29.04.2014
Europawahl 2014

Vertriebs- und Vergütungssysteme – Vielfalt nationaler Systeme wahren

Irreguläre Verkaufspraktiken in einigen EU-Mitgliedstaaten haben die Politik veranlasst, die europäische Vertriebsregulierung auf den Prüfstand zu stellen. Strengere vorvertragliche Informationspflichten und weitreichende Transparenzregelungen sollen Verbraucher künftig besser vor Falschberatung und Fehlentscheidungen schützen.

Nachhaltige Kundenzufriedenheit ist eine elementare Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg von Versicherungsunternehmen. Deshalb unterstützt die Versicherungsbranche die Suche nach Lösungen, wie der Versicherungskunde Entscheidungen für ein Produkt in Kenntnis der relevanten Tatsachen treffen kann.

Finanzielle Bildung und Qualität der Beratung muss vermehrt in den Fokus genommen werden. Die deutsche Versicherungsbranche hat die Zeichen der Zeit erkannt und mit einem strengen Vertriebskodex und einer gezielten Weiterbildungsinitiative Maßnahmen ergriffen, um die Qualität der Beratung zu steigern und Fehlentwicklungen vorzubeugen. Damit greifen wir einer Reihe von Forderungen aus der Politik vor und gehen weiter, als es europäische und nationale gesetzliche Vorgaben vorsehen.

GDVNebeneinander von Provisionsvertrieb und Honorarberatung belassen
Eine einseitige Ausrichtung auf ein Vergütungsmodell ist nicht hilfreich. Die Versicherungswirtschaft appelliert an die Gesetzgeber, dass provisionsbasierter Vertrieb und Honorarberatung in Europa auch weiterhin nebeneinander existieren können. Eine einseitige Stigmatisierung eines bestimmten Vertriebsmodells würde weder den unterschiedlich gelagerten Verbraucherinteressen noch den nationalen Versicherungsmärkten gerecht.


 
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Radikale Einschnitte in gewachsene Vertriebsstrukturen würden nicht nur die Existenzgrundlage zahlreicher Vermittler bedrohen, sondern verkennen, dass auch die Honorarberatung nicht ausschließlich Vorteile hat. Beispielhaft seien hier nur die kostenpflichtigen Leistungen nach Vertragsschluss genannt, wie z. B. Hilfestellungen im Schadenfall und die fehlende Abschlussbereitschaft der Kunden, die bei einseitiger Ausrichtung auf Honorarmodelle zu einer sozialpolitisch nicht gewollten Unterversorgung der Bevölkerung mit Versicherungsschutz führen würde.

GDVVerbraucherentscheidung durch Transparenz erleichtern
Die überarbeitete Versicherungsvermittlungs-Richtlinie (IMD2), die voraussichtlich 2015 in Kraft treten wird, will mögliche Interessenkonflikte zwischen Verbrauchern und Vermittlern vermeiden und sieht konkrete Vorgaben zur Offenlegung von Vergütungsstrukturen vor. Zusätzliche Informationen müssen den Verbraucher aber auch tatsächlich in die Lage versetzen, Produkte vergleichen zu können. Die alleinige Offenlegung der konkreten Vergütung dürfte dieses Ziel nicht erfüllen. Daher fordert die Versicherungswirtschaft eine Offenlegung der in die Prämie einkalkulierten Abschluss- und Vertriebskosten, da diese Darstellung die Kostenbelastung von Versicherungsprodukten besser darstellt, als eine reine Angabe zur Vergütung.

GDVKeine pauschale Übertragung der Bankenregelungen auf Vertrieb von Versicherungen
Parallel zur IMD2 werden die Regelungen zum Vertrieb von Wertpapieren in der Finanzmarkt-Richtlinie (MiFID2) überarbeitet und sollen 2014 in Kraft treten. Die politische Forderung nach Kohärenz der Regelungen liegt auf der Hand. Ein einfacher Copy-and-paste-Ansatz greift aber zu kurz: Versicherungen unterscheiden sich strukturell stark von Banken und eine Eins-zu-eins-Übertragung von Bankenregulierung kommt daher nicht in Betracht. Versicherungsspezifische Anpassungen sind in jedem Fall dringend erforderlich, weil langfristig abgeschlossene Versicherungsverträge – anders als Bankprodukte – der langfristigen Absicherung des biometrischen Risikos eines Versicherungsnehmers dienen und weniger einer kurzfristigen Geldanlage.

GDVSpezielle Informationspflichten für Altersvorsorgeprodukte
Auch der derzeit diskutierte Verordnungsentwurf über Basisinformationsblätter für Anlageprodukte (PRIPs) beeinflusst IMD2 und MiFID2 stark, da er den Anwendungsbereich beider Richtlinien bestimmt. Dabei wird bislang von Europäischer Kommission und Europäischem Parlament verkannt, dass für Altersvorsorgeprodukte spezielle und passgenaue Informationspflichten erforderlich sind. Diese Pflichten sind für die private Altersvorsorge in Solvency II und für die betriebliche Altersvorsorge in der Richtlinie über die Tätigkeiten und die Beaufsichtigung von Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung (EbAV-Richtlinie) geregelt.

Der Rat hat daher sinnvollerweise Altersvorsorgeprodukte aus dem PRIPs-Anwendungsbereich herausgenommen. Sehr heikel ist zudem der Vorschlag des Europäischen Parlaments, einen Warnhinweis für komplexe Produkte einzuführen, wobei die Kriterienliste so allgemein gehalten ist, dass darunter selbst Altersvorsorgeprodukte mit hohen Garantien fallen würden. Das erklärte europäische Ziel, zusätzliche Altersvorsorge zu fördern, würde durch diesen unberechtigten Warnhinweis konterkariert.

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