29.09.2014
Themenwoche Berufsunfähigkeit (1/4)

Berufsunfähigkeit – hohes Risiko mit gravierenden finanziellen Folgen

Ob Bauarbeiter oder Lehrer, abhängig beschäftigt oder selbstständig: Jeder kann berufsunfähig werden. Laut Statistik der gesetzlichen Rentenversicherung muss gut einer von vier Arbeitnehmern bzw. pflichtversicherten Selbstständigen seine Erwerbstätigkeit einschränken oder sogar ganz aufgeben, bevor er das Rentenalter erreicht. Die finanziellen Folgen sind häufig gravierend.

Einerseits fällt das Arbeitseinkommen weg, andererseits müssen oft teure Therapien, Hilfsmittel oder Umbauten in Haus und Wohnung bezahlt werden. Wer seinen gewohnten Lebensstandard auch bei einer Erwerbsunfähigkeit beibehalten will, muss zwingend privat vorsorgen – beispielsweise durch eine Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherung. Denn die gesetzliche Erwerbsminderungsrente gleicht häufig nur einen Bruchteil des gewohnten Einkommens aus.
 


Wie die Berufsunfähigkeitsversicherung funktioniert

Die private Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es in vielen Varianten. In der Regel zahlt die Versicherung eine im Vertrag fest gelegte Rente, wenn Versicherte wegen einer Erkrankung, in Folge von Körperverletzung oder übermäßigem Kräfteverfall zu mindestens 50 Prozent berufsunfähig sind. Dies wäre beispielsweise dann der Fall, wenn Beschäftigte voraussichtlich langfristig höchstens die Hälfte ihrer üblichen Arbeitszeit (z.B. nur vier statt acht Stunden täglich) leisten können. Auch wer pflegebedürftig (mindestens Pflegestufe 1) wird, gilt häufig als berufsunfähig. Die Berufsunfähigkeitsversicherung leistet also dann, wenn der Beruf, der eine bestimmte Qualifikation und Erfahrung erfordert, nicht mehr (voll) ausgeübt werden kann. Sie schützt damit auch den sozialen Status, den sich der Versicherte in seinem Lebensverlauf erarbeitet hat.
 

Vertraglich vereinbarte Regelungen sind entscheidend

Eine einheitliche Definition der Berufsunfähigkeit gibt es in der privaten Versicherung nicht. Entscheidend sind die im Vertrag vereinbarten Regelungen. Ob eine Berufsunfähigkeit, so wie sie im Vertrag definiert ist, vorliegt, entscheiden die Leistungsprüfer des Versicherers: Versicherte müssen sich mit einem entsprechenden Attest ihres Haus- oder Facharztes bei der Versicherung melden. Der Versicherer wird das Attest in der Regel überprüfen. Dazu bittet er je nach Fall auch den Versicherten oder seine Ärzte um weitere Informationen. Gegebenenfalls wird der Versicherer auch einen weiteren Arzt hinzuziehen. Kommt der Versicherer zu dem Ergebnis, dass keine Berufsunfähigkeit vorliegt, und ist der Versicherte anderer Ansicht, kann der Versicherte den Ombudsmann der Versicherungswirtschaft anrufen. Dieser kann als neutraler Schlichter eine Einigung zwischen Versichertem und Versicherer vermitteln.
 


Varianten, Beiträge und Leistungen

Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist in der Regel eine reine Risikoversicherung, der Versicherte bildet also kein Sparkapital. Bleibt der Versicherte bis zum Ruhestand bzw. bis zum Ende der vereinbarten Versicherungsdauer gesund, erhält er daher keine Schlusszahlung.

Berufsunfähigkeitsversicherungen gibt es entweder als selbstständige Versicherung oder als Zusatzversicherung. Bei einer selbstständigen Berufsunfähigkeitsversicherung ist der Berufsunfähigkeitsschutz Gegenstand des Hauptvertrags. Sie bietet eine Rentenzahlung, falls die Versicherte Person berufsunfähig wird. Die Zusatzversicherung kann dagegen nur in Kombination mit einer Hauptversicherung, zum Beispiel Lebens- oder Rentenversicherungen, abgeschlossen werden. Die Zusatzversicherung soll zum einen sicherstellen, dass Versicherte ihre Beiträge zur Altersvorsorge auch im Fall einer Berufsunfähigkeit leisten können. Darüber hinaus ist auch die Zahlung einer Berufsunfähigkeitsrente möglich.

Wie hoch der Beitrag für eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist, hängt nicht nur von der gewählten Versicherungsvariante (selbstständige oder zusätzliche Versicherung) ab, sondern auch von Faktoren wie der gewünschten Rentenhöhe, dem ausgeübten Beruf, der Laufzeit des Vertrages sowie vom Ergebnis der Risikoprüfung.

Was Antragsteller berücksichtigen müssen

Die Risikoprüfung ermöglicht es dem Versicherer, die Wahrscheinlichkeit für den Eintritt einer Berufsunfähigkeit und damit die Höhe der Versicherungsprämie zu ermitteln. Antragsteller müssen Angaben zu persönlichen Eigenschaften machen, die Einfluss auf den Eintritt einer Berufsunfähigkeit haben können: Neben dem Beruf sind dies vor allem das Alter, der aktuelle Gesundheitszustand, etwaige Vorerkrankungen oder auch gefährliche Hobbys. Beispielsweise wird die Versicherungsprämie für einen Dachdecker, der bereits zwei Bandscheibenvorfälle, hatte, wesentlich höher ausfallen als für einen bislang durchgängig gesunden Bankkaufmann.

Um auch Erwerbstätige mit besonderen gesundheitlichen Risiken versichern zu können, lassen sich Ausschlusskriterien in die Police aufnehmen. Wer beispielsweise einen angeborenen Herzfehler hat, kann unter Umständen eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, bei der mit dem Herzfehler verbundene Ursachen für Berufsunfähigkeit nicht abgesichert sind. Wird er dann auf Grund von Kreislaufproblemen berufsunfähig, bekommt er keine Rente, wohl aber bei Berufsunfähigkeit wegen eines Rückenleidens.

Worauf man achten sollte

Wer bei der Risikoprüfung wichtige Fakten wissentlich verschweigt oder sogar falsch beantwortet, hat im Ernstfall keinen Anspruch auf eine Berufsunfähigkeitsrente (so genannte Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht). Das gilt auf jeden Fall dann, wenn die Berufsunfähigkeit in Zusammenhang mit einem der verschwiegenen Risiken – beispielsweise einer Vorerkrankung – steht.

Die Höhe der Berufsunfähigkeitsrente ist individuell vereinbar. Sinnvoll ist eine Orientierung am letzten Einkommen – in der Regel sichern Versicherungsunternehmen maximal ein Niveau von 75 bis 80 Prozent des Nettoverdienstes ab. Zudem sollte die Versicherungshöhe nachträglich angepasst werden können, um Kaufkraftverluste durch die Inflation, Gehaltssteigerungen oder auch Änderungen der persönlichen Lebenssituation (Familiengründung) berücksichtigen zu können.

Berufsunfähig ist nicht gleich berufsunfähig

Kann ein Versicherter seinen Beruf nicht mehr ausüben, muss die Versicherung nicht in jedem Fall zahlen. Viele Verträge enthalten eine so genannte Verweisungsklausel: Gibt es nachweislich einen gleichwertigen Beruf, den der Versicherte ausüben könnte, hat er keinen Anspruch auf die Berufsunfähigkeitsrente. Die Verweisung ist allerdings ausgeschlossen, wenn der Verdienst deutlich niedriger wäre als im bislang ausgeübten Beruf. Wer ganz sicher gehen will, im Falle einer Berufsunfähigkeit nicht einen anderen, vergleichbaren Beruf ausüben zu müssen, kann sich auch für eine Police ohne Verweisungsklausel entscheiden: Mittlerweile bieten viele Versicherer entsprechende Produkte an.

Eine Rente gibt es in der Regel nur dann, wenn die Berufsunfähigkeit über einen längeren Zeitraum andauert. Üblich ist ein so genannter Prognosezeitraum von sechs Monaten: Kann der Versicherte seinen Beruf mindestens ein halbes Jahr nicht ausüben, bekommt er die Rente ausbezahlt – oft auch rückwirkend.

Eine dauerhafte Berufsunfähigkeitsrente zahlt der Versicherer, wenn die Berufsunfähigkeit mindestens für die kommenden drei Jahre besteht. Allerdings wird die Berufsunfähigkeit in Zweifelsfällen alle drei Jahre überprüft.
 

Die Themenwoche zur Berufsunfähigkeit auf GDV.DE:

>> Montag, 29.9.: Berufsunfähigkeit – hohes Risiko mit gravierenden finanziellen Folgen
>> Dienstag, 30.9.: Berufsunfähigkeit im Wandel
>> Mittwoch, 1.10.: Interview – „Versicherungsunternehmen wollen leisten!”
>> Donnerstag, 2.10.: Vorsorge ist der beste Schutz
Mehr zum Thema:
>> Verbraucherservice: Wissenswertes zur Berufsunfähigkeitsversicherung