10.02.2015
Folgen der Niedrigzinspolitik

Sparer werden bestraft

Mit ihrer expansiven Geldpolitik geht die Europäische Zentralbank (EZB) ins Risiko. Denn ob es ihr damit gelingen wird, die Wirtschaft in der Euro-Zone anzukurbeln, ist völlig ungewiss – wie das Beispiel Japan zeigt. Die Verlierer stehen indes schon fest: Es sind die Altersvorsorgesparer, deren Anstrengungen untergraben werden.

„Eine Senkung des durchschnittlichen Zinsniveaus um einen Prozentpunkt bedeutet, dass ein Bürger 15 Prozent mehr aufwenden muss, um seine Altersvorsorge stabil zu halten“, sagt Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Grund dafür ist der sich abschwächende Zinseszinseffekt. In Zeiten niedriger Renditen verliert der für den langfristigen Vermögensaufbau so wichtige Hebel an Kraft.

Kosten der Altersvorsorge steigen

Wie sehr der Niedrigzins die Kosten der Altersvorsorge in den vergangenen Jahren in die Höhe getrieben hat, hat Olaf Stotz, Professor für Asset Management an der Frankfurt School of Finance, errechnet: Demnach musste 2007 ein 35-jähriger Durchschnittsdeutscher mit einer Lebenserwartung von 79 Jahren monatlich noch 168 Euro beiseitelegen, um im Alter seinen Lebensstandard halten zu können. Im Vorjahr waren dafür schon 360 Euro im Monat nötig. Damit sind die Kosten seit 2008 jährlich um 13,5 Prozent gestiegen. „Das ist nichts anderes als Inflation“, sagt Stotz.

Höhere Sparraten aufzubringen, fällt den Verbrauchern jedoch nicht leicht. Vielen fehlt ohnehin der finanzielle Spielraum, gleichzeitig werden die Menschen zum Konsum geradezu verführt. Laut Stotz sorgen die niedrigen Zinsen für zwei gegenläufige Effekte. Zwar steigt einerseits die Versorgungslücke, zugleich werden aber auch Bankkredite günstiger, was die Verbraucher wiederum dazu verleitet, mehr auszugeben. Das schließlich bezweckt die EZB, die sich von den niedrigen Zinsen auch eine Ankurbelung des privaten Konsums erhofft. „Die Kurzsichtigkeit der Menschen obsiegt in der Regel“, sagt Stotz.


GDV
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Sparneigung geht zurück

Dies zeigt sich schon jetzt: Der vom Marktforschungsinstitut GfK ermittelte Index zur Sparneigung der Bundesbürger sank im Januar mit minus 62,6 Punkten auf ein Allzeittief (siehe Grafik). „Das Geld, das jetzt ausgegeben wird, statt es anzusparen, ist Geld, das später für den Konsum fehlt“, sagt GfK-Konsumforscher Rolf Bürkl. Er betrachtet die Entwicklung mit Sorge: „Es ist zu befürchten, dass wir die Rechnung für die derzeit extrem geringe Sparneigung in Zukunft serviert bekommen, etwa in Form von Altersarmut.“

Auch Erdland warnt, dass angesichts der Niedrigzinsphase die Versorgungslücke breiter Bevölkerungsschichten immer größer wird. Der GDV-Präsident sieht deshalb den Gesetzgeber gefordert. „Die Politik sollte den Spielraum infolge der niedrigen Refinanzierungskosten nutzen, um das Fördervolumen für die staatlich geförderte Riester-Rente zu dynamisieren.“ Immerhin seien die aktuellen Fördersätze zehn Jahre alt und immer gleich geblieben.

Ausgaben für Altersvorsorge fehlen im Preisindex

Finanzwissenschaftler Stotz geht es vor allem darum, das Bewusstsein der Menschen für das Problem zu schärfen. Deshalb schlägt er vor, die Kosten der Altersvorsorge in der offiziellen Inflationsrate zu berücksichtigen. Der Warenkorb, der in Deutschland zur Ermittlung der Teuerungsrate herangezogen wird, enthält zwar die Ausgaben beispielsweise für Sachversicherungen. Die Kosten für die Altersvorsorge fließen jedoch nicht mit ein. Für Stotz ein Unding: „Für alle, die ihren Lebensstandard im Alter halten wollen, sind das bereits heute ganz reale Kosten“, argumentiert er. Würden diese in den Warenkorb mit einbezogen, läge die Inflationsrate bereits seit 2008 um gut einen Prozentpunkt höher.

Nach Ansicht von Stotz sollte auch die Politik ein Interesse daran haben, dass die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert ist. Schließlich habe sie sich das Ziel gesetzt, die private Altersvorsorge zu fördern. „Es ist auch ein gesamtwirtschaftliches Problem, wenn Menschen heute nicht sparen“, betont Stotz. Denn wenn die Verbraucher künftig weniger konsumieren können, wirkt sich das in einer alternden Gesellschaft letztlich auch negativ auf die Wirtschaftsentwicklung aus.

Text: Karsten Röbisch

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