02.10.2014
Interview

„Wir halten die EZB-Maßnahmen für leicht überzogen”

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hatte sich im Juni in einer Studie für eine vorsichtige Zinswende ab Mitte 2015 ausgesprochen. Im Gespräch mit GDV.DE erläutert Mitautor Jürgen Matthes, warum diese Einschätzung unsicherer geworden ist. Er beurteilt zugleich die Folgen der jüngsten Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB).

Herr Matthes, Sie sind Mitautor einer im Juni veröffentlichten IW-Studie, die sich mit den Ursachen und Auswegen aus der Niedrigzinsphase befasst. Damals kamen Sie zu dem Schluss, dass eine vorsichtige Zinswende ab dem zweiten Halbjahr 2015 möglich wäre. Gilt dieses Urteil noch?
Jürgen Matthes: Die Einschätzung fußte auf unserer damals verhalten optimistischen Wachstumsprognose für 2015. Inzwischen haben sich die Konjunkturerwartungen jedoch etwas verschlechtert, nicht nur für Deutschland, sondern die gesamte Euro-Zone. Wenn die Konjunkturindikatoren nicht sehr bald wieder deutlich und nachhaltig nach oben zeigen, wird die Zinswende wohl später eintreten.

Was ist der Grund für den aufkeimenden Pessimismus?
Matthes: Wir wissen nicht genau, warum die Stimmungsindikatoren zuletzt merklich gesunken sind. Es könnte sich nur um vorübergehende Störeffekte aufgrund der vielen geopolitischen Risiken handeln, aber auch fundamentalere Gründe haben. In Reaktion auf die Eintrübung haben wir unsere Konjunkturprognose für den Euro-Raum jedenfalls seit der Studie vom Juni ein wenig gesenkt, von 1 auf 3/4 Prozent für 2014 und von 1,5 auf 1 ¼ Prozent für nächstes Jahr.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte bereits im Juni, taggleich mit der Veröffentlichung ihrer Studie, den Leitzins gesenkt. Im September legte sie nochmals nach. Halten Sie die Maßnahmen für gerechtfertigt oder überzogen?
Matthes: Was die Deflationsängste angeht, so teilen wir die Sorgen der EZB nicht ganz und gehen nur von einer vorübergehenden Phase niedriger Inflation aus. Denn für die zuletzt schwache Preisentwicklung waren auch saisonale Effekte verantwortlich, etwa der Rückgang der Energie- und Lebensmittelpreise. Und die mittelfristigen Inflationserwartungen bleiben bei knapp 2 Prozent fest verankert. Auf der anderen Seite hat sich das Bruttoinlandsprodukt in der Euro-Zone in den ersten beiden Quartalen schwach entwickelt, was man nicht ausblenden darf. Die EZB ist sehr risikoscheu und im Moment darum bemüht, angesichts der Deflationsängste Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

Zur Person

Jürgen Matthes leitet das Kompetenzfeld Internationale Wirtschaftsordnung im Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Der 46-Jährige arbeitet dort seit 1995, studiert hat er Volkswirtschaftslehre in Dortmund und Dublin.

Matthes ist einer der Autoren der Studie „Das aktuelle Niedrigzinsumfeld: Ursachen, Wirkungen und Auswege”, die das IW im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) im Juni erstellt hatte. Darin sprachen sich die Ökonomen für eine vorsichtige Zinswende ab Mitte 2015 aus.


Wir halten die EZB-Maßnahmen aber für leicht überzogen. Zum einen, weil wir in Bezug auf die Konjunktur- und Inflationsentwicklung etwas optimistischer sind. Zum anderen, weil wir langfristig negative Effekte der extrem expansiven Geldpolitik befürchten. Wir sehen bereits am US-Aktienmarkt, aber auch bei Unternehmensanleihen in den USA und Europa Anzeichen für Preisblasen. Mit ihrer Ankündigung, die Zinsen noch für längere Zeit auf niedrigem Niveau zu belassen, gibt die EZB Investoren zusätzlich einen Anreiz, riskante Geschäfte zu machen.

Wie steht es um die konjunkturellen Impulse der jüngsten EZB-Schritte?
Matthes: Was die Kreditentwicklung angeht, so lässt sich der Einfluss der EZB schwer ermitteln. Die ersten Anzeichen einer weniger restriktiven Kreditvergabe im Euro-Raum können auch an der verbesserten Kapitalausstattung der Banken und an optimistischeren Konjunkturerwartungen liegen. Deutlich wird der Einfluss der EZB beim Euro-Wechselkurs, der bereits vor dem Zinsschritt im Juni gesunken war und den EZB-Chef Mario Draghi aus meiner Sicht vor allem im Blick gehabt hat. Ein niedriger Euro-Wechselkurs hilft natürlich den Exporteuren in Europa. Und Impulse von der Außenwirtschaft sind derzeit dringend nötig, da Staaten, Privathaushalte und Unternehmen angesichts der hohen Verschuldung weiter sparen und ihre Ausgaben drosseln.

EZB-Chef Draghi sieht zur Lösung der Krise in erster Linie die Politik gefordert und mahnt wiederholt Strukturreformen an. Tun die Länder aus ihrer Sicht genug?
Matthes: Angesichts der hohen Verschuldung sind nur begrenzt Impulse von der Nachfrageseite zu erwarten, diese müssen von der Angebotsseite kommen. Dafür sind Strukturreformen unerlässlich. In Spanien, Portugal und Griechenland sehen wir bereits große Fortschritte. Das gilt weniger für Italien. Der neue Ministerpräsident Matteo Renzi hat nach seinem Amtsantritt ein ambitioniertes Reformprogramm vorgelegt, was wir sehr begrüßen. Entscheidend ist allerdings, wieviel er davon durchsetzen kann. Auch in Frankreich würden wir uns deutlich mehr Reformen wünschen, der Staatssektor ist sehr aufgebläht. Die jüngste Regierungsumbildung ist positiv. Allerdings muss man abwarten, ob sich Premierminister Manuel Valls mit seiner Sparpolitik im linken Regierungslager durchsetzen kann.

Interview: Karsten Röbisch

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