27.05.2014
Hermann-Josef Tenhagen (Finanztest)

„Die Versicherer haben Herausragendes geleistet“

Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Verbrauchermagazins Finanztest, lobt das Schadenmanagement der Versicherungswirtschaft nach der Flut 2013. Nachholbedarf sieht er noch in Sachen Aufklärungsarbeit der Verbraucher. Er wünscht sich eine gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit Hochwasser. Versicherungsschutz gegen Naturgefahren ist aus Sicht Tenhagens für Jedermann sinnvoll. Der Wirtschaftsjournalist im Interview.

Herr Tenhagen, schon kurz nach der Flut 2013 glaubten 90 Prozent der Deutschen, selbst eher nicht von solchen Naturgefahren bedroht zu sein. Woher kommt diese Sorglosigkeit?
Hermann-Josef Tenhagen: Wer so ein Hochwasser nicht selbst erlebt hat, für den ist das nicht vorstellbar. Menschen brauchen die persönliche Erfahrung. Erst wenn das Wasser im eigenen Ort stand oder den Nachbarort überflutet hat, ist die Betroffenheit da. Auch Fernsehbilder helfen der Vorstellungskraft zu wenig. Eine Flut an der Donau ist für die Menschen in Berlin irre weit weg.

Wie könnte man die Menschen für die Gefahr stärker sensibilisieren?
Tenhagen: Wir brauchen eine gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit Hochwasser. Versicherer sollten das viel stärker einfordern. Schon nach der Elbeflut sind wichtige Diskurse politisch nicht geführt worden. Wenn eine Überflutungsfläche bekannt ist, muss sich der Stadt- oder Gemeinderat damit befassen. Das kann sinnvollerweise dazu führen, dass das ein oder andere Gebiet nicht als Bauland ausgewiesen wird. Oder dass sich Kommunen intensiv mit Fragen des Hochwasserschutzes beschäftigen. Manche Kommunen haben in den letzten Jahren viel Schutz betrieben, andere gar keinen.

Was sollte man konkret für die Bürger tun?
Tenhagen: Auch für die Bürger wären Aufklärungsarbeit und Risikobeschreibung hilfreich. Also Antworten auf die Frage, was jeder Einzelne tun kann. Versicherer können Landes- und Kommunalpolitikern in solchen Fragen ruhig mehr auf den Füßen stehen. Ich warte auf Interviews der Schadenchefs großer Versicherer in den Medien, in denen sie konstruktiv über Hochwasserschutz debattieren. Sorgt dafür, dass es auf die Agenda kommt.

Zur Person

Hermann-Josef Tenhagen
Hermann-Josef Tenhagen
 
ist seit 1999 Chefredakteur des Verbrauchermagazins Finanztest. Er wuchs auf einem Bauernhof am Niederrhein auf, 20 Kilometer vom Fluss entfernt. Bei Hochwasser hat er schon als Kind den majestätischen Fluss und seine Kraft gesehen.


Warum versichern sich immer noch zu wenige?
Tenhagen: Weil es Geld kostet. Wenn man nicht genug Geld in der Tasche hat, mag man nicht mehr Geld für Versicherungen ausgeben. Entscheidend ist, für wie hoch die Menschen das Risiko halten. Da sind wir beim eben Gesagten.

Was halten Sie von einer Versicherungspflicht?
Tenhagen: Die Elementarschadenversicherung ist absolut sinnvoll. Die Frage ist, wie man erreicht, dass sie möglichst jeder hat. Nach einer solchen Flut müssten Versicherungsexperten – nachdem die Schäden beseitigt und bezahlt sind – in Scharen losziehen und die Kunden beraten wie sie sich besser schützen und wie sie Schäden vorbeugen können. Ja, wie sie vielleicht sogar mit Schutzmaßnahmen Versicherungsbeiträge sparen können. Da kann sich jeder ausrechnen, wie lange es dauert, bis sich das amortisiert hat. Mit Akquise und zugleich einer Schadensminimierungsstrategie kann man Punkte machen.

Viele Versicherer haben Kunden, die keine Versicherung gegen Hochwasser haben, nach der Flut angeschrieben und Angebote gemacht – mit überschaubarem Erfolg.
Tenhagen: Briefe sind da der falsche Weg. Es braucht das persönliche Gespräch. Die Branche beschäftigt 250.000 Vermittler, die können sich ruhig mal mit diesem Anliegen auf den Weg zum Kunden machen.

Sicherlich wird es für Härtefälle nach Flutkatastrophen immer staatliche Hilfen geben. Welche Rolle spielen diese für die Bereitschaft sich zu versichern?
Tenhagen: Staatliche Hilfen sind nötig, Aber wer im Vertrauen auf diese Hilfen Roulette spielt, muss ganz schön hart gesotten sein. Er nimmt in Kauf, sein Haus zu verlieren, weil er sich darauf verlässt, dass Vater Staat das schon regelt. Es können nur wenige sein, die so fahrlässig denken und handeln.

Verbraucherschützer haben das Schadenmanagement der Versicherer nach der Flut sehr genau beobachtet. Welche Schulnote geben Sie den Versicherern?
Tenhagen: Für das Schadenmanagement eine zwei. Ich war beeindruckt wie schnell und gut die Versicherer agiert haben. Wir hatten keine signifikanten Beschwerden auf dem Tisch. Hier haben die Versicherer wirklich Herausragendes geleistet.

Abzüge in der B-Note gibt es für Unternehmen, die kurz nach der Flut Änderungskündigungen an die Kunden geschickt haben. Auch wenn das ökonomisch sinnvoll sein sollte, klug ist es nicht. Erst recht nicht, wenn ich eigentlich mehr Kunden gewinnen möchte. Und wenn es doch sein muss, dann schickt man doch besser den Außendienstler los und lässt ihn erklären warum die Versicherung teurer werden muss. Vielleicht versteht der Kunde das dann besser als mit einem nüchternen Brief aus der Zentrale.

Also eine Abschlussnote gibt es jetzt noch nicht?
Tenhagen: Interessant wird jetzt, wie die Unternehmen mit Spät- und Großschäden umgehen. Das wird sich in den kommenden Monaten und vielleicht noch nächstes Jahr zeigen. Eine Abschlussnote für das Management der Flut 2013 könnte man der Branche erst dann erteilen. Aber nach den bisherigen Erfahrungen mit dieser Flut bin ich optimistisch.