und unterstützt die Nachhaltigkeit des eingeschlagenen Weges in Richtung einer unfallfreien Zukunft. Das schon Assistenzsysteme, die die Basis für hoch- und vollautomatisiertes Fahren darstellen (gerade im Sicherheitsbereich wie Notbremssysteme zur Vermeidung von Auffahrunfällen), positive Auswirkungen auf das Schadensgeschehen haben und wirklich Unfälle vermeiden können, zeigen auch Untersuchungen vom Allianz Zentrum für Technik.

Automatisiertes Fahren befreit den Fahrer von der eigentlichen Fahraufgabe und schließt in konsequenter Folge menschliches Fehlverhalten aus, welches zu über 70 Prozent alleinige Ursache von Verkehrsunfällen ist. Die Automatisierung des Fahrens erfolgt jedoch nicht von heute auf morgen, sondern schrittweise, über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, parallel zu Fortschritten in den relevanten Technologien, allen voran die Elektronik. Vorteil der Elektronik: Sie kennt keine Schrecksekunde, sie ist immer hellwach. Deshalb können assistierte respektive automatisierte Fahrzeuge potenziell kritische Situationen gegenüber menschlichen Fahrern viel früher erkennen und vermeiden. Mit steigender Automatisierung reduziert sich der Spielraum für ein Fehlverhalten des Fahrers, dem zudem freiwerdende Zeit geschenkt wird. Die Vision vom unfallfreien Fahren rückt näher.

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SIEGFRIED BROCKMANN

Leiter Unfallforschung der Versicherer (UDV)

Alfred Eckert

 

Autofahrer sind viel besser, als vielfach angenommen

Ganz klar: Verbesserungen der passiven und aktiven Sicherheit sind ganz wesentlich dafür verantwortlich, dass die Zahl der Getöteten und Verletzten in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen ist. Und, ja, der Mensch macht Fehler, die die Technik ausbügeln kann. Deshalb sind neben ESP vor allem Assistenten so wichtig, die auch Fußgänger und Radfahrer erkennen können, vor drohenden Kollisionen warnen und im Notfall auch bremsen. Aber sie unterstützen nur den Autofahrer bei der schwierigen Aufgabe, das Fahrzeug sicher durch unser komplexes Verkehrssystem zu steuern.

Der Fahrer ist aber viel besser, als vielfach angenommen: Immerhin verursacht er nur alle drei Millionen Kilometer oder alle 218 Jahre einen Unfall mit Personenschaden. Deshalb ist es erst einmal eine Behauptung, dass ein technisches System es besser kann. Ein auch beim vierten Besitzer noch fehlerfreies System gibt es nicht und die regelmäßigen Rückrufe der Hersteller lassen mich auch für die Zukunft wenig optimistisch sein. Es macht eben einen erheblichen Unterschied, ob die Technik den Menschen unterstützt oder in Zukunft der Mensch die Technik. Denn man darf doch nicht glauben, dass ein von seinen Aufgaben entlasteter Fahrer, der sich gerade mit fahrfremden Tätigkeiten befasst, eine sinnvolle Rückfallebene darstellt.

Ein redundantes technisches System entwickelt sich aber eben nicht, wie behauptet, evolutionär aus den vorhandenen Assistenten, sondern bedarf einer neuen Systemarchitektur. Es ist sicher richtig und notwendig, dass ein Hochindustrieland, in dem das Automobil eine so bedeutende Rolle spielt, auch in diesem Bereich nicht nur Zuschauer einer Entwicklung sein darf. In der Vernetzung der Fahrzeuge und in der Ermöglichung anderer Tätigkeiten für den Fahrer mögen erhebliche ökonomische Potentiale liegen. Aber bitte, verkauft mir diese rasante Entwicklung nicht mit dem Bemühen um mehr Sicherheit. Der Hype in dieser Frage ist ohnehin unberechtigt.

Auch auf mittlere Sicht reden wir doch nur von Anwendungen auf Autobahnen. Dort haben wir aber nur 13 Prozent aller Getöteten in Deutschland. Im Deutschen Verkehrssicherheitsrat haben wir uns unter der „Vision Zero“ dazu bekannt, dass bei konkurrierenden Interessen im Zweifel der Sicherheit Vorrang gewährt werden muss. Hersteller und Zulieferer sind deshalb aufgefordert, über schöne Worte hinaus in einem transparenten Prozess die Ergebnisse mit ihren Versuchsträgern offen zu legen. Und von den politisch Verantwortlichen darf man erwarten, dass sie bei den anstehenden Rechtsänderungen nichts zulassen, das unsicherer sein könnte, als der Status Quo.


Video: Mit dem fahrerlosen Auto auf Spritztour durch Berlin