24.03.2014
Jörg von Fürstenwerth

Pflichtversicherung für Naturgefahren untergräbt Prävention

Das Juni-Hochwasser 2013 war die zweite Flutkatastrophe innerhalb von nur elf Jahren, die volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe verursacht hat. Die Versicherungswirtschaft regulierte innerhalb weniger Wochen 140.000 Schäden und zahlte 1,8 Mrd. Euro an ihre Kunden. Diese Dimension war auch für die Gesellschaften außergewöhnlich. Wie nach der Elbeflut aus dem Jahr 2002 gibt es nun Stimmen, die sich für eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden einsetzen. Ein Gastbeitrag in der Zeitschrift „Versicherungswirtschaft” von GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg von Fürstenwerth.

Eine Pflichtversicherung gegen Naturgefahren scheint auf den ersten Blick die Lösung: Jeder Haushalt wäre sofort versichert, alle Schäden würden reguliert, alle würden gemeinsam das Risiko tragen. Eines wird jedoch übersehen: Eine Pflichtversicherung nimmt jeglichen Anreiz für Schutzmaßnahmen in den Gefahrenzonen. Schließlich wird im Schadenfall immer gezahlt – und zwar unabhängig davon, ob der Versicherte zuvor in Präventionsmaßnahmen investiert hat oder nicht. Zudem wäre die Pflichtversicherung ein Freibrief, um weiter in überschwemmungsgefährdeten Gebieten zu bauen. Die Folge: Es entsteht eine Spirale aus zunehmenden Schäden und höheren Kosten, die die Prämien stetig steigen lässt.

Wie das in der Praxis aussieht, kann man zurzeit in Großbritannien beobachten. Binnen weniger Jahre haben sich dort die Prämien für Elementarversicherungsschutz vervielfacht. Viele Bürger können sich die Policen nicht mehr leisten.

Zur Person

Jörg von Fürstenwerth ist seit 1996 geschäftsführendes Präsidiumsmitglied und Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV).

Von Fürstenwerth studierte Rechts- und Staatswissenschaften sowie Volkswirtschaftslehre in Bonn und London. 1985 promovierte er mit einer Arbeit zum Außenwirtschaftsrecht an der Universität zu Köln zum Dr. jur.


Wie schützt man sich vor Schäden durch Naturgewalten, bevor sie entstehen?
Bei der Diskussion um eine Pflichtversicherung darf das eigentliche Problem nicht aus den Augen verloren werden: Wie schützt man sich vor Schäden durch Naturgewalten, bevor sie entstehen? Eine nachhaltige Lösung sind Investitionen in den technischen und natürlichen Hochwasserschutz.

Hier ist die öffentliche Hand genauso gefordert wie jeder Hausbesitzer. Die einen bei Investitionen in Dämme, Deiche, Polder und Deichrückverlegungen – die anderen bei der individuellen Prävention, etwa durch Rückstauklappen und Dammbalkensysteme. Entscheidend ist auch der Schutz vor Kontaminationen durch Heizöl. Vielen Eigentümern ist dieses Risiko immer noch nicht bewusst. Gerade ältere Öltanks aus Kunststoff schwimmen rasch auf und bersten unter dem Wasserdruck mit verheerenden Folgen für Umwelt und Gesundheit.

Die Ereignisse 2013 haben eindrucksvoll gezeigt, dass zu guter Risikovorsorge Präventionsmaßnahmen und Versicherungsschutz gehören. Das Wissen um die Hochwassergefahr, deren Folgen und wie man sich schützen kann, ist Voraussetzung dafür, dass richtig gehandelt wird. Bislang werden die Menschen in sieben Bundesländern gemeinsam mit Politik und Verbraucherschützern in Kampagnen über Risiken und Möglichkeiten der Vorsorge informiert. Ein weiteres Vorsorgeangebot ist der Hochwasserpass. Ziel der Versicherer ist eine breite Sensibilisierung der Bevölkerung mit einem bundesweiten Naturgefahrenportal, das von einer Informationskampagne flankiert wird.

Bundesweit sind heute 99 Prozent aller Gebäude gegen Elementarschäden versicherbar.
Die Versicherungswirtschaft hat in den vergangenen Jahren viel getan, um Versicherungsschutz in der Breite anbieten zu können. Bundesweit sind heute 99 Prozent aller Gebäude gegen Elementarschäden versicherbar. Für das verbleibende Prozent werden mit Selbstbehalten oder individuellen baulichen Maßnahmen oft bezahlbare Lösungen angeboten. Inzwischen ist jedes dritte Haus in Deutschland gegen Naturgefahren versichert, 2002 war es erst jedes fünfte.

Selbst in den Hochrisikogebieten, in denen sich statistisch betrachtet alle zehn Jahre ein Hochwasser ereignet, sind bundesweit bereits 26 Prozent der Wohngebäude gegen Hochwasser versichert. In einigen Bundesländern ist die Versicherungsdichte noch höher, wie beispielsweise in Sachsen, hier ist mehr als jedes zweite Haus im Hochrisikogebiet versichert.

Europäisches Parlament bekennt sich zu Aufklärung und Vorsorge
Das Europäische Parlament hat vor Kurzem gegen die Einführung einer europaweiten Pflichtversicherung von Naturkatastrophen gestimmt. Die Risiken von Naturgefahren sind zu vielfältig, zu komplex und regional zu unterschiedlich, um sie mit einer europaweiten Pflichtversicherung erfassen zu können. Die Abgeordneten sind davon überzeugt, dass Prävention das wichtigste Mittel zum Schutz der Menschen und zur Vermeidung von Schäden durch Naturkatastrophen ist. Der Beschluss des Europäischen Parlaments bestätigt uns in unserer Überzeugung, dass intensive Aufklärung und gute Vorsorge erfolgversprechender sind als eine Pflichtversicherung.

Der Artikel ist in Versicherungswirtschaft Special – VALUE 1/2014 erschienen.