13.01.2014
Interview Jörg von Fürstenwerth

„Kunden sicher durch Niedrigzinsphase bringen“

Leitzinsen nahe Null, Bewertungsreserven-Beteiligung und Schutz vor Naturgefahren – das sind nach Überzeugung von Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der GDV-Hauptgeschäftsführung, die zentralen Themen auch 2014. Zu den Herausforderungen für die Branche äußert er sich im Interview.

Glauben Sie, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen noch lange auf dem aktuellen Niedrigniveau lassen wird? Was bedeutet das mittelfristig für die Versicherungswirtschaft, wenn sich daran nichts ändert?
Jörg von Fürstenwerth: 2013 ist das Jahr eines historisch niedrigen Zinses gewesen. Fast alle Experten erwarten, dass die Phase des Niedrigzinses auch 2014 anhalten wird. Aus unserer Sicht war es das falsche Signal der Europäischen Zentralbank (EZB), die Leitzinsen auf jetzt nur noch 0,25 Prozent zu senken. Bei der EZB sollte hier rasch ein Umdenken einsetzen. Durch die niedrigen Zinsen verringern sich die Erträge unserer Produkte, das Vorsorgevermögen wird entwertet und die für Deutschland geradezu sprichwörtliche Spar- und Vorsorgekultur erodiert.

Die Branche musste 2013 etwa 6,5 Milliarden Euro allein in die Zinszusatzreserve stecken, um die zu erwartenden geringeren Kapitalerträge zu kompensieren. Inzwischen finden unsere Warnungen vor den negativen Folgeeffekten einer lang anhaltenden Niedrigzinsphase aber immer mehr Unterstützer, darunter der Bundesfinanzminister, die Finanzaufsicht BaFin und die Bundesbank.

Sie fordern ja, dass die Beteiligung auslaufender und gekündigter Versicherungsverträge an den Bewertungsreserven korrigiert wird. Mit welcher Begründung? Glauben Sie, dass die neue Bundesregierung und der Bundesrat da mitspielen werden?
Fürstenwerth: Die dringend notwendige gesetzliche Neuregelung der Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven sollte von der neuen Bundesregierung möglichst bald auf die Tagesordnung gesetzt werden, denn die aktuelle Rechtslage ist ökonomisch unsinnig. Sie zwingt uns – ausgerechnet in Zeiten historisch niedriger Zinsen – zu Sonderausschüttungen in bisher nie dagewesener Höhe. 2013 haben die Lebensversicherer jeden Monat etwa 300 Millionen Euro an Bewertungsreserven ausgeschüttet – 80 Prozent mehr als 2011. Diese Substanz brauchen wir aber, um die Lebensversicherung wetterfest zu machen.

Zur Person

Jörg von Fürstenwerth ist seit 1996 geschäftsführendes Präsidiumsmitglied und Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV).

Von Fürstenwerth studierte Rechts- und Staatswissenschaften sowie Volkswirtschaftslehre in Bonn und London. 1985 promovierte er mit einer Arbeit zum Außenwirtschaftsrecht an der Universität zu Köln zum Dr. jur.


Welche Entwicklungen erwarten Sie für die einzelnen Versicherungssparten im neuen Jahr?
Fürstenwerth: In der Lebensversicherung ist es unsere Aufgabe als Branche, unsere Kunden gut und sicher durch die Niedrigzinsphase zu bringen. Um das zu gewährleisten, haben wir in der Vergangenheit schon einiges auf den Weg gebracht: Neben dem Aufbau einer Zinszusatzreserve senken wir zum Beispiel die Überschussbeteiligung, diversifizieren unsere Kapitalanlagen und bieten Lebensversicherungsverträge mit neuen Garantiemodellen an. Wir werden auch nicht umhin kommen, uns weiter um das Thema Kosten zu kümmern, um unsere Produkte attraktiv zu halten.

Für die Sachversicherer bleibt der Schutz vor Naturgefahren ein wichtiges Thema: Die jüngste Flut hat einmal mehr deutlich gemacht, dass zu guter Vorsorge Präventionsmaßnahmen und Versicherungsschutz gehören. Die Bevölkerung weiter für diese Risiken zu sensibilisieren und aufzuklären, dafür setzen sich die Versicherer unvermindert ein. Es könnten weit mehr Menschen von der Leistungsfähigkeit der Versicherer profitieren. Dabei arbeiten die Gebäude-, aber auch die Autoversicherer weiter an der Ertragsverbesserung.

„Die Neuregelung der Bewertungsreserven-Beteiligung hat für uns höchste Priorität.“

Was wünschen Sie sich von der neuen Bundesregierung? Was sollte sie im Versicherungsbereich am dringlichsten anpacken?
Fürstenwerth: Die Neuregelung der Bewertungsreserven-Beteiligung hat für uns höchste Priorität. Daneben erhoffen wir uns auch durch ein Plädoyer der neuen schwarz-roten Bundesregierung für das Drei-Säulen-Modell eine Stärkung der Lebensversicherung. Ein solches klares Bekenntnis zur Notwendigkeit privater Altersvorsorge – etwa zur Riester-Rente – vermissen wir im Koalitionsvertrag.

Was erwarten oder befürchten Sie im neuen Jahr an Veränderungen vonseiten der Europäischen Union? Wie schätzen Sie die Auswirkungen von Solvency II nach dem aktuellen Stand ein?
Fürstenwerth: Auf EU-Ebene gibt es derzeit mehrere Regulierungsvorhaben, die die Versicherungsbranche betreffen und die 2014 weiter ausgearbeitet werden. Im Vordergrund steht das neue Aufsichtsrecht Solvency II. Nach der Einigung über die wesentlichen Eckpunkte im November geht es nun darum, die Details zügig auszugestalten, wenn das Regelwerk wie geplant ab 2016 vollständig in Kraft treten soll. Die Europäische Kommission muss dazu einen Entwurf für die delegierten Rechtsakte vorlegen. Sie beschäftigen sich etwa mit der Frage, wie versicherungstechnische Rückstellungen genau bewertet werden oder wie die Anforderungen an die Berichterstattung zu erfüllen sind.

Die Auswirkungen von Solvency II lassen sich noch nicht vollständig abschätzen. Sicher ist, dass der vorliegende Kompromiss das Angebot von Garantien auch in Zukunft möglich macht, wenngleich es für die Versicherer anspruchsvoller wird. Welche Auswirkungen das Regelwerk konkret auf die Produktgestaltung und den Kapitalbedarf der Unternehmen haben wird, lässt sich erst bewerten, wenn die Details feststehen.

Neben Solvency II gibt es noch drei parallele Initiativen, die sich mit der Regulierung von Finanzmarktprodukten und -akteuren befassen. Dazu gehören die Neufassung der Finanzmarktrichtlinie (MiFID2), die Novellierung der Versicherungsvermittlerrichtlinie (IMD2) sowie die Verordnung zu Basisinformationsblättern für Anlageprodukte (Packaged Retail Investment Products, PRIPs). Es ist nach heutigem Stand möglich, dass die Gesetzgebungsverfahren zu allen drei Initiativen im Jahresverlauf abgeschlossen werden.

„Der ökonomische Rahmen hat sich wegen der Niedrigzinsphase fundamental geändert. Daher stehen die Produktkosten insgesamt – nicht nur die Provisionen – besonders im Fokus.“

Erwarten Sie Veränderungen bei den Vergütungssystemen durch politische Vorgaben oder auch als schleichenden Prozess, der von der Branche ausgeht, beispielsweise in Form einer stärkeren Gewichtung der Betreuungsprovision?
Fürstenwerth:
Das Thema Vergütungen im Finanzvertrieb hat für die Politik eine hohe Bedeutung. Davon zeugt nicht nur die im Koalitionsvertrag von Union und SPD vereinbarte Stärkung der Honorarberatung, auch die Neufassung der EU-Vermittlerrichtlinie widmet sich dem Thema Provisionen. Insofern ist der politische Druck da.

Welche Änderungen die Unternehmen unabhängig von etwaigen Gesetzesänderungen an ihren Vergütungssystemen vornehmen, liegt allein in ihrer Entscheidung und wird vom GDV nicht kommentiert. Klar ist: Der ökonomische Rahmen hat sich wegen der Niedrigzinsphase fundamental geändert. Daher stehen die Produktkosten insgesamt – nicht nur die Provisionen – besonders im Fokus.

Werden Sie Ihre Initiative zur Deckelung der Provisionen in der Lebensversicherung weiterverfolgen?
Fürstenwerth: Der GDV hat keine Initiative zur Deckelung der Provisionen gestartet, sondern einen Diskussionsprozess, der dazu dienen soll, uns als Branche für den Dialog mit der Politik zu positionieren. Beschlüsse zu konkreten Provisionsstrukturen oder -höhen wird der Verband allein schon aus kartellrechtlichen Gründen nicht fassen.

Sind Sie mit der bisherigen Beteiligung an Ihrem neuen Verhaltenskodex zufrieden? Es gibt ja mehrere Initiativen in dieser Richtung in der Branche. Sehen Sie darin einen neuen Trend oder sind die Möglichkeiten zu Veränderungen über Selbstverpflichtungen und Ethikrichtlinien begrenzt?
Fürstenwerth: Mit der Beteiligung am verschärften Verhaltenskodex für den Vertrieb sind wir sehr zufrieden. Bislang sind 151 Unternehmen dem Kodex beigetreten, die gemessen an den Beitragseinnahmen rund 70 Prozent des relevanten Marktes abdecken. Wir sind davon überzeugt, dass die Zahl noch steigen wird. Weitere Unternehmen haben ihren Beitritt bereits avisiert.

Der GDV hält Selbstverpflichtungen für ein sinnvolles Instrument, da sie schnelle und branchenspezifische Lösungen in Eigenverantwortung möglich machen. Der GDV setzt mit der im Kodex verankerten externen Kontrolle durch Wirtschaftsprüfer sehr hohe Maßstäbe, wie sie in keiner anderen Branche gelten. Unternehmen, die dem Kodex beitreten, müssen sicherstellen, dass sich „ihre“ Vermittler regelmäßig weiterbilden und dies auch nachweisen können. So entfaltet der Kodex seine volle Wirkung.

Das Interview ist zuerst bei Versicherungspraxis24 erschienen.