08.05.2014
Zukunft der Altersvorsorge

„Wir werden uns mehr anstrengen müssen“

Die Prognos AG und das Handelsblatt Research Institute haben in einer gemeinsamen Studie für den GDV die Alterssicherungssysteme in Deutschland unter die Lupe genommen. Ein Ergebnis der Modellrechnung ist, dass die Zahl der Erwerbstätigen bis zum Jahr 2050 um fast 13 Prozent sinkt – obwohl die Gesamtbevölkerung „nur“ um 9 Prozent schrumpft. Diese Entwicklungen ordnet Prognos-Chefökonom Michael Böhmer im Interview ein.

Was bedeutet dieser massive Rückgang der Erwerbstätigenzahl für die Wirtschaft? Bleibt Deutschland wettbewerbsfähig oder fällt das Land im internationalen Vergleich zurück? Wieviel Wachstum kostet die demografische Entwicklung?
Michael Böhmer: Wir werden uns mehr anstrengen müssen, um zumindest einen Teil der demografischen Alterung zu kompensieren. Unternehmen werden verstärkt um gute Arbeitskräfte werben, um bei einem schrumpfenden Arbeitsangebot ihre Stellen mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Unternehmen wie Staat werden die Rahmenbedingungen – Stichwort: Vereinbarkeit von Familie und Beruf – deutlich verbessern müssen. Nur dann gelingt es, die sich abzeichnende Fachkräftelücke nicht entstehen zu lassen beziehungsweise zu schließen und damit massive negative Wirkungen auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu vermeiden.

Dies bedeutet jedoch, dass die Erwerbsquoten gerade von Frauen und von älteren Menschen spürbar ansteigen werden. Insgesamt ist also die stärkere Nutzung des sogenannten Arbeitskräftepotenzials der zentrale Schlüssel, um die Auswirkungen der demografischen Entwicklung zumindest abzumildern. Gleichwohl verbleibt ein negativer Effekt auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum: Nach unseren Modellrechnungen würde das Bruttoinlandsprodukt bis zum Jahr 2050 bei gleichbleibender Bevölkerungszahl und Bevölkerungsstruktur im Durchschnitt pro Jahr um 0,2 Prozentpunkte schneller wachsen als unter dem gegebenen demografischen Wandel.

Zur Person

Dr. Michael Böhmer
Dr. Michael Böhmer, Jahrgang 1975, studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Trier und der ESC Bordeaux. Nach seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“) kam er 2005 zur Prognos AG.

Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in übergreifenden, wirtschaftspolitischen Fragestellungen, außenwirtschaftlichen Analysen sowie in langfristigen, gesamtwirtschaftlichen und branchenspezifischen Prognosen.


Sie rechnen damit, dass die Deutschen künftig deutlich mehr konsumieren und weniger Geld zur Seite legen. Das war ja bislang genau andersherum. Woran liegt das?
Böhmer: Im Hinblick auf den privaten Konsum erwarten wir zweierlei: Zum einen wird der Anteil des privaten Konsums am Bruttoinlandsprodukt und damit auch sein Beitrag zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum zunehmen. Zum anderen – und das ist ein Bestimmungsgrund für die erstgenannte Entwicklung – werden die durchschnittlichen Konsumquoten ansteigen. Der gesamtwirtschaftliche Anteil des privaten Konsums steigt nicht zuletzt, da wir langfristig aufgrund der demografisch bedingten Engpässe auf dem Arbeitsmarkt moderat stärker steigende Löhne erwarten. Gleichzeitig bleibt die Beschäftigung relativ hoch. Zusammengenommen führt dies zu einem stärkeren Anstieg der Lohnsumme als in der Vergangenheit.

Darüber hinaus werden die Menschen zunehmend mehr von ihren Einkommen konsumieren und weniger sparen. Das liegt im Wesentlichen daran, dass sich im Zuge der höheren Dynamik der Löhne der Anteil der Lohneinkommen an allen Einkommen der privaten Haushalte erhöht. Lohneinkommen werden in aller Regel stärker für Konsumzwecke verwendet als Einkommen aus Kapital. In der Folge steigt die über alle Haushalte aggregierte Konsumquote.

Ist das gut oder schlecht?
Böhmer: Diese Entwicklung ist für sich genommen weder gut noch schlecht. Zwar kann theoretisch eine optimale Sparquote abgeleitet werden, bei der unter bestimmten Annahmen das langfristige Wachstum am höchsten ausfällt. Allerdings hat Deutschland nicht das Problem, dass zu wenig gespart würde. Die schon traditionell hohen Leistungsbilanzüberschüsse belegen dies deutlich. Sie weisen letztlich nichts anderes aus, als dass die Deutschen dem Ausland Kredite geben.

„Deutschland hat nicht das Problem, dass zu wenig gespart würde.“

Welche Folgen hat das für die private Altersvorsorge?
Böhmer: Welche Folgen eine sinkende Sparquote für die private Altersvorsorge hat, kann aus den Daten nicht abgeleitet werden. Tatsächlich haben wir auch auf dem Höhepunkt der Alterung etwa Mitte der 2030er Jahre noch eine Sparquote von elf Prozent. Das ist im internationalen Vergleich nicht wenig. Zudem dient nicht jedes Sparen der Altersvorsorge.

In der Studie heißt es, Deutschland stehe demografisch an einem Wendepunkt. Für die gesetzliche Rentenversicherung bedeutet das: Immer weniger Erwerbstätige müssen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer mehr Rentner finanzieren. Wie soll das funktionieren?
Böhmer: Tatsächlich stehen wir demografisch gesehen an einem Punkt, an dem klar ist, dass jeder Erwerbstätige zunehmend mehr Rentner finanzieren muss. Und daran können wir auch sehr wenig ändern. Weder Zuwanderung – jedenfalls in realistischen Größenordnungen – noch eine höhere Geburtenrate würden hier substanziell helfen. Mehr Geburten wirken frühestens in einer, spürbar eher in zwei Generationen. Bis zum Jahr 2050 wird sich der sogenannte Altenquotient von heute 34 auf dann 61 nahezu verdoppeln. Rechnerisch stehen dann jeweils 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter 61 Menschen im Rentenalter gegenüber.

„Die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung wird extrem belastet“

Die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung wird dadurch natürlich extrem belastet. Wie kann man reagieren? Man kann die Beiträge anheben, um das Rentenniveau konstant zu halten. Oder man kann das Rentenniveau absenken, um die Beitragssätze konstant zu halten. Zudem kann man die Erwerbsphase verlängern und die Rentenbezugsphase verkürzen. Verschiedene Bundesregierungen haben seit dem Jahr 2001 in mehreren Reformen alle drei Pfade beschritten: Ein Teil wird durch steigende Beitragssätze finanziert, ein Teil durch ein geringeres Sicherungsniveau und ein Teil durch die Verlängerung der Lebensarbeitszeit („Rente mit 67“).

Ob diese drei Stellschrauben unter Verteilungsgesichtspunkten optimal ausgerichtet sind, dafür gibt es in der Ökonomie keinen Maßstab. Das beurteilt die Politik. Sie haben jedoch dazu geführt, dass die gesetzliche Rentenversicherung zumindest in den kommenden etwa 20 Jahren finanziell auf soliden Füßen steht. Und das ist durchaus eine bemerkenswerte Leistung.

Kann ich in 35 Jahren noch von meiner Rente leben?
Böhmer: Eine – gewollte – Konsequenz der genannten Reformen ist, dass die Einkommen aus der gesetzlichen Rentenversicherung nicht mehr lebensstandardsichernd sind. Damit Rentner künftig noch das gleiche Gesamtversorgungsniveau haben wie um die Jahrtausendwende, ist eine ergänzende private wie betriebliche Altersvorsorge unabdingbar. Um zu beurteilen, ob man als Rentner von Einkommen leben kann, wäre es also zu kurz gegriffen, nur auf die gesetzliche Rente zu schauen. Die wird relativ betrachtet sinken, das ist politisch gewollt, das darf keinen überraschen. Darüber, wie gut es mir finanziell im Alter geht, sagt sie aber immer weniger aus.