12.09.2014
Industrieversicherung

„Politische Risiken sind versicherbar“

Allein der Termin des diesjährigen DVS Symposion in München wäre Anlass genug gewesen, um das Thema der Eröffnungsdiskussion zu rechtfertigen. Es geht um geopolitische Risiken, und deren Bedeutung für das Risikomanagement in Unternehmen. Doch dass der größte Kongress für die Industrieversicherung hierzulande ausgerechnet am 11. September stattfindet – dem Jahrestag der Terroranschläge von New York – spielte für die Macher der Veranstaltung keine Rolle. Es sind stattdessen die vielen Konfliktherde auf der Welt, die den Ausschlag gaben. „Man kann sich nicht erinnern, jemals in so dichter Abfolge Kriegsbilder vorgeführt bekommen zu haben“, sagt Werner Weidenfeld, Professor am Centrum für angewandte Politikforschung in München und einer der Redner in der Eröffnungsdiskussion.

Die Fälle politisch motivierter Gewalt haben in den vergangenen Jahren zweifellos stark zugenommen. Die vielen Konflikte sind auch für die Wirtschaft eine wachsende Bedrohung. Das gilt gerade für die exportorientierten Unternehmen in Deutschland – laut einer Studie die am stärksten vernetzte Volkswirtschaft der Welt. Produktionsstandorte und Absatzmärkte verteilen sich heutzutage auf mehrere Kontinente, und die Lieferketten durchziehen hin und wieder eben auch Regionen, die politisch sehr instabil sind. „Viele Unternehmen haben sich in der Vergangenheit internationaler aufgestellt und sind in Länder mit hohen Wachstumsraten expandiert“, sagt Davide Guidicelli, Leiter des Credit Underwriting bei Swiss Re Corporate Solutions. In vielen Wachstumsländern gebe es aber eben auch größere Risiken.

Wie real die Gefahr ist, verdeutlicht Edwin V. Meyer, als General Manager bei ArcelorMittal weltweit für das Ressort Risk and Insurance verantwortlich. Er geht gleich zu Beginn der Diskussion auf einen aktuellen Konfliktherd ein: die Ukraine. Sein Unternehmen ist dort mit rund 10 Millionen Tonnen Rohstahlkapazität der größte Produzent des Landes. Zwar liegt das Stahlwerk abseits des Konfliktgebiets, so dass es bislang zu keiner Störung gekommen ist. Zwei regionalen Wettbewerbern erging es jedoch anders. Ihre Anlagen stehen still, wie Meyer berichtet. „Als ich die Zusage für die Veranstaltung gegeben habe, war mir noch nicht bewusst, wie direkt und indirekt wir von politischen Krisen betroffen sein würden“, sagt Meyer.

Vielfältige politische Risiken

Der Ukraine-Konflikt beschreibt nur eine Variante geopolitischer Risiken, denen Unternehmen ausgesetzt sind. Nicht immer geht es um Krieg, Bürgerkrieg oder Terror. Zu den Gefahren zählen auch Enteignungen, Verstaatlichungen, Beschränkungen der Betriebserlaubnis, Restriktionen im Kapitalverkehr oder politisch motivierte Diskriminierungen. Solche Risiken werden von der klassischen Sach- und Betriebsunterbrechungsversicherung nicht abgedeckt, lediglich die Folgen von inneren Unruhen, Streik oder Aussperrungen sind mitversichert. Für alles andere braucht es einen gesonderten Schutz.

Und den gibt es. „Politische Risiken sind versicherbar“, sagt Guidicelli von Swiss Re. Der Markt sei in den vergangenen Jahren stark gewachsen, vor allem in den vergangenen fünf Jahren. „In der Zeit hat sich das Volumen verdoppelt“, sagt Guidicelli. Nach Einschätzung von Piers Gregory, Underwriting Manager beim Versicherer ACE Overseas General, hat sich zugleich die Vielfalt im Markt vergrößert. Gab es zu Beginn nur einen Risikoschutz im zweistelligen Millionenbereich, so seien heute auch Deckungssummen im Milliardenbereich möglich. Auch erstrecke sich der Versicherungsschutz nicht mehr nur auf kurze Zeiträume, sondern über mehrere Jahre.

Schutz fängt mit Exportversicherung an

So zahlreich die geopolitischen Risiken, so unterschiedlich sind auch die Versicherungslösungen. Im Grunde beginnt es schon mit der klassischen Exportversicherung, die einspringt, wenn ein ausländischer Abnehmer – sei es eine Firma oder eine staatliche Behörde – aus verschiedenen Gründen die Lieferung nicht bezahlt. Darüber hinaus gibt es Einzelpolicen oder Paketlösungen für jede Form der Bedrohung: Enteignungen, Kapitalbeschränkungen, Lizenzentzug oder eben politische Gewalt wie Terror und Bürgerkrieg.

Nach Einschätzung von Experten kommt dem Schutz vor solchen Gefahren künftig eine noch größere Bedeutung zu. „Wir müssen unser Vorgehensweise um geopolitische Aspekte erweitern“, mahnt Georg Bräuchle vom Versicherungsmakler Marsh. Das fange bereits beim Risikomanagement an. In welchen Ländern ist das Unternehmen aktiv? Wie groß ist dort das politische Risiko? Wie wichtig ist der Standort für das Unternehmen und welche Kosten ist es im Ernstfall bereit, selbst zu tragen? Konzerne sollten nach Meinung von Bräuchle frühzeitig Vorkehrungen treffen, und nicht erst dann aktiv werden, wenn die Gefahr offensichtlich wird. „Für manche Krisenländer gibt es jetzt keine Deckung mehr“, sagt er.

Mehr Weitsicht, dies wünscht sich Politikwissenschaftler Weidenfeld auch von der Politik. „Der Westen betreibt oft situatives Krisenmanagement statt strategischer Problemlösung.“ Würden die Regierungen die langfristigen Folgen ihrer Entscheidungen stärker berücksichtigen, dann gebe es auch weniger Konflikte auf der Welt.

Text: Karsten Röbisch

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