10.04.2014
Politische Positionen 2014

Lebensversicherung in der Niedrigzinsphase

Seit 2008 – das fünfte Jahr in Folge – sinken die Zinsen. Und alle Experten erwarten, dass diese Phase niedriger Zinsen noch länger anhalten wird. Aus Sicht der Versicherer war es das falsche Signal der Europäischen Zentralbank (EZB), die Leitzinsen nochmals zu senken. Konjunkturelle Impulse blieben aus – vor allem aber hat die Niedrigzinspolitik fatale Folgen für die Altersvorsorge: Eine niedrige Verzinsung vermindert das Vorsorgevermögen, erfordert zusätzliche Vorsorgeanstrengungen und untergräbt die sprichwörtliche deutsche Vorsorge- und Sparmentalität.

Eine lang andauernde Phase niedrigster Zinsen schafft damit langfristig ein sozialpolitisches Problem: Sie ist kein motivierendes Umfeld für Konsumverzicht und Altersvorsorge. Das zeigt sich auch in der Zahl der abgeschlossenen Verträge. Die deutschen Versicherer tun viel, um ihre Kunden sicher durch diese Zeit niedriger Zinsen zu leiten: Sie bilden eine Zinszusatzreserve für Verträge mit hohem Garantiezins, in die allein 2013 etwa sieben Milliarden Euro und insgesamt bislang rund 13,5 Milliarden Euro geflossen sind.

Neue Vertriebsmodelle, neue Produkte
Sie senken ihre Kosten und erwägen neue Vertriebsmodelle. Denn mehr denn je steht die Höhe der Kostenbelastung von Altersvorsorgeprodukten im Blickpunkt von Politik, Kunden, Verbraucherschutz und Medien. Und die Versicherer denken über neue Produkte nach. Schon heute bieten einzelne Unternehmen Lebensversicherungsverträge mit neuen Garantiemodellen an. Denn auch wenn die klassische Lebensversicherung, gerade mit Blick auf vergleichbar sichere Alternativen, ein attraktives Produkt mit einer laufenden Verzinsung von durchschnittlich 3,5 Prozent bleibt: Die neue Realität an den Kapitalmärkten macht es notwendig, die Lebensversicherung innovativ auf die herausfordernde Situation einzustellen.

Handlungsbedarf besteht aber nicht nur für die Branche, sondern umgekehrt auch für die Politik, insbesondere hinsichtlich der Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere. Die seit 2008 geltende Regelung, wonach die Lebensversicherer verpflichtet sind, auslaufende und gekündigte Verträge hälftig an vorhandenen Bewertungsreserven zu beteiligen, ist ökonomisch unsinnig: Sie zwingt die Branche – ausgerechnet in Zeiten historisch niedriger Zinsen – zu Sonderausschüttungen in bisher nie dagewesener Höhe.

2013 haben die deutschen Lebensversicherer jeden Monat etwa 230 Millionen Euro an Bewertungsreserven aus festverzinslichen Wertpapieren ausgeschüttet, 80 Prozent mehr als noch 2011. Aus Sicht der Versicherungswirtschaft ist diese Regelung ungerecht, denn von ihr profitieren einseitig nur die jährlich rund fünf Prozent der Versicherungskunden, deren Verträge zufällig in der aktuellen Niedrigzinsphase enden. Benachteiligt werden dagegen die 95 Prozent der Kunden, deren Verträge noch viele Jahre laufen. Bei einer Neuregelung muss es deshalb um eine faire Verteilung zwischen den Kunden gehen. Darüber hinaus verlieren die Lebensversicherer durch die Ausschüttungen wertvolle Substanz, die sie aber brauchen, um alle Versicherten gut durch die möglicherweise noch länger anhaltende Niedrigzinsphase zu bringen.

Unsere Positionen
Schluss mit der Politik des billigen Geldes
Die deutschen Versicherer treten ein für ein Ende der expansiven Geldpolitik. Denn durch die niedrigen Zinsen verringern sich die Erträge der Versicherungsprodukte, das Vorsorgevermögen wird entwertet und die Spar- und Vorsorgekultur erodiert. In der Lebensversicherung zeigt die Entwicklung der Überschussbeteiligung die Folgen von Niedrigzinsen: Von 2008 bis heute ist die Verzinsung im Schnitt um rund 0,8 Prozentpunkte zurückgegangen. Das bedeutet, die Menschen müssen heute mehr für ihre Altersvorsorge aufwenden und Abstriche bei ihrem späteren Lebensstandard hinnehmen.
 
Die Politik der niedrigen Zinsen kann keinen Beitrag zur Lösung der strukturellen Probleme im Euroraum leisten. Eine Fortsetzung dieser Geldpolitik führt im Gegenteil zu einer Verschleppung notwendiger Reformen.
Modifikation der Bewertungsreserven-Beteiligung auf festverzinsliche Papiere
Die Versicherungswirtschaft setzt sich für eine Modifikation der fehlerhaften Regulierung aus dem Jahr 2008 ein. Basis sollte der Gesetzesvorschlag sein, der bereits im Rahmen des zehnten Gesetzes zur Änderung des Versicherungsaufsichtsgesetzes diskutiert wurde. Er hatte vorgesehen, Bewertungsreserven auf der Aktivseite der Bilanz mit stillen Lasten auf der Passivseite (Sicherungsbedarf) zu verrechnen. Dieser integrierte Ansatz ist weiterhin richtig. In Zukunft sollte es Versicherungsunternehmen möglich sein, die Ausschüttungen aus Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere um diesen Sicherungsbedarf zu verringern. An die Kunden würden weiterhin die Bewertungsreserven ausgeschüttet, die den Sicherungsbedarf übersteigen und damit ökonomisch per Saldo tatsächlich vorhanden sind. Das Verfahren ist so konzipiert, dass im Falle einer Normalisierung der Zinssituation automatisch die aktuell geltende Regelung greift.
 
Betroffen wären nur Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere. Bewertungsreserven auf Aktien und Immobilien werden – auch in der Niedrigzinsphase – weiter anteilig an die ausscheidenden Kunden ausgeschüttet.
Keine vorschnelle Festlegung beim Höchstrechnungszins
Mit Blick auf die anhaltende Phase niedriger Zinsen hat die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) vorgeschlagen, den Höchstrechnungszins (Garantiezins) am 1.1.2015 erneut zu senken. Eine verbindliche Entscheidung durch das Bundesministerium der Finanzen sollte jedoch mit Weitblick getroffen werden: Mit der Festsetzung eines neuen Rechnungszinses würde eine neue Tarifgeneration für nur ein Jahr geschaffen werden.
 
Neue Produkte dürften auch im Hinblick auf die Einführung des neuen Aufsichtsregimes Solvency II Anfang 2016 entwickelt werden, weil dann neue Regeln für die Deckung der langfristigen Garantien bei Lebensversicherungen gelten. Die Einführung von zwei Produktgenerationen in kurzer Zeit sollte unter Kostenaspekten für Verbraucher und Unternehmen vermieden werden.
Keine Änderung der Mindestzuführungsverordnung
Als Preis für die Risikoübernahme und um Eigenkapital bilden zu können, muss der Versicherer an den von ihm erwirtschafteten Überschüssen partizipieren. Für die Höhe der Beteiligung hat der Gesetzgeber eine Festlegung in der Mindestzuführungsverordnung verankert. Die unterschiedlichen Beteiligungsquoten für die verschiedenen Ertragsquellen für Versicherungsnehmer und Versicherer wurden allerdings nicht willkürlich getroffen, sondern in Abwägung der differenzierten Risikotragung durch das Unternehmen. Ein Beteiligung der Unternehmen zu 25 Prozent entspricht deshalb einem angemessenen Preis für die Risikoübernahme.
 
Die Rendite einer Lebensversicherung würde sich für den Kunden bei einer Erhöhung der Mindestbeteiligung an den Risikoüberschüssen nicht nennenswert erhöhen. Schon heute fließen 96 Prozent aller Erträge an die Versicherten. Die Handlungsfähigkeit der Versicherer jedoch würde deutlich eingeschränkt. Denn eine Veränderung des Verteilungsmechanismus begrenzt die Möglichkeiten der Unternehmen zum Aufbau und zur Aufnahme von Risikokapital. Eine Änderung der Mindeszuführungsverordnung hätte deshalb gravierende Folgen für die Risikotragfähigkeit der Unternehmen und gefährdete auch die Umsetzung des neuen Aufsichtsregimes Solvency II.
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