26.09.2014
Interview Verkehrspsychologe

In jedem Autofahrer steckt ein kleiner Goofy

Seine Art zu reden ist ähnlich wie der Fahrstil, den er bevorzugt: ruhig, gleichmäßig und mit Bedacht. Doch wenn Verkehrspsychologe Bernhard Schlag von den Eigenarten motorisierter Menschen erzählt, kommt der Schelm in ihm durch, und er erklärt, warum in jedem von uns ein kleiner Goofy steckt.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat kürzlich erklärt, dass jeder Einzelne für mehr Verkehrssicherheit sorgen kann – durch Rücksichtnahme und vorausschauendes Verhalten. Ist das die Formel für unfallfreie Straßen?
Bernhard Schlag: Das allein reicht leider nicht aus. Natürlich haben am Ende alle mehr davon, wenn wir es schaffen, ähnlich wie im Tierreich – kollektive Vorteile stärker als unsere eigenen zu gewichten. Wir haben allerdings gelernt, individuell zu denken und unseren kurzfristigen Vorteil gegen andere, möglicherweise auch aggressiv, durchzusetzen.

Ist der Wunsch nach Schwarmverhalten im Straßenverkehr nicht illusorisch?
Schlag: Illusorisch ist er nicht, aber schwer zu realisieren.

Woran liegt’s?
Schlag: Auf der Straße beanspruchen andere zur gleichen Zeit genau das, was ich für mich haben will, oder sie machen etwas, was ich so nicht machen würde. Hinzu kommt, dass schlechtes Benehmen oft ohne Folgen bleibt, weil wir in unseren „Blechkisten“ relativ abgeschirmt sitzen. Diese Faktoren – Anonymität und Konsequenzlosigkeit – können unsoziales Verhalten durchaus befördern.

Werden wir zu anderen Menschen, sobald wir hinterm Steuer sitzen?
Schlag: Es gibt dazu einen schönen alten Comic von Goofy, der im Auto von einem Herrn Freundlich zu einem Monster wird. Und wenn er aussteigt, ist er wieder Herr Freundlich. So weit muss es nicht gehen, aber tatsächlich haben Menschen in einem Kraftfahrzeug – es heißt ja nicht ohne Grund so – dermaßen viel Kraft unterm Körper wie sonst nie in ihrem Leben. Die Frage ist, ob sie diese Kraft auch nutzen. Aber Menschen neigen dazu, Möglichkeiten nicht verstreichen zu lassen.

Brauchen wir mehr Regeln?
Schlag: In der Rechtsprechung gibt es eine alte Weisheit: Altes Gesetz ist gutes Gesetz. Das liegt daran, dass sich die Leute daran gewöhnt haben und das Gesetz zur sozialen Norm geworden ist. Ideal wären also Regelungen, bei denen soziale und kodifizierte Norm übereinstimmen. Alles, was man Menschen aufzwingen und von daher auch streng überwachen muss, ist bereits fehlkonstruiert.


 

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