11.11.2014
Negative Zinsen

Schleichende Enteignung der Sparer

Die Zinsen im Euroraum verharren auf ihrem Rekordtief. Selbst Anlageexperten fordern ihre Kunden auf, doch weniger zu sparen und mehr auszugeben. Und eine deutsche Volksbank verlangt wohl erstmals in der bundesdeutschen Geschichte gar Strafzinsen für die Einlagen ihrer Kunden. Allein die erhofften konjunkturellen Impulse der Niedrigzinspolitik lassen auf sich warten.

Die Deutsche Skatbank ist seit einigen Tagen in aller Munde – und das nicht, weil in Deutschland auf einmal das Kartenspielfieber ausgebrochen wäre. Am 1. November verkündete das Geldinstitut aus Thüringen, zukünftig negative Zinsen zu erheben. Wohl erstmals in der bundesdeutschen Geschichte wird das Geld nicht etwa mehr, sondern weniger, wenn es auf dem Sparkonto liegt. Der Negativzins gilt zwar erst ab Summen von mehreren hunderttausend Euro und damit nicht gerade für den typischen Kleinanleger – und dennoch hat der Zinsentscheid der Volksbanker aus dem Altenburger Land Branche und Investoren alarmiert.

Noch nie waren die Zinsen im Euroraum so niedrig wie zurzeit: Und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Selbst der Chefanlagestratege der Deutschen Bank, Asoka Wöhrmann, rät vom Sparbuch ab: Auf die Frage der Tageszeitung „Die Welt“, was der Sparer mit seinem Geld machen solle, antwortete Wöhrmann: „Er soll endlich aufhören, immer mehr zu sparen, und darüber nachdenken, das Geld auszugeben.“

Kein Signal für eine Trendwende

Europas oberster Notenbanker Mario Draghi hatte bereits mehrfach verlauten lassen, dass er noch für längere Zeit extrem niedrige Zinsen erwarte. Und so blieb die Europäische Zentralbank (EZB) in der vergangenen Woche auch jedes Signal für eine Trendwende schuldig. Wenn sich Banken Geld bei der EZB leihen, müssen sie derzeit nur 0,05 Prozent Zinsen zahlen. Diesen Leitzins ließ die EZB weiterhin unangetastet, verkündete EZB-Chef Draghi am Donnerstag. Seit Juni erheben die EZB-Banker sogar negative Zinsen. Parken Kreditinstitute ihr Geld bei der EZB müssen sie derzeit einen sogenannten Einlagezins von 0,2 Prozent berappen. Mit der Skatbank gibt erstmals ein deutsches Geldinstitut die negativen Zinsen an ihre Kunden weiter.

„Jedes einzelne Institut muss sich mit dem Thema auseinandersetzen“, sagte der Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, in seiner Funktion als Präsident des Bundesverbands deutscher Banken am Montag in Frankfurt. Er sei aber sicher, dass alle Banken „sehr verantwortungsvoll“ mit dem Thema umgehen würden. Fitschen deutete in diesem Zusammenhang an, dass zumindest Sparer mit kleinen Einlagen zunächst von den Belastungen negativer Zinsen verschont bleiben dürften.

„Strafzinsen sind ein fatales Signal“

Für Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) schadet der Negativzins der EZB: „Strafzinsen sind ein fatales Signal für alle Sparer“, sagt Erdland. Die Versicherungsbranche gehört zu den größten institutionellen Kapitalanlegern Deutschlands. Selbst wenn die negativen Zinsen zurzeit die meisten Verbraucher nicht direkt beträfen, sieht der GDV-Präsident eine starke indirekte Wirkung: „Sie schaden dem privaten Vorsorgegedanken und erschüttern das Vertrauen in die gesamte Finanzbranche.“ Auch der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, Georg Fahrenschon hatte das Zinstal zuletzt immer wieder als Enteignung der Sparer bezeichnet. Der „Wirtschaftswoche“ sagte Fahrenschon nun immerhin, dass es bei den Sparkassen Negativzinsen auf Spareinlagen nicht geben werde.

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Für den Wirtschaftswissenschaftler Thomas Mayer hat die derzeitige Fiskalpolitik vor allem das Ziel, die Staatsverschuldung in den Griff zu kriegen. Bei einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert Stiftung zum Thema „Sparer in Not?“ verglich der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank am Mittwoch vergangener Woche die derzeitige Niedrigzinsphase mit der Geldpolitik von Entwicklungsländern in den 70er Jahren. Dort habe man durch die Beschränkung der Zinssätze und der Intervention der Notenbank schleichend Kapital vom privaten Sektor zum Staat verschoben. Fachterminus: finanzielle Repression. Anders als bei einem harten Schuldenschnitt seien die Konsequenzen dieser Verschiebung aber nicht sofort, sondern erst mit der Zeit zu spüren. „Der Politiker spürt die Folgen vielleicht nicht mehr in seiner eigenen Amtszeit“, sagte Mayer. Das Problem der Eurozone sei aber, dass die finanzielle Repression nicht stark genug sei, um die Schuldenlast spürbar zu verringern. Ihm zufolge müsste somit noch mehr Geld aus dem Privatsektor zum Staat verschoben werden. „Wenn das nicht gelingt, die finanzielle Repression zu verstärken, dann wird es letztlich zu Schuldenschnitten kommen“, folgert Mayer.

Die Zinsen hat die EZB bereits soweit gesenkt, dass eine minimal mögliche weitere Senkung kaum noch Impulse auslösen dürfte. Trotz aller Bemühungen der Notenbanker blieb die Inflation im Euroraumweit bedenklich niedrig. Ziel der EZB-Politik ist jedoch eine Preissteigerungsrate knapp unter zwei Prozent. Im Oktober lag die Inflationsrate bei 0,4 Prozent.

„Kreislauf leidet an zu niedrigem Blutdruck“

Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung, Gustav Horn, sieht als Grund für die geringe Inflation vor allem ein Nachfrageproblem. „Der Kreislauf leidet an zu niedrigem Blutdruck“, sagte Horn bei der Podiumsveranstaltung. Die EZB könne den Kreislauf zwar stabilisieren, jedoch nicht anregen. „Die Unternehmen investieren nicht, nur weil die Zinsen niedrig sind“, sagte Horn. Der Euroraum müsse realwirtschaftlich wieder in Gang kommen. Sollte es zu einer Deflation, also einem dauerhaften Verfall der Preise, kommen, werde es sehr schwer, diesen Trend wieder umzukehren.

Auch deshalb bereitet die EZB vorsorglich den Einsatz weiterer geldpolitischer Instrumente vor, um die Konjunktur weiter anzukurbeln. Der Rat habe den Stab der Notenbank mit dem Auftrag betraut, die Umsetzung weiterer, notfalls nötiger Maßnahmen rechtzeitig vorzubereiten, sagte EZB-Chef Draghi am Donnerstag. Das Gremium sei sich einig in der Verpflichtung, bei Bedarf weitere unkonventionelle Maßnahmen zu ergreifen. Zuletzt hatte die EZB den Kauf von Pfandbriefen und Kreditverbriefungen beschlossen. Dazu könnte nach früheren Äußerungen Draghis auch der massenhafte Ankauf von Staatsanleihen zählen, berichtet Reuters.

Arbeitsmarktreformen in Italien und Frankreich notwendig

Peter Schwark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des GDV, sieht die Linie der Notenbanker kritisch: „Die EZB verdrängt mit Wertpapierkäufen den Sparer und den Anleger“, sagte Schwark während der Podiumsdiskussion. Damit werde die Zentralbank zum Konkurrenten privater Anleger auf dem Kapitalmarkt. Die Europäische Zentralbank schaffe mit ihrer Politik vielleicht Zeit. Nun müssten aber auch die notwendigen Reformen etwa auf den Arbeitsmärkten zum Beispiel in Italien und Frankreich erfolgen. Beide Euro-Schwergewichte sind immer noch von hohen Schulden, hohen Arbeitskosten und zu viel Bürokratie geplagt. Die Arbeitslosenzahlen sind immer noch bedenklich hoch. Als Resultat wächst in diesen Ländern die Wirtschaft kaum. „Zeit kaufen ist gut, wenn die Reformen auch zügig erfolgen. Daran habe ich aber meine Zweifel“, sagte Schwark.

Text: Henning Engelage

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