24.09.2014
Interview Prof. Günther Zimmermann

„Versicherungsbedingungen für Verbraucher verständlicher machen“

Obliegenheiten, Mindestzuführungsverordnung oder die vorvertragliche Anzeigepflicht: Für Versicherungsexperten sind diese Begriffe kein Problem – für viele Verbraucher hingegen schon. Die meisten Versicherungsbedingungen kommen jedoch nicht ohne solche Fachbegriffe aus. Der Sprachwissenschaftler Günther Zimmermann hat nun für den GDV mehrere Musterbedingungen überarbeitet, um sie für Verbraucher verständlicher zu machen. Im Interview spricht Zimmermann über die Modernisierung einer Textgattung und die Gratwanderung zwischen Verständlichkeit und Rechtssicherheit.

Herr Professor Zimmermann, für die meisten Menschen sind Versicherungsbedingungen wahrscheinlich nicht gerade die Lieblingslektüre.
Günther Zimmermann: Da dürfte was dran sein. Ich gehe davon aus, dass Versicherungsbedingungen nicht immer aufmerksam genug gelesen werden, weil sie für den normalen Kunden unverständlich sind. Im Ernstfall kann das aber für die Verbraucher gravierende Folgen haben, wenn sie etwa nicht wissen, welche Schäden ihre Police genau abdeckt.

Mit welchem Ziel sind Sie an die sprachliche Überarbeitung der GDV-Musterbedingungen herangegangen?
Zimmermann: Wir wollten eine Textsorte mit einer langen Tradition modernisieren, um sie für Verbraucher verständlicher zu machen. Davor waren die Bedingungen nur „Verlautbarungstexte“ von Versicherern. Es sind aber die Adressaten, die die Texte verstehen müssen, wenn das Ziel der Botschaft erreicht werden soll.

Verständlichkeit ist das eine, aber auf der anderen Seite brauchen die Versicherungsunternehmen Rechtssicherheit. Die GDV-Musterbedingungen müssen auch vor Gericht standhalten.
Zimmermann: Die Herausforderung bestand deshalb darin, die Musterbedingungen in eine Alltagssprache zu übersetzen, ohne ihre Rechtssicherheit zu gefährden. Das war manchmal eine Gratwanderung, das gebe ich zu.

Zur Person

Prof. Dr. Günther Zimmermann
ist seit 1980 in der Textverständlichkeitsforschung tätig und berät seit 1990 Wirtschaftsunternehmen. Verständlichkeit und Nutzerfreundlichkeit stehen auch im Zentrum von Zimmermanns Beratungsfirma lingua@media, die er 2004 zusammen mit Uwe Kalinowski gegründet hat.

Prof. Zimmermann studierte Anglistik, Romanistik, Germanistik und Philosophie. Ab 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 war er Professor für Französische Sprache und Literatur und deren Didaktik an der Universität Gießen und an der Technischen Universität Braunschweig. Er ist Autor von mehreren Büchern zur Verständlichkeit von Texten.


Welche Effekte hat es, wenn sich die Bedingungen nun stärker an der Alltagssprache orientieren?
Zimmermann: Sind die Bedingungen verständlicher formuliert, schafft das mehr Transparenz und damit auch mehr Glaubwürdigkeit. Transparenz wird übrigens auch vom Gesetzgeber im Versicherungsvertragsgesetz oder in der Rechtsprechung eingefordert. Außerdem können verständlichere Texte Zeit und Kosten sparen. Menschen, die beruflich damit zu tun haben, lesen die Texte schneller, selbst die Arbeitszeit von hochbezahlten Experten wird dadurch weniger strapaziert.

Wie sind Sie an die Versicherungsbedingungen rangegangen, um sie verständlicher zu machen?
Zimmermann: Hauptsächlich mit drei Mitteln: entzerren, reduzieren, veranschaulichen. Manche Klauseln waren in komplizierten Schachtelsätzen formuliert; diese haben wir entzerrt. Viele Sätze waren auch viel zu lang, teilweise mit über 60 Wörtern. Leicht verständliche Sätze haben in der Regel nicht mehr als 20 Wörter. In diesem Fall haben wir die Aussagen eines langen Satzes auf mehrere kürzere Sätze verteilt. Und zuletzt das Veranschaulichen: Versicherungsbedingungen sind teilweise abstrakt geschrieben, um möglichst jeden erdenklichen Fall abdecken zu können. Meistens lässt sich das abstrakt Gesagte aber mit einem Beispiel veranschaulichen, so dass es einleuchtender wird.

Wie umfangreich ist eine solche Überarbeitung?
Zimmermann: Wir haben 2010 mit dem Projekt begonnen. Wichtige Bedingungen aus unterschiedlichen Sparten wie zum Beispiel der Lebensversicherung haben wir bereits aktualisiert. Derzeit überarbeiten wir sprachlich die Musterbedingungen des GDV aus dem Bereich Schaden- und Unfallversicherungen.

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