16.06.2014
Generation Übergang

Warum Rentner trotz Ruhestand weiterarbeiten möchten – und sollten

Eine wachsende Gruppe von Senioren will vom angeblich süßen Nichtstun des Rentnerdaseins erst mal nichts wissen. Raus aus der Altersfalle mit ihren starren Grenzen – das längere Leben braucht neue Modelle zwischen Arbeitsleben und Ruhestand. Vorbilder gibt es genug. Auf Spurensuche in der großen Rentenfrage. Die Titelgeschichte unseres „verjüngten” Verbandmagazins POSITIONEN.

Geistig vergreist, körperlich verbraucht – die Altersstereotype von gestern kann man getrost ad acta legen. Die kranken Jahre nehmen ab, die gesunden zu. Ein heute 60-Jähriger ist, wie die Alternsforschung zeigt, so fit wie ein 50-Jähriger vor 20 Jahren. Der Alterungsprozess scheint verlangsamt – und das umso mehr, je länger man aktiv bleibt. Den Eintritt ins Rentnerleben nach hinten zu verschieben zahlt sich aus, wie Studien zeigen – nicht nur finanziell und in puncto Altersvorsorge. Je jünger Menschen in Ruhestand gehen, umso drastischer sinkt die Gedächtnisleistung, steigt das Risiko, krank zu werden.

„In einen Arbeitskontext eingebunden zu sein und dadurch immer wieder neu gefordert zu werden, kann sinnstiftend sein und hat für den Einzelnen enorme Vorteile“, betont Ursula Staudinger, Alternsforscherin und Gründungsdirektorin des neuen, interdisziplinären Columbia Aging Centers an der gleichnamigen Universität in New York. „Wir sollten darum bemüht sein, Arbeitsumstände so zu verändern, dass die Verrentung nicht als Befreiung erlebt wird, sondern als Verlust.“

Die Frage nach den neuen Alten

Je näher die Rente rückt, umso weniger Illusionen machen sich die Menschen über die Wonnen des Ruhestandes. Über die Hälfte der 55- bis 70-jährigen Deutschen äußern die Bereitschaft, über die Rente hinaus weiterzuarbeiten. Zumindest in Unternehmen, die bereits Angebote für ältere Menschen bieten. Ist dies nicht der Fall, liegt das Interesse bei unter 40 Prozent. „Der individuelle Wunsch zu arbeiten muss auch mit den Möglichkeiten bei den Arbeitgebern zusammengehen“, verdeutlicht Forscher Andreas Mergenthaler, der die deutschlandweite Studie „Transitions and Old Age Potential“ für das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung mit erhoben hat.

Die Frage nach den neuen Alten – in Zukunft wird sie sich lauter stellen. Das Gruppenbild der Gesellschaft im Jahr 2030, skizziert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, zeigt: Auf einen über 64-Jährigen kommen nur noch etwa zwei Menschen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren, heute sind es drei. Damit trifft der demografische Wandel auch die Altersvorsorgesysteme tief in ihrem Innersten – insbesondere die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente mit ihrem Umlageverfahren, das auf einem Transfer zwischen den Generationen basiert.

„Demografiebedingt fehlen bis 2030 rund 6,5 Millionen Arbeitskräfte. Wir müssen das Potenzial der Älteren stärker ausschöpfen“, ergänzt Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen. Das würde sich gleich doppelt auszahlen: Nicht nur die Arbeitswelt, auch die gesetzliche Rente bekäme mehr Standfestigkeit in den Turbulenzen des demografischen Wandels.

Lebenserwartung bei Geburt
 

Die Potenziale der Älteren nutzen

Doch von der Erkenntnis zur Umsetzung ist noch ein weiter Weg, wie die Hertie-Stiftung herausgefunden hat. Zwei Drittel aller Unternehmen bieten keine Maßnahmen an, um die Erwerbstätigkeitsphase älterer Arbeitnehmer zu verlängern, nur 15 Prozent planen, dies künftig zu tun. Und wer jenseits der 50 seinen Job verliert, tut sich schwer, beruflich wieder Fuß zu fassen. „Der Arbeitsmarkt ist im Moment noch nicht offen für 50plus“, konstatiert Staudinger. „Aber der Druck baut sich jetzt auf und wird exponentiell und rapide zunehmen.“

Noch etwa sechs Jahre lang wird die Balance zwischen Zu- und Abgängen auf dem Arbeitsmarkt relativ ausgewogen sein, rechnet Martin Werding, Professor für Sozialökonomie an der Ruhr- Universität Bochum, vor. „Aber unter der Oberfläche bereiten wir uns auf den Renteneintritt der Babyboomer vor.“ Um sie so lange als möglich im Job zu halten, ist es mit exklusiven Rentnerprogrammen längst nicht getan.

Flexible Lösung statt Altersgrenzen

Antworten darauf sind flexible Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle, eine lebensphasenorientierte Personalpolitik, die etwa auf Langzeitkonten und lebenslanges Lernen baut, sowie Demografie-Tarifverträge. Altersgrenzen, die wenig Spielraum lassen, hinken dagegen der Realität hinterher, statt die Zukunft zu gestalten. Einige Industrieländer haben sich daher schon vor Jahren von einem fest definierten Rentenalter verabschiedet. In Norwegen können Beschäftigte innerhalb einer Altersspanne von 62 bis 75 in Rente gehen.

Radikaler ist die Lösung in Großbritannien: Eine Obergrenze, die das Arbeitsverhältnis automatisch beendet, wurde abgeschafft, altersbedingte Kündigungen somit ausgeschlossen. In Deutschland gibt es heute noch viele Hürden, wenn Arbeitnehmer über das gesetzliche Rentenalter hinaus weiterarbeiten wollen. Die Bundesregierung will mit der geplanten Flexi-Rente diesen Schritt erleichtern. Arbeitnehmer sollen nach Erreichen der Regelaltersgrenze befristet weiterarbeiten dürfen, wenn der Arbeitgeber zustimmt. Die Befristung soll auch mehrmals hintereinander möglich sein. Entschieden ist aber noch nichts. Bis zum Herbst will eine Arbeitsgruppe der Koalition konkrete Vorschläge vorlegen.

„Ich wünschte, es gäbe mehr zukunftsweisende Elemente.”

Bereits beschlossen ist hingegen die abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren – eine Maßnahme, die den Druck auf das Rentensystem noch erhöht und das Bild von den unproduktiven Alten verfestigt. Etwa 160 Milliarden Euro könnten die Rentengesetze, zu denen auch die Mütterrente zählt, bis 2030 kosten. Arbeitgeber, Ökonomen und Verbände üben entsprechend harsche Kritik. „Ich wünschte, auf der rentenpolitischen Agenda der Bundesregierung gäbe es mehr zukunftsweisende Elemente für die jüngere Generation, die die gesetzliche und private Rente demografiefester machen würden“, bedauert GDV-Präsident Alexander Erdland.

Nachhaltige Rentenpolitik sieht anders aus, meint auch Sozialökonom Werding. „Mit steigendem Lebensalter muss auch das Rentenalter mitziehen. Die Umsetzung der Regelaltersgrenze von 67 Jahren und betriebliche Maßnahmen, dass die Menschen wirklich so lange – oder auf Wunsch noch darüber hinaus – arbeiten können, ist der leistungsfähigste Ansatz dafür, den Arbeitsmarkt wie auch das Rentensystem demografiefest zu machen.“


 
Der vollständige Artikel ist unter dem Titel „Generation Übergang” in der aktuellen Ausgabe des GDV-Verbandmagazins POSITIONEN erschienen.


 
POSITIONEN ist ein gesellschaftspolitisches Magazin, das vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft in Berlin herausgegeben wird. POSITIONEN informiert Journalisten, Politiker, Blogger und einfach „nur“ Interessierte über Geschichten rund um das Thema Versicherungen, Vorsorge und Zukunft. POSITIONEN erscheint vier Mal im Jahr und ist als eigenständiges Onlinemagazin unter www.gdv.de/positionen zu finden.