19.11.2014
Rentenpolitik

Deutschland vor dem Demografieknick

Nach wie vor unterschätzen viele die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Finanzierbarkeit der Sozialsysteme in Deutschland. Noch steht die Generation der Babyboomer mitten im Berufsleben, aber nicht mehr lange. Bis 2031 werden sie in Rente gehen. Der demografische Druck auf das Rentensystem wird dadurch immens zunehmen. Immer weniger Beitragszahler müssen für immer mehr Rentner aufkommen.

Deshalb bleibt die grundlegende Weichenstellung der Politik in der Alterssicherung seit 2001 hin zu einem Drei-Säulen-System aus staatlicher, privater und betrieblicher Rente auch für die Zukunft richtig. Eine Rückabwicklung der Reformen würde die stabile Altersversorgung in Deutschland gefährden. Schon jetzt werden die sogenannte Mütterrente und die Rente mit 63 weitreichende Folgen für die Alterssicherung haben: Die Beitragssätze werden schneller steigen, gleichzeitig sinkt das Rentenniveau für die heute Jungen noch zügiger. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Handelsblatt Research Institute und Prognos.

Um die wachsende Lücke zwischen Arbeits- und Renteneinkommen füllen zu können, ist der Ausbau der privaten und betrieblichen Altersvorsorge erforderlich. „Nur eine Kombination aus Umlageverfahren und Kapitaldeckung kann das volle Renditepotenzial nutzen und die Risiken breit streuen“, erläutert Alexander Erdland. „Die Rentenpolitik steht in den kommenden Jahren vor der Aufgabe, die Balance von staatlicher Absicherung und privater und betrieblicher Altersvorsorge zu verbessern“, so Erdland weiter.

Rentenpolitische Aufgaben für die kommenden Jahre im Überblick
Ausbau der kapitalgedeckten Altersvorsorge
Die Höhe der Riester-Förderung ist seit 2002 unverändert und im Realwert deutlich gesunken. Sie sollte an die Einkommensentwicklung angepasst werden. Parallel gilt es, den Ausbau der betrieblichen Altersversorgung zu voranzubringen. Sinnvoll sind Arbeitsverträge, die eine automatische Entgeltumwandlung vorsehen, der die Beschäftigten dann allerdings widersprechen können (Opting-out).
Geringverdiener besser absichern
Das Konzept der Lebensleistungsrente, die ein Aufstocken niedriger Renten langjährig Versicherter vorsieht, zielt zwar auf das richtige Problem: die Vermeidung von künftiger Altersarmut. Auch soll private Vorsorge berücksichtigt werden. Die Wirksamkeit ist jedoch ungewiss. Helfen könnten stärkere unmittelbare Anreize, privat für das Alter vorzusorgen. Daher sollte die private Vorsorge nicht mehr voll auf die Grundsicherung angerechnet werden. Das Risiko, im Alter auf die Grundsicherung angewiesen zu sein, lässt sich insgesamt wirksamer durch Maßnahmen außerhalb der Rentenpolitik mindern.
Länger arbeiten und gleitende Übergänge in den Ruhestand schaffen
Längeres Arbeiten stärkt die Beitragsbasis und verkürzt die Dauer des Rentenbezugs. Die Rente mit 67 verbunden mit einer schrittweisen Erhöhung des tatsächlichen Renteneintrittsalters bleibt daher unerlässlich. Zugleich braucht es beim Übergang in den Ruhestand mehr Flexibilität. Viele wollen und können auch jenseits dieser Altersgrenze arbeiten, andere aber nicht. Im Zusammenspiel aus gesetzlicher Rente, betrieblicher Altersversorgung und privater Vorsorge sind innovative Lösungen möglich, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Beschäftigten besser gerecht werden und das Rentensystem nicht überfrachten.
Säulenübergreifende Renteninformation
Eine leicht zugängliche Online-Renteninformation, die alle Säulen der Altersvorsorge umfasst, erhöht die Transparenz über künftige Alterseinkommen. Sie wäre für jeden Einzelnen ein gutes Planungsinstrument für den Ruhestand, weil sich beispielsweise Versorgungslücken dadurch frühzeitig erkennen ließen und noch gegengesteuert werden kann. Ein solches Instrument würde die Akzeptanz des gesamten Rentensystems fördern.
Rentenleistungen sachgerecht finanzieren
Kindererziehung ist eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Soll diese staatlich gefördert werden, sind Leistungen aus allgemeinen Steuermitteln zu finanzieren. Gleiches gilt für die „Mütterrente”. Ein Anzapfen der Rücklagen der GRV ist ebenso wenig gerechtfertigt wie eine Erhöhung der Beitragssätze.