28.02.2014
Auto

Mut zur Lücke – Neue Assistenzsysteme machen das Parken einfacher

(dpa) Piepsen und blinken können Autos in engen Lücken schon lange. Doch wenn es nach den Herstellern geht, wird das Parken demnächst noch einfacher. In den Visionen für die Zukunft rangiert der Wagen bald alleine – während der Fahrer im besten Fall schon beim Shoppen ist.

Ein moderner Supermarkt am Stadtrand von Tokio: Ein Honda Jazz rollt langsam vor den Haupteingang, die Fahrerin lässt den Wagen direkt vor der Tür stehen, drückt ein paar Tasten auf einem Touchscreen am Gebäude und geht shoppen. Während sie schon nach Milch oder Käse schaut, surrt ihr Auto wie von Geisterhand über das Parkdeck, lässt anderen Wagen den Vortritt, bremst für Fußgänger und rangiert selbst auf einen freien Stellplatz. Als die Frau nach zwei Stunden zurück kommt, wiederholt sich das Spiel in umgekehrter Richtung: Touchscreen bedienen, ein paar Sekunden warten, schon steht das Auto wieder bereit – natürlich gleich in Fahrtrichtung.

Honda ist mit seiner Vision für den Stadt- und Shoppingverkehr der Zukunft nicht allein: Fast alle Autohersteller arbeiten an elektronischen Parksystemen, die weit über das Piepsen und Blinken in engen Lücken oder die zielgerichtete Unterstützung beim Lenken hinausgehen. «In wenigen Jahren werden die Autos völlig autonom parken können», ist Honda-Entwickler Toshi Yokoyama überzeugt.

«Von der Serienreife trennt uns nicht mehr viel»
Zumindest auf einem Testgelände funktioniert das beschriebene Parkszenario schon reibungslos. «Und von der Serienreife trennt uns nicht mehr viel.» Der Gesetzgeber müsse noch zustimmen und der Supermarktbetreiber eine intelligente Parkraumüberwachung einrichten. Ähnliche Tests gibt es derzeit auch bei Audi. Schon auf der letzten Elektronik-Messe CES in Las Vegas haben die Bayern einen umgerüsteten A7 in ein vorher speziell präpariertes Parkhaus geschickt, während der Fahrer bereits zu seinem Meeting konnte. Mittlerweile sind die Entwickler einen Schritt weiter: Die Hardware ist komplett im Prototypen integriert, bestätigt ein Audi-Sprecher.

Das ebnet den Weg zum Serieneinsatz, der nur noch wenige Jahre entfernt ist. Bis das System in Parkhäusern funktioniert, werde es zwar noch ein wenig dauern – aber Längs- und Querparken am Straßenrand können Audis schon bald auch dann, wenn der Fahrer nicht mehr im Wagen ist, heißt es im Unternehmen. Die nächste Generation des Flaggschiffs A8 zum Beispiel sei dafür ein «heißer Kandidat».

Bis Autos völlig alleine parken, werden zunächst die bestehenden Systeme verbessert. BMW hat in diesem Jahr auf der CES die nächste Generation des Parkassistenten vorgestellt, der schon im Elektroauto i3 eingebaut wird. Die Elektronik übernimmt nicht nur die Querführung und greift dem Fahrer auf Knopfdruck ins Lenkrad, sondern bremst und beschleunigt auch, erläutert Pressesprecher Cypselus von Frankenberg. Der Fahrer halte lediglich den Parkschalter in der Mittelkonsole gedrückt und überwache das Geschehen. Lässt er den Knopf los, weil überraschend ein Fußgänger den Weg kreuzt, wird der Vorgang abgebrochen, kann danach aber sofort wieder aufgenommen werden.

Hersteller setzen auf immer mehr Elektronik
Damit es gar nicht mehr zu solchen Überraschungen kommt, setzen die Hersteller auf immer mehr Elektronik. Schon jetzt sind viele Autos von der Kompaktklasse aufwärts reihum mit Kameras bestückt, deren Aufnahmen elektronisch zu einem 360-Grad-Bild auf dem Monitor verschmelzen und den Blick nach draußen fast überflüssig machen.

In Autos wie dem neuen Nissan Qashqai gibt es außerdem elektronische Sensoren, die vor bewegten Objekten im schlecht einsehbaren Bereich warnen, erklärt Produktmanager Stewart Callegari von Nissan. «Anders als die bekannten Einparksensoren erkennt das System nicht nur Objekte im direkten Fahrweg, sondern überwacht ein weitaus größeres Feld. Erkennt das künstliche Auge ein bewegliches Objekt, etwa ein spielendes Kind, wird akustisch wie optisch Alarm ausgelöst.»

Ein großes Auto in eine enge Lücke zu zirkeln, ist für viele Fahrer schon eine schwere Prüfung. Aber wenn noch ein Anhänger dran hängt, müssen selbst Parkplatzprofis oft passen. Dagegen soll das «Smart Trailer Parking» helfen, das der Zulieferer ZF aus Friedrichshafen entwickelt hat: Das Assistenzsystem basiert auf einer Smartphone-App, die online mit Lenkung und Antrieb des Wagens verknüpft ist. Der Fahrer steigt aus und fährt mit dem Finger. Die Serienreife ist dem Unternehmen zufolge bereits bewiesen. Nun ist man auf der Suche nach einem Autohersteller, der das System einbaut.

«Trügerische Sicherheit der klassischen Warnhinweise»
Selbstparkende Autos dürften auch die Zahl der Parkrempler und Lackschäden senken – sollte man meinen. «Bestätigen lässt sich diese Erwartung allerdings noch nicht», sagt Siegfried Brockmann. Er ist Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) und befürchtet nach aktueller Datenlage sogar eine gegenteilige Entwicklung: «Zumindest die klassischen Warnhinweise könnten die Fahrer in einer trügerischen Sicherheit wiegen. Weil man sich auf die Technik verlässt, erhöht man das Tempo und fährt den Assistenzsystemen buchstäblich davon: Mit dem ersten Piepsen hört man dann schon den Einschlag.»

Forschung zu den Auswirkungen von Parkassistenten gebe es allerdings noch nicht, räumt der Experte ein. Von Versicherungen werde es dafür jedenfalls so schnell keine Rabatte geben. Denn es wisse ja niemand, ob die Systeme auch eingeschaltet werden. Trotzdem profitierten die Versicherten von dieser Entwicklung: «Wenn es – auch wegen der Parkassistenten – weniger Unfälle gibt, verbessert sich beim Auto die Typklasse, beim Fahrer steigt der Schadensfreiheitsrabatt, und unter dem Strich wird die Versicherung günstiger.»

Quelle: dpa

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