06.03.2014
Martina Klenk, Präsidentin Hebammenverband

„Die Politik ist an einer echten Lösung für die Hebammen interessiert“

Martina Klenk ist Hebamme aus Leidenschaft. Mit Verve vertritt sie auch die Interessen angestellter und freiberuflicher Hebammen – als Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes. Seit vor zwei Wochen ein Versicherer bekannt gab, sich Mitte 2015 aus der Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen zurückzuziehen, ist sie im Dauereinsatz. Spricht täglich mit den Medien, so oft wie möglich mit der Politik, auch mit der Versicherungswirtschaft ist sie im regen Austausch. Sie fürchtet um die Zukunft ihres Berufsstandes. GDV.DE hat mit ihr über die freie Wahl des Geburtsortes gesprochen, den Stand ihrer politischen Arbeit und wie die Situation dauerhaft gelöst werden könnte.

Frau Klenk, finden Sie es richtig, dass Hebammen versichert sein müssen, um ihren Beruf ausüben zu können?
Martina Klenk: Das ist absolut notwendig. Hebammen wollen Mutter und Kind schützen, das ist ihr Auftrag. Aber Hebammen sind Menschen, uns können Fehler passieren. Dann müssen geschädigte Kinder und ihre Mütter alle Hilfeleistungen und finanzielle Unterstützung bekommen, die sie brauchen.

Sind alle Hebammen gleichermaßen von gestiegenen Versicherungsbeiträgen betroffen?
Klenk: Ja, die Haftpflichtversicherung ist für alle Hebammen teurer geworden. Besonders gravierend ist es aber für die freiberuflichen Hebammen, die Geburten begleiten. Sie betreuen mehr als 20 Prozent der Geburten in Deutschland. Mit der Geburtshilfe, unserem Kerngeschäft, verdienen freiberufliche Hebammen deutlich zu wenig, um die Versicherungsprämie bezahlen zu können. Dabei ist das Risiko, das eine Hebamme bei jeder Geburt trägt, sehr hoch. Sie wird im Schadenfall haftbar gemacht, möglicherweise sogar strafrechtlich verfolgt und steht mit einem Bein im Gefängnis. Für viele Hebammen lohnt sich das nicht mehr. Sie ziehen sich zunehmend aus der Geburtshilfe zurück und betreuen Mütter nur noch vor und nach der Geburt.

Sie befürchten, dass freiberufliche Hebammen ab Mitte 2015 keine Geburten mehr betreuen können. Was würde das für werdende Mütter bedeuten?
Klenk: Die Frauen hätten keine Wahl mehr, ob sie zu Hause, im Geburtshaus oder im Krankenhaus entbinden möchten. In 97 Prozent der Fälle gehen sie in eine Klinik. Wenn eine Frau aber nicht ins Krankenhaus möchte, weil sie sich zu Hause am sichersten und geborgensten fühlt, warum soll sie das Kind nicht mit Hilfe einer Hebamme auch dort zur Welt bringen? Es gibt internationale Studien, die belegen, dass eine Hausgeburt sicher ist. Es geht hier um eine ganz persönliche Entscheidung, um Wahlfreiheit, die gesetzlich verbürgt ist. Es ist ein Frauenrecht und ein Recht auf Körperautonomie, das erhalten werden muss.

„Vielen Frauen ist die ganzheitliche Betreuung – vor, während und nach der Geburt – sehr wichtig.“

Es geht aber auch um die Beleghebammen in den Krankenhäusern. Nicht alle Kliniken arbeiten mit festangestellten Hebammen, in ländlichen Regionen sind es oft freiberufliche Beleghebammen. Wenn das nicht mehr ginge, wäre das ein großes Problem für die Mütter. Kein Arzt stellt sich 16 Stunden neben das Kreißbett oder geht mit der Mutter zwischendurch im Park spazieren, um die Wehen zu veratmen. Ärzte und Hebammen haben gänzlich verschiedene Professionen. Der Arzt ist wichtig, wenn die Geburt nicht normal verläuft, wenn beispielsweise ein Kaiserschnitt nötig ist. Die Hebamme braucht die Frau auch für die psychosoziale Betreuung. Vielen Frauen ist die ganzheitliche Betreuung – vor, während und nach der Geburt – sehr wichtig.

Zur Person

Martina Klenk
Martina Klenk ist seit 2009 Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, dem größten nationalen Hebammenverband. Zehn Jahre hat sie als Hebamme gearbeitet, davon sieben Jahre in leitender Position an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Gießen.

Vor ihrem Hebammenexamen studierte sie Germanistik, Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaften und arbeitete ein Jahr als Krankenschwester. Sie ist kinderlos.


Was wünschen Sie sich von der Versicherungswirtschaft?
Klenk: Faire Versicherungsbeiträge. Mit ihrem jetzigen Einkommen sind die Beiträge für die Hebammen nicht mehr zu erwirtschaften. Es ist ganz klar, dass Versicherer kalkulieren müssen. Wir sehen, dass sich die Schäden nach oben entwickeln und ich verstehe, dass es eine Frage der Wirtschaftlichkeit ist. Insofern sind wir sehr froh, dass wir das Versichertenkonsortium bis Mitte 2015 noch haben.

Wie sieht ihre politische Arbeit derzeit aus?
Klenk: Wir führen viele Gespräche mit der Politik. Zum Beispiel mit der Sozialministerin in Schleswig-Holstein, die eine Bundesratsinitiative starten will. Minister Gröhe hat uns vergangene Woche kurzfristige Hilfe zugesagt, damit die Hebammen weiter arbeiten und die Haftpflichtprämien bezahlen können. Ich bin seit fast fünf Jahren Verbandspräsidentin, es ist der dritte Bundesgesundheitsminister, mit dem ich verhandele. In den nächsten Wochen sind zahlreiche Gespräche mit Abgeordneten aller Fraktionen und mit der Vorsitzenden der Gesundheitsministerkonferenz geplant. Die Politik ist sehr offen, sieht die Dringlichkeit und ist an einer echten Lösung interessiert.

„Höhere Einkommen für die Hebammen sind ein wichtiger Punkt. Ein weiterer sind die Regresse der Sozialversicherungsträger.“

Was erwarten Sie konkret von der Politik?
Klenk: Wir sind erneut in Verhandlungen mit der gesetzlichen Krankenversicherung zur Höhe der Vergütungen. Höhere Einkommen für die Hebammen sind ein wichtiger Punkt. Ein weiterer sind die Regresse der Sozialversicherungsträger. Ich denke, das ist auch eine Frage der Kultur in unserem Land. Durch den Regressparagrafen, den wir in Deutschland haben, sind die Sozialversicherungsträger aufgerufen vom Schädiger Zahlungen wieder zurück zu holen. Herr Spahn hat kürzlich in einem Interview vorgeschlagen, dies möglicherweise zu begrenzen. Ein dritter Punkt ist die sehr lange Haftungszeit von über 30 Jahren. Sie ist auch eine sehr hohe psychische Belastung für die Hebammen. In jedem Fall brauchen wir eine langfristige strukturelle Lösung.

Wie könnte eine langfristige Lösung aussehen?
Klenk: Wir haben mehrere Lösungsvorschläge unterbreitet, die derzeit zur Prüfung im Bundesministerium für Justiz liegen. Wir fordern zum Beispiel eine Haftungsobergrenze, die bei drei Millionen Euro liegen könnte. Bis zu dieser Grenze würden sich die Hebammen versichern, Schäden darüber hinaus könnte ein steuerfinanzierter Fonds tragen. Eine solche Haftungsobergrenze könnte dann vielleicht auch den Markt für Versicherer wieder attraktiver machen.

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